hwk 201811922 1Vor der Berlinale (2)

Hanswerner Kruse und Hannah Wölfel

Berlin (Weltexpresso) - Auf dem Weg zum Potsdamer Platz. Montagfrüh in der S-Bahn, zwei junge Frauen fangen plötzlich wild an zu knutschen, küssen sich leidenschaftlich. Eine dunkelhäutige Frau mit schwarzen Krisselhaaren und eine blassweiße Frau mit langen rötlichen Wallelocken. Beide trennen sich am Bahnhof Friedrichstraße. In der grauen S-Bahn ein farbenfroher und sinnlicher Abschied wie in einer Filmszene, von der jedoch (scheinbar) niemand Notiz nimmt.

Wenig später sehe ich als ersten Film in der Sektion „Panorama“ den österreichischen Film „L’animale“ von Katharina Mueckstein. Die burschikose, Motorcross fahrende Mati steht kurz vor dem Abitur - ihrer Reifeprüfung -, als sie Paula kennenlernt. Sie löst sich aus der aggressiven Jungenclique, in der sie durchaus was zu sagen hat und verliebt sich in die einige Jahre ältere Paula. Aber anders als in der Berliner S-Bahn, halten die kümmerlichen Kleinstadt-Machos das gar nicht aus und terrorisieren brutal die beiden Mädchen. „L’animale“ ist ein Film über die Liebe und das Erwachsenwerden und wird auch in der Berlinale-Sektion „Generationen“ gezeigt werden.

Einen Tag lang habe ich letzte Woche in diesem Bereich bereits Kinder- und Jugendfilme gesehen, die sich auf vielfältige Weise mit dem Thema Liebe auseinandersetzen. Sie entsteht behutsam zwischen zwei jungen Menschen in dem sehr langen Road Movie „303“ von Hans Weingartner. Oder die Liebe des 15-jährigen Cobains (im gleichnamigen Film) zu seiner drogensüchtigen, hochschwangeren Mutter ist unerschütterlich, endet aber sehr monströs.

Gut 70.000 meist junge Zuschauer*innen besuchten bei der letzten Berlinale die Reihe „Generationen“, das waren zwanzig Prozent des Gesamtpublikums von 350.000. Eine sensationelle Besucherzahl, wo doch heutzutage die Jugendlichen angeblich alle das Kino scheuen. Sensationell auch deshalb, weil die Kids ja Popcorn zum Glotzen brauchen - und das ist auf der Berlinale in allen Kinos verboten. Doch etliche Vorab-Filme der Festspiele werden derzeit im Cinemax gezeigt, in dem ab Mittag noch das normale Kinoprogramm läuft. Man könnte jetzt tatsächlich die Festspiele mit Popcorn genießen. Aber wer will das schon?

Foto:
Paula (Julia Franz Richter) und Mati (Sophie Stockiger)  © NGF/LBF