f payanSerie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 20. Juli 2017, Teil 2

Filmheft

Paris (Weltexpresso) – Als Sie das Drehbuch gelesen haben – waren Sie gleich begeistert? Und hatten Sie keine Bedenken, sich auf ein Erstlingswerk einzulassen?

Ich wirke sehr gerne bei ersten Filmen mit, mag die Geburt eines Regisseurs. Das sind oft intensive Momente. Das erste Mal hat eine sehr besondere Würze. In unserem Fall handelt es sich um eine großherzige Komödie, sympathisch, mit etwas irgendwie Einzigartigem. Das Zusammentreffen mit Nadège hat mich noch bestärkt. Ich mochte die Geschichte dieser dysfunktionalen Familie sehr. Ich fand sie lustig, unkonventionell, und alles unter den Verzeichen einer populären Komödie. Mit einer besonderen Tonart und ohne den Zynismus von Filmen, die gemacht werden, um zu gefallen.


Nadége Loiseau hat nur Sie in dieser Rolle gesehen ...

Wenn Regisseure dich vor Augen haben, dann immer aus Gründen, die für uns Schauspieler nicht ganz nachvollziehbar sind. Wenn wir sie danach fragen, liefern sie uns manchmal Erklärungen, die uns wundern. Vielleicht, weil man sich selbst nicht so sieht, wie andere das tun. Für mich ist das jedenfalls nie ein Grund, ein Projekt anzunehmen. Wenn etwas speziell für mich geschrieben wurde, stört mich das sogar, weil ich das Gefühl habe, vielleicht nicht den Vorstellungen des Regisseurs zu entsprechen.

Aber Nadège hat gewartet, bis ich zugesagt hatte, ehe sie mir das erzählte. Sie hat ganz offensichtlich auch deshalb an mich gedacht, weil ich das richtige Alter für die Rolle habe. Darüberhinaus auch, glaube ich, weil wir beide etwas teilen, was Leute aus einem ähnlichen Umfeld manchmal gemeinsam haben: Eine Art gesunden Menschenverstand. Ich komme aus der Normandie, sie aus dem Norden ... Das war anfangs gar nicht ersichtlich, hat sich dann aber immer klarer herauskristallisiert. Wir hätten wirklich Cousinen sein können!


Wie hat sich das bemerkbar gemacht?

Nadége hat viel Kraft und eine enorme Energie, die ihre Sensibilität und Emotionalität manchmal verbergen. Genau so bin ich auch gewesen. All meine Anstrengungen als Frau, die sich entwickelt, die altert, kreisen darum, meine Emotionen zuzulassen, meine Gefühle auszugleichen ... Und dann bietet sie mir diese Rolle an und führt mich genau dorthin. Ich meinerseits habe meine Erfahrung, meine Reife eingebracht. So ist ein lockeres Band entstanden, eine Aufgabenverteilung von Frau zu Frau. Das ist lustig, denn genau davon handelt auch der Film.

Außerdem hatte mich der Tod meiner Freundin, der Regisseurin Sólveig Anspach, die mir sehr nahe stand, im August letzten Jahres tief erschüttert. Sie fehlte mir, sowohl als Freundin als auch als Kollegin. Es war, als hätte Sólveig Nadège auf meinem Weg getroffen. Als hätte sie mir eine kleine Cousine geschickt, die mir sagen soll: “Sieh mal, da ist eine junge Frau, mit der du interessante Sachen machen kannst.”


Sie haben ohne Angst die Rolle einer reifen Frau akzeptiert?

Ich würde wirklich gerne Frauen um die 30 spielen, aber ich wäre nicht mehr glaubwürdig! Ich habe also nicht unbedingt die Wahl. Jeder weiß, wie alt ich bin. Auch im Internet kursiert mein Geburtsdatum. Natürlich würde ich schrecklich gern immer und ewig eine Frau von 35 Jahren bleiben, aber so funkioniert das Leben nicht. Sich dagegen aufzulehnen wäre eine Verschwendung von Zeit und Energie für nichts und wieder nichts.


Die Geschichte dieser Frau am Anfang der Menopause, die entdeckt, dass sie schwanger ist, welchen Eindruck hat das auf Sie gemacht?

Alptraumhaft! Ich würde so etwas nie erleben wollen. Ich finde, dass das Leben gut eingerichtet ist, jedes Alter hat seine Zeit. Ja, mit 50 ist man nicht mehr in der Lage, Kinder zu haben, da sollte man sich um sich selbst kümmern, auf altersbedingte Anforderungen hören, das ist nicht schlecht eingerichtet so. In diesem Alter ein Kind zu bekommen, das zehn ist, wenn man selbst 60 wird – ich verurteile das nicht, aber ich selbst könnte das wirklich nicht.


Es geht aber, im Verlauf dieser Schwangerschaft, um die Aufgabe der Frauen unterschiedlichen Alters und darum, was sich – oder was sich nicht – von der Mutter auf die Tochter überträgt?

