Serie: LONDON. Porträt einer Stadt von Reuel Golden bei Taschen, Teil 1/2

 

Anna von Stillmark und Claudia Schulmerich

 

Hamburg (Weltexpresso) – Gutes Timing ist die halbe Miete, sagen sich nicht nur derzeit die Londoner, sondern hat der Taschen Verlag schon beizeiten beschlossen und zur diesjährigen Sommerolympiade im Moloch London ein Stadtporträt vorgelegt, daß man besser nicht auf Reisen mitnimmt, sonst holt man sich den Bruch, aber das zu Hause auf einen wartet oder einen vorbereitet hatte – oder: lassen Sie die Spiele sein und vergnügen Sie sich stattdessen mit diesem Buch!

 

Auf Seite 69 sind wir eher zufällig hängen geblieben. Ja, wir sind Katzenfans und trauen denen alles zu. Aber wie hat der Bowler behütete Herr mit dem steifen weißen Kragen und dem rasanten Schnauzer das nur hinbekommen, daß sich auf seinem Tisch, mitten auf der Straße, mit Troddeln verschönt, auf der Tischplatte zwei Katzen um einen Stab – ja, was nun, raufen sie um den oder halten sie im Teamwork den Stab aufrecht, während der Herr da stolz auf seine Tiere blickt und zwei weitere Bowlertypen tiefversunken zuschauen. Hat er den Katzen gar als Lohn einen der Vögel versprochen, die in einer Kleinstvoliere auf dem Tisch ihren natürlichen Feinden zugucken müssen, aber schön geschützt sind.

 

Wir schauen auf eine ganzseitige – größer als DIN A 4 – Fotografie von Marion &Co aus den 1880 Jahren! Da waren die Bowlerhüte gerade mal 20 Jahre alt, die ein gewisser Thomas William Bowler erstmals 1860 gefertigt hatte, die aus schwarzem Filz sind und eine steife Krempe haben und auf Deutsch Melone genannt werden, in England aber auch Coke, nach dem Zweiten Earl von Leicester, der der erste Träger dieses Bowlers wurde. Das nur nebenbei. Uns interessieren immer noch die Katzen. Die eine, ein Tigerchen auf der Rechten hat ihre Vorderpfoten allerliebst um den aufrecht stehenden dünnen Stab geschlungen, die andere, eine Schönheit in Schwarz-Weiß, stemmt ihre dagegen, macht aber auch die Augen zu.

 

Wozu wir da „süß“ sagen, ist natürlich eine ausgemachte Tierausnutzerei, die der Londoner Straßenhändler da betreibt und wohl davon leben kann, woher könnte er sonst den Bowler bezahlen. Blättert man weiter, so erhält man so viele Eindrücke vom Leben von vorgestern in dieser Stadt von heute, daß man getrost bei Dickens weiterlesen kann, der so vielseitig, genau und emotionsreich wie kein anderer vom Leben auf London Straßen im 19. Jahrhundert geschrieben hat und der dieses Jahr seinen zweihundertsten Geburtstag feierte, weshalb ihn auch der Weltexpresso in London zu seiner Jubiläumsausstellung besucht hatte.

 

Wir wissen also, wovon wir sprechen, wenn wir im ersten Kapitel des nach Jahreszahlen unterteilten Stadtporträts DIE MONSTERSTADT von 1837 bis 1901 betrachten, auf den vielen Fotos bis Seite 101, die eingeleitet sind durch ein Essay in jeweils Englisch, Deutsch und Französisch, wobei die Bilder in den Essayabdrucken jeweils dreisprachig geboten sind. Doch, das geht sehr gut mit den erklärenden Texten und gibt einem jederzeit das Gefühl, sich in den Schwarz-Weiß-Fotografien auf Londons Straßen zurechtzufinden. Wir haben nicht überprüft, welches die frühesten Bilder sind, aber mitbekommen, daß die von 1839, 1841 und 1845 alle die Namen der ersten Fotografen tragen, die als ANONYMUS gekennzeichneten die späteren gegen Jahrhundertende sind. Fortsetzung folgt.

