f Isle Of Dogs Movie Video Clip Motion PosterDer Wettbewerb der 68. Berlinale vom 15. bis 25. Februar, Film 1

Claudia Schulmerich

Berlin (Weltexpresso) – Der 48jährige US-Amerikaner, Filmproduzent, Drehbuchautor und Regisseur Wes Anderson eröffnet mit seinem neuen Film das dritte Mal eine Berlinale und zum zweiten Mal stellt er auf ihr einen Animationsfilm vor, den wir lieber einen liebevollen Zeichentrickfilm nennen wollen, denn sein Stop-Motion-Verfahren ist eines mit der Hand, wo den Aufnahmen nämlich Zeichnungen zugrunde liegen – im Gegensatz zu den digitalen neuen Verfahren der Animation.

Tatsächlich produziert dieses sehr aufwendige Handverfahren, wo erst einmal Modelle gebaut werden, die in die Szenerie gestellt werden – von 1000 Handpuppen wurde gesprochen – eine andere, nämlich ästhetisch angenehmere Optik als die digitalen Verfahren, die, erst recht, wenn sie animegesteuert sind, mit großen Augen im Kindchenschema und kitschigen Farben, die zudem nicht dreidimensional, sondern flächig wirken. Nein, diese Zeichnungen sind viel schöner als herkömmliche Animation. Um so interessanter, daß Anderson im Land der Animes seinen Film ansiedelt, den man noch besser versteht, wenn man weiß, daß er – wie er in der Pressekonferenz betonte – zwei Ausgangsideen hatte, die er zusammenbringen wollte. Schon immer wollte er einen Film über Hunde machen und schon immer einen über Japan, schon aus Ergebenheit und Bewunderung für Akira Kurosawa (1910-1998), der mit seinen Filmen nicht nur für Japan Filmgeschichte schrieb.

Für Hunde und für Japan bastelten sie zu dritt eine Geschichte, wo beide Stränge zu einer Handlung zusammengeführt werden. Das ist gut zu wissen, denn sonst würde man sich wundern, warum Anderson ausgerechnet den Hunden den Aufstand gegen den Tyrannen zuschreibt, auch wenn sie wahrlich allen Grund dazu haben.

Die Handlung in aller Kürze, denn es folgen so viele Aspekte des Films, die von Anderson selbst formuliert worden sind, daß wir uns auf den Inhalt und eine Wertung des Films hier beschränken.

In Megasaki City herrscht der korrupte Bürgermeister Kobayashi. Sein Pflegesohn Atari liebt seinen Hund SPOTS – und gerade der wird als erster auf die vor der Stadt, nur durch weites Wasser getrennte Müllinsel transportiert – mit einem Wort formal als Quarantäne bezeichnet, konkret aber ausgesetzt, damit er dort zugrundegeht. Der Bürgermeister hatte nämlich verhindert, daß die aufgetretenen Krankheiten wie Schnauzenfieber und Hundegrippe mit den längst entwickelten Arzneien behandelt würden, sondern in einer Notverordnung alle Hunde in den sicheren Tod geschickt, Tiere, die durch Krankheiten zusätzlich geschwächt waren. Hundeentsättigung wird das im Film genannt.

Dieser Fiesling hat die Rechnung ohne die Hunde und ohne seinen 12jährigen Pflegesohn Atari gemacht. Der nämlich macht sich mit einem winzigen einmotorigen Turboprop auf den Weg zur Müllinsel – Trash Island. Längst haben wir dort ein Hundegemeinschaft von Mischlingen erlebt, wirklich wunderbar in der Ausdruckskraft, dem Augenspiel lebendig geworden, die als Außenseiter der Gesellschaft die dollsten Namen tragen wie CHIEF, REX, DUKE, KING, BOSS, wozu die weiblichen Schönheiten Nutmeg und Oracel auch den widerborstigsten Kerl zum sanften Bewunderer machen. Wir sind also eigentlich in einer Erzählung a la Jean de la Fontaine aus dem 17. Jahrhundert, wo Tiere die menschlichen Eigenschaften wiedergeben.

Aber Wes Anderson treibt es noch toller. Denn, was für den Film einnimmt, ist neben der unglaublich phantasievollen optischen Gestaltung einer zukünftigen, maschinell gesteuerten Welt, die Kleinigkeiten in der Inszenierung, die aber dann die Größe des Films ausmachen: so sprechendie Menschen in Japan das uns unverständliche Japanisch, aber die Hunde, von sehr bekannten Schauspielern gesprochen, kommunizieren auf Englisch, was zusätzlich in Deutsch untertitelt ist. Das Japanisch nicht. Tolle Idee, daß wir also nur den Hunden, die ja die eigentlichen Menschen sind, zuhören, während die Menschen vor sich hin brabbeln, wir aber an ihren Gesten und der Lautstärke ganz genau mitbekommen, was Sache ist. Und solcher Ideen gibt es viele.

