Bildschirmfoto 2018 06 25 um 22.46.44Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 21. Juni 2018, Teil 5

Stanislaw Mucha

Berlin (Weltexpresso)  - Auf unserem knochigen Kolyma-Roadtrip bin ich persönlich (im geistigen, nicht filmischen Sinne), den Spuren meines Großvaters gefolgt, der diese Strecke kurz vor Stalins Tod 1953 durchmachte. Eines Tages Ende 1952 wurde er als vermeintlicher Spion verhaftet, nur weil eine seiner Töchter ausgeprägte Affinität für Streichhölzer besaß und als Kind insgesamt drei Ortschaften anzündete. Der Großvater wurde abtransportiert und in einen Waggon der Transsibirischen Eisenbahn gesteckt.

Bildschirmfoto 2018 06 25 um 22.45.50Nach über einem Monat kam er nun in Wladiwostok an und wurde dort auf ein Schiff verladen. Schließlich stieg er am vereisten Pazifik in der Bucht von Magadan aus und wurde durch die ganze Kolyma-Trasse bis zu ihrem Endpunkt gejagt.

Unterwegs hat er eigentlich nichts Schlimmes erlebt und musste lediglich nur eine Holzschaukel für das Kind eines Lagerkommandanten bauen, der dort im Haus oberhalb eines Lagers zusammen mit seiner Familie lebte. Gerade als er damit fertig wurde, starb Stalin. Auf Kolyma, wie im ganzen russischen Imperium, brach absolutes Chaos aus und allgemeine Verunsicherung machte sich unter der Bevölkerung breit. Im Zuge dieses Durcheinanders gelang es meinem Großvater, aus Kolyma zu fliehen und eines winterlichen Tages kam er in Turnschuhen aus Sibirien nach Hause zurück.

Als ich ein Schaukel-Foto vor drei Jahren in einer Ausstellung über Warlam Schalamow (22 Jahre Haft auf Kolyma) in Berlin sah, setzte meine Erinnerung an die Schaukel-Erzählung ein und ich beschloss, einen Film über Kolyma zu machen. Mein Großvater sprach oft von einem damals noch unbekannten russischen Schriftsteller, einem gewissen Schalamow, dem er auf seiner kurzen und recht absurden Kolyma-Odyssee begegnete. Einer absurden, weil er ja schließlich solch einen langen Weg reisen musste, nur um auf Kolyma eine einzige, banale Kinderschaukel zu basteln. Deshalb titulierte dieser Autor meinen Großvater ironisch: ‚Künstler der Schaukel‘.

Nun setzte sich die Ironie des absurden Reisens in Kolyma fort: Wo mein Großvater seine Schaukel ausstellte, habe ich einen Film gedreht. Von meinem Großvater habe ich auch einen recht doppelbödigen Kolyma-Spruch in Erinnerung aufbewahrt, den er ebenfalls von Schalamow hörte und immer dann auspackte, wenn es mal im Leben unnötig kompliziert wurde. Er sagte: „Für Gott gibt es auf der Welt keine unmöglichen Dinge. Auf Kolyma passierten sie tagtäglich.“ Kommen Sie mit auf diese Reise und Sie werden es nicht bereuen.

In diesem Sinne – Stanislaw Mucha« 



Über den Regisseur Stanislaw Mucha

Geboren 1970 im polnischen Nowy Targ schließt Stanislaw Mucha 1993 sein Studium der Schauspielkunst an der Staatlichen Theaterhochschule Ludwik Solski in Krakau mit dem Titel Magister Artium ab. Es folgt ein festes Engagement als Schauspieler und Regieassistent am Staatlichen Alten Theater Helena Modrzejewska in Krakau. Ein Jahr später beginnt er sein Regiestudium an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in PotsdamBabelsberg, das er im Jahr 2000 mit einem Diplom mit Auszeichnung abschließt.

Muchas Filme werden mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, u.a. dem Don Quijote Award, diversen Publikumspreisen (u.a. auf dem Filmfestival Mannheim), sowie dem Preis der deutschen Filmkritik. 2003 erhält er den Adolf-Grimme-Preis für sein abendfüllendes Kinodokumentarfilm-Debüt „Absolut Warhola“ und 2004 den Hessischen Filmpreis für „Die Mitte“. 2010 folgt eine Grimme-Preis-Nominierung für seinen ersten Spielfilm „Hope“ und er wird für den Friedensfotopreis des Stiftes Klosterneuburg in Österreich für Humanitäres Engagement in der Kunst nominiert. „Die Wahrheit über Dracula“ (2010), „Die Pfandleiher“ (2011) und „Happy End“ (2012) setzen seine Erfolge als Dokumentarfilmer fort.

Stanislaw Mucha gilt als viel beachteter Autorenfilmer. Seine Dokumentarfilme zeichnen sich durch zahlreiche komische Geschichten, absurde Entwicklungen und skurrile Figuren aus, die Mucha aber nie der Lächerlichkeit preisgibt. Viele seiner Filme avancierten zu absoluten Festivallieblingen. Für seinen letzten Dokumentarfilm „Tristia“ (2014) reiste Mucha einmal rund um das Schwarzmeer und zeichnete ein eigenwilliges Sittenbild der Anrainerstaaten. Im Kino wurde „Tristia“ zum Publikumserfolg. Für „Kolyma“ begab sich Mucha erneut auf eine außergewöhnliche Reise und erweist sich abermals als Grenzgänger zwischen West und Ost.

Stanislaw Mucha lebt in der Nähe von Heidelberg.

Fotos:
© Verleih

Info:
Kolyma, Dokumentarfilm, Polen, 2017
Regie: Stanislaw Mucha
Kamera: Enno Endlicher
Schnitt: Stanislaw Mucha, Emil Rosenberger

Wir konnten den Film im Frankfurter Programmkino Mal Seh'n erleben, wo er bis Mittwoch täglich um 18 Uhr läuft.

Regiekommentar und Angaben über den Regisseur sind dem Presseheft entnommen.