 

Info zum Gebrauch des Buches:

 

Das Buch endet mit dem Hinweis auf Peter Ackroyds LONDON. Eine Biographie. Das stimmt schon. Dies Buch von Taschen ist mehrere Leben über zwei Jahrhunderte in einem dicken Band auf über 500 Seiten. Aber man hat nicht genug. Wer noch mehr wissen will, kann also im Ackroyd weiterlesen. Er kann aber auch die unten aufgeführten Links in dieser Zeitung aufrufen, denn auch wir haben Grund gehabt, viel über London zu schreiben, denn ein Jubiläum hatte auch die englische Königin.

 

Zuvor aber wollen wir noch den Anhang loben. Da gibt es Kurzbiographien zu den Fotografen, die wir hier in den Texten fast vollständig unterschlagen haben, auch Frauen sind darunter, aber auch geschichtlich bedeutsame Personen wie beispielsweise Anthony Armstrong-Jones, der als Lord Snowdon Prinzessin Margaret heiraten durfte. Bekannt ist auch Cecil Beaton, der Meistermodemacher von Frauen, und so viele andere, daß das Verzeichnis 19 eng beschriebene Seiten umfaßt. Eine schöne Idee ist es, dann auch noch Filmempfehlungen auszusprechen. Die erste ist BLACKMAIL von Alfred Hitchcock aus dem Jahr 1929! Der hatte doch damals tatsächlich schon gefilmt. Andere Filme von ihm, die in London spielen, werden dann unterschlagen, aber dies papieröffentlich.

 

Darunter für uns viele Neuheiten. Noch nie hatten wir von PASSPORT TO PIMPLICO gehört, aus dem Jahr 1949 von Henry Cornelius. Das ist eine Komödie – lesen wir -, die absurd und fröhlich die Explosion einer Bombe in der Nachkriegszeit zeigt (?) und überhaupt alles ein bißchen anders erscheinen läßt, denn Pimplico, nahe der Victoria-Station, gehört im Film zum französischen Burgund(?). Nein, darauf können wir uns keinen Reim machen, aber das muß man auch nicht bei 51 Filmen, die hier aufgeboten werden, wobei schon allein die Dickens-Verfilmungen einen gut Teil ausmachen. Carol Reed, ja, der vom Kultfilm DER DRITTE MANN, hatte 1968 OLIVER! verfilmt, das muß Oliver Twist sein und dafür den Regie-Oscar erhalten, das haben wir behalten.

 

BLOW-UP von Michelangelo Antonioni von 1966 ist auch dabei und die Ladykillers, von denen man eigentlich nur Alec Guiness erinnert, weniger, daß Alexander Mackendrick den Film 1955 gedreht hat. A CLOCKWORK ORANGE, die Romanverfilmung durch Stanley Kubrick bringt die Monsterbauten von London zum Einsatz und David Lynch nimmt die Monströsitäten des 19. Jahrhunderts mit THE ELEPHANT MAN in den Blick. Stephen Frears steuert Filme bei, die in den Sechzigern und Achtzigern spielen und typisches London zeigen, während Tom Hooper mit THE KING'S SPEECH die Monarchie menschlich macht. Schon wieder ein Oscar! Ja, London macht was her.

 

Aber, das war noch nicht alles: Musikempfehlungen gibt es auch. CLIFF von Cliff Richards ist auch dabei, und so viel von den Rolling Stones, The Kinks, The Who, Dusty Springfield, den Beatles, David Bowie, Elton John, Sex Pistols und so vielen anderen modernen Schmetterern. Schade, daß die Musikempfehlungen erst mit HAMMERSMITH von Gustav Holst beginnen, der an diesem Londoner Vorort die Gezeiten der Themse musikalisch nachempfindet. Aber auch zuvor gab es so viele Musicals und sogar Opern, die man hätte aufführen können. Da ist dieses schöne Taschenbuch ein wenig zu sehr dem Pop-Song verfallen.