Wie sich aber die Hunde mit Hilfe des durch Absturz der Maschine verletzten Atari, den sie gesund pflegen, sich gegen die Abschaffung der Gattung und ihren Massenmord wehren, das verfolgen Sie selbst im Kino. Es lohnt.

ISLE OF DOGS – Ataris Reise ist ein Film, der in vielem für sich einnimmt, witzig, spritzig, ästhetisch, human; seinen politischen Anspruch sollte man nicht zu hoch hängen, denn der Aufstand der Kleinen gegen die Großen ist jahrhundertelanges Thema und auch, daß die Tiere ihn stellvertretend für die Menschen austragen. Daß es Hunde sind, hat uns verwundert. Denn die Tierpsychologie weist das Widerständige, das Kratzbürstige, die Unabhängigkeit vom Menschen, die Möglichkeit ihre Situation zu verändern doch eher den Katzen zu, die hier auch vorkommen, allerdings als Schoßkatzen der Mächtigen.

Und deshalb dachten wir beim Filmbetrachten, aha, die eigentlich subversive Kraft des Films liegt genau in der Umkehrung der Verhältnisse, wo doch sonst die Hunde Herrchen haben und Katzen Personal. Aber nein, es ist ganz anders, wie Wes Anderson ja gleich anfangs der Pressekonferenz betonte. Er wollte nicht nur einen Hundefilm machen, sondern auf dem umfangreichen Podium war es nur Greta Gerwig, die keine Hund hat und N.N., der fast entschuldigend davon sprach, eine Katze zu haben, alle anderen konnten ausführlich über ihre eigenen Hunde, die oft sogar weitere Gefährten (bis zu fünf) hatten.

Alles in allem, ein liebevoller, gut gemachter Film, den man ob seiner vielen, gut umgesetzten Einfälle gerne betrachtet, aber kein Meisterwerk, das zu neuen Ufern aufbricht.

Foto:
© Verleih

Info:

Die Rollen und ihre Darsteller
Die Bürger von Megasaki City
Atari Kobayashi (Koyu Rankin): Pflegesohn im Haus des Bürgermeisters. Jung-Pilot auf der Suche nach seinem Hund
Bürgermeister Kobayashi (Kunichi Nomura): Der korrupte Bürgermeister von Megasaki City. Major Domo (Akira Takayama): Bürgermeister Kobayashis Assistent und Helfershelfer
Tracy Walker (Greta Gerwig): Amerikanische Austauschstudentin. Verschwörungstheoretikerin und HundeAktivistin
Professor Watanabe (Akira Ito): Kandidat der Wissenschaftspartei, sucht ein Heilmittel für die Hundegrippe
Wissenschaftler-Assistentin Yoko-Ono (Yoko Ono): Professor Watanabes wissenschaftliche Assistentin
Dolmetscherin Nelson (Frances McDormand): Übersetzerin; lässt sich von der Entwicklung des Hundedramas emotional anstecken
Herausgeber Hiroshi (Nijiro Murakami): Herausgeber der Studentenzeitung The Daily Manifesto. HundeAktivist
Chirurg (Ken Watanabe)
Auntie (Mari Natsuki)
Nachrichtensprecher (Yojiro Nada)
Simultan-Übersetzungsmaschine (Frank Wood) und Courtney B. Vance (Erzähler)

Die Hunde von Trash Island
Spots (Liev Schreiber): Schutzhund im Haushalt des Bürgermeisters, bester Freund von Atari Kobayashi. Wird vermisst
Rex (Edward Norton): Mutiger und energischer Anführer unseres heldenhaften Rudels
Boss (Bill Murray): Einstiges Maskottchen der Basketballmannschaft Megasaki Dragons Little League.
King (Bob Balaban): Vormaliges Aushängeschild von Doggy Chop
Duke (Jeff Goldblum): Liebt Klatsch
Chief (Bryan Cranston): Ein Streuner
Nutmeg (Scarlett Johansson): Dressierte Show-Hündin. So elegant wie gewitzt
Jupiter (F. Murray Abraham): Ein weiser Hund
Oracle (Tilda Swinton): Ein mystischer Hund. Kollege von Jupiter
Gondo (Harvey Keitel): Anführer eines geheimnisvollen Rudels eingeborener Trash Island-Hunde.

Der Film kommt im Mai in die deutschen Kinos