Vor dem Hintergrund dieser sehr sympathischen und dysfunktionalen Familie ist es eine gute Gelegenheit, sich all diese Rollen anzuschauen, die Frauen einnehmen, wenn sie 50 werden. Der Moment der Sorge um die eigenen Eltern, die betagt sind. Wenn man sich sagt, dass man selbst nie wieder Mutter sein wird, und darüber traurig ist. Der Augenblick, an dem die Kinder das Haus verlassen ... Der Film richtet sich an ein Familienpublikum, aber hintenherum sagt er sehr erstaunliche und wahre Dinge. Er hinterfragt: Was bedeutet es, Mutter zu sein, wenn man selbst ein Kind mit 15 hatte? Ist man dadurch eine bessere Mutter, dass man ein Kind in einem Alter hat, wo man noch keins haben sollte? Was macht das mit einem? Man hat eine kleine Enkelin von sechs Jahren und wird trotzdem schwanger, was bedeutet dieses Baby für sie? Sich mit einem Kind wiederzufinden, das genauso alt oder jünger ist als die eigene Enkeltochter, das ist heikel.

Die atmosphärischen Störungen zwischen den Generationen sind kompliziert genug. Auch davon handelt der Film, aber ohne eine Lektion zu erteilen. Also, diese Frau ist schwanger, sie trägt neues Leben in sich und hat gleichzeitig eine Mutter, die ihr sagt, dass sie sterben möchte, dass die Tochter es nie schaffen wird mit ihr und einem Baby. Das sind sehr sensible Themen.


Nicole ist auch der starke Teil der Beziehung ...

Sie ist eine dieser starken Frauen, die im Alltag konfrontiert sind mit Männern im Gemütlichkeitsmodus, die sich ein bisschen gehen lassen. Im volkstümlichen Milieu haben die Frauen oft die Hosen an, sie kümmern sich um die Kinder, stellen wie nichts das Essen auf den Tisch, sie garantieren den Fortbestand der Familie. Vor allem in englischen Filmen sieht man das. Ich glaube, DAS UNERWARTETE GLÜCK DER FAMILIE PAYAN ähnelt diesen Komödien und ist in diesem Sinne eher britisch als französisch.


Kann man von einer reinen Komödie sprechen?

Es gibt auch Emotionalität, Momente, in denen es wehtut. Ich weiß nicht warum, aber mich packt die Szene, wenn die Kleine mit ihrer Mutter Autoscooter fährt und ihr sagt: Hey Alte, ich steh auf dich!! Oder der Moment im Badezimmer mit ihrer Mutter, die ihr sagt, “ich möchte gehen”, das sticht. Was mir gefällt, ist, dass man nie in Geiselhaft genommen wird. Es gibt keine Manipulation, keine Musik, die dir sagt, dass du jetzt weinen sollst. Der Film gibt nicht den Bösen, er bleibt eine Komödie, aber eine mit Sensibilität gespickte. Was ich auch liebe, ist, dass es inmitten dieser dysfunktionalen Familie, die sich auch ein paar bittere Wahrheiten um die Ohren haut, viel Zärtlichkeit gibt.


War die Stimmung am Set ebenfalls familiär?

Es war toll, mit all den Menschen zusammenzusein. Ich war es, die Philippe Rebbot ins Gespräch gebracht hat. Beim Lesen dachte ich, er würde sich fantastisch in der Rolle machen. Er ist ein Schauspieler von unglaublicher Wahrhaftigkeit, und er ist auch privat ein Freund. Ich habe gespürt, dass ich in dieser Geschichte ein sehr vertrauensvolles Verhältnis mit meinem Mann haben muss. Und im Verlauf der Dreharbeiten habe ich die anderen entdeckt.

Die Kleine hat mich begeistert. Sie ist wirklich eine Schauspielerin, eine junge von sechs Jahren, die versteht und weiß und mit echter Freude spielt. Manon Kneusé habe ich vergöttert. Und natürlich auch Hélène Vincent, ein Wunder an Einfühlungsvermögen und Intelligenz. Diese Begegnungen habe ich sehr gemocht. Und dann war da Nadège als Kapitän des Schiffs. Jeder Dreh hat sein Eigenleben, der eine bestimmte Art von Beziehungen mit sich bringt. Der von DAS UNERWARTETE GLÜCK DER FAMILIE PAYAN war sehr harmonisch, sehr angenehm.

Foto: © Verleih

Info:

Abdruck aus dem Presseheft S. 8/9

Darsteller

Nicole Payan          Karin Viard
Jean-Pierre Payan  Philippe Rebbot
Mamilette                Hélène Vincent
Arielle Payan           Manon Kneusé
Zoé                         Stella Fenouillet
Toussaint                Antoine Bertrand
Vincent Payan         Raphael Ferret
Docteur Gentil        Grégoire Bonnet
Damien                   Côme Levin
Jackie                     Nadège Beausson-Diagne