 

Die Literaturempfehlungen allerdings, die beginnen dann rechtzeitig mit VANITY FAIR, diesem hinreißenden Wälzer von W.M.Thackeray von 1848, der satirisch das aufgeblasene London schon vorwegnimmt. Die Dickens-Romane, einer nach dem anderen ein Sittenbild Londons und darum auch eines der Zeit der beginnenden Industrialisierung. Die Gruselgeschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson von 1886 darf nicht fehlen, wie auch der Sherlock Holmes von Sir Arthur Conan Doyle, dessen erster Band 1887 erschien. Oscar Wildes Dorian Gray folgte 1891 und wir müsse uns jetzt am Riemen reißen, denn mit einem Male liegt die ganze englische Literaturgeschichte der letzten zweihundert Jahre zu unseren Füßen, weshalb wir rasch mit dem vorletzten Buch enden, mit SATURDAY VON Ian McEwan, einem echten Londonbuch.

 

Was uns allerdings auffällt, das ist, wie eng die Literatur auf das Englische bezogen ist. Denn der Deutsche Buchpreis 2006 ging an DIE HABENICHTSE von Katharina Hacker, die ihr junges Paar nach London ziehen läßt und darin London ausführlich beschreibt. Der INDEX schließlich hat hier für uns eine neue Dimension. Jawohl, in ihm sind die Namen auf drei Seiten alphabetisch aufgeführt. Das kann man schnell überfliegen und kommt dann drauf, daß auch Schauspieler Hugh Grant auf Seite 535 vorkommt, die feine Lady Godiva auf Seite 376, Madonna auf Seite 520, aber auch Napoleon III. auf den Seiten 9,11,15, 17, 23 und 25! Mussolini auch viermal, aber Marilyn Monroe nur zweimal, dafür ihre Nachfolgerin als Ehefrau des amerikanischen Schriftstellers Arthur Miller in vierfacher Erwähnung.

 

Diese Inge Morath war nämlich eine berühmte österreichische Fotografin und hat auch immer wieder in London Aufnahmen gemacht. Sie selbst war ab 1962 mit Miller verheiratet und blieb dies ganz gegen amerikanische Gewohnheiten der Berühmtheiten bis zu ihrem Tod im Jahr 2002. Ja, da kommt man schon ins Räsonieren, wenn man mit London erst anfängt, denn London ist einerseits die geschichtliche Welt Englands, andererseits das globale Dorf der Welt, was aus der Geschichte des Commonwealth leicht zu erklären ist. Ein Buch fürs Leben.

 

Reuel Golden ist Lektor für Fotografiebücher bei Taschen, hatte u.a. das Buch über New York herausgegeben und sowohl dort wie auch in London gelebt, wo er aufwuchs.

 

Reuel Golden, LONDON. Porträt einer Stadt, dreisprachig Englisch, Deutsch, Französisch, Verlag Taschen 2012

 

 

www.taschen.com

 

 

Elizabeth II. Im Weltexpresso:

http://weltexpresso.tj87.de/index.php/unterwegs/409-god-save-the-queen

 

http://weltexpresso.tj87.de/index.php/unterwegs/410-macht-und-liebe-in-england-und-im-film

 

http://weltexpresso.tj87.de/index.php/buecher/454-ein-leben-auf-dem-thron-ihr-erinnerungsalbum-aus-dem-elisabeth-sandmann-verlag

 

 

Dickens:

http://weltexpresso.tj87.de/index.php/buecher/411-die-ausstellung-dickens-und-london-im-museum-of-london

 

http://weltexpresso.tj87.de/index.php/buecher/412-die-dickens-ausstellung-in-london-erzaehlt-von-einem-mann-und-seiner-stadt

 

http://weltexpresso.tj87.de/index.php/buecher/413-nicht-alle-13-143-literarischen-figuren-dickens-sind-in-seiner-londoner-ausstellung

http://weltexpresso.tj87.de/index.php/buecher/673-hans-dieter-gelferts-charles-dickens-der-unnachahmliche-aus-dem-c-h-beck-verlag

 

http://weltexpresso.tj87.de/index.php/buecher/681-verschraenkung-von-leben-und-werk-in-gelferts-dickens-biographie-im-beck-verlag

 

 

Elizabeth II.:

http://weltexpresso.tj87.de/index.php/buecher/641-thomas-kielinger-save-the-queen

 

http://weltexpresso.tj87.de/index.php/buecher/642-thomas-kielinger-als-fan-der-queen