f neapelSerie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 16. August 2018, Teil 10

Ferzan Ozpetek 

Rom (Weltexpresso) - Neapolitanische Traditionen: Als ich mich vor einigen Jahren in Neapel aufhielt, wo ich die Oper La Traviata im Theater San Carlo inszenierte, geriet ich zufällig in eine Vorführung der „figliata“. Es handelt sich um einen archaischen Ritus, der tief in der neapolitanischen Kultur der „femminielli“ verwurzelt ist. Diese werden als Jungen geboren, nehmen später weibliche Namen an, kleiden sich und formen ihre Körper nach weiblichen Vorbildern. Sie bilden damit eine lokale Form von Transgender aus, die sich von derjenigen trans- und intersexueller Menschen unterscheidet.

Im Mittelpunkt der "figliata" steht ein gebärender Mann. Ich war damals sehr verwundert, dass ein transparentes Stofftuch die Zuschauer von den Schauspielern trennte. Man sollte alles wie durch einen Schleier sehen, weil sich die Wahrheit eher dann gefühlsmäßig offenbart, wenn man sie nicht nackt und ungeschminkt vor Augen hat.

Dieses Stofftuch ist wie das feine Leichentuch, das bei der Marmorfigur den „Verhüllten Christus“ bedeckt, aber die Konturen seines Gesichts noch klarer hervorhebt. Es verbirgt nicht, es deckt auf. Der Schleier ist das perfekte Bild für eine Stadt, in der Religion und Wissenschaft, heidnische Bräuche und das Christentum, Aberglaube und Vernunft friedlich nebeneinander existieren. Schon seit langem wollte ich einen Film in Neapel machen. Es ist nach Istanbul, Rom und Lecce die vierte Stadt, in der ich mich sofort zu Hause fühlte.

Noch bevor ich „Rosso Istanbul“ drehte, fing ich an, mich mit dem Stoff, um den es in DAS GEHEIMNIS VON NEAPEL geht, zu beschäftigen. Aber damals hatte ich ihn noch nicht in Neapel angesiedelt. Wie in einigen meiner Filme – ich denke da vor allem an Die Ahnungslosen (Le fate ignoranti), Das Fenster gegenüber (La finestra di fronte) und Das Zimmer (Cuore sacro) – wollte ich erzählen, wie eine Frau etwas Traumatisches, völlig Unerwartetes erlebt. Etwas, das sie überwältigt und durch das sie gezwungen wird, ihr ganzes Leben und ihre Identität zu hinterfragen und sich mit der eigenen Vergangenheit zu konfrontieren. Eine Reise in die innere Welt, die mir, je intensiver ich mich darauf einließ, umso mehrdeutiger und wenig greifbar erschien.

Die Persönlichkeit von Adriana pendelt zwischen dem Bedürfnis nach Sexualität, nach Liebe und der Verweigerung der Realität. In ihre Gedanken- und Gefühlswelt einzutauchen, war, als würde ich eine Stadt erkunden, ein Labyrinth von Gassen und Plätzen durchstreifen, in dem sich ständig Dimensionen und Farben verändern. Und da wurde mir klar, dass die Stadt, die ich im Kopf von Adriana durchquerte, nur Neapel sein konnte. Eine Stadt, die niemals ihre Geheimnisse offenbart. Ich habe diesen Film als Abfolge überraschender Ereignisse inszeniert, nach dem Vorbild der Tombola Vajassa, auch sie typisch für die Tradition der femminielli. Jede Zahl, die bei der Tombola gezogen wird, steht für eine Art interpretierbares Traumsymbol. Wenn dann die Zahlen nacheinander gezogen sind, verbinden sie sich in der Reihenfolge ihrer Ziehung zu einer logischen Sequenz, zu einer Geschichte, die der Zufall generiert. In ähnlicher oder sagen wir kreativer Weise habe ich versucht, die Nummern aus meinem kinematographischen Gedächtnis zu ziehen.

Nicht zufällig habe ich viele Szenen in einem alten Haus gedreht, das vor mir zweimal als Filmset gedient hatte, einmal für Vittorio De Sica in Das Gold von Neapel (L'oro di Napoli), das andere Mal für Roberto Rossellini in Liebe ist stärker (Viaggio in Italia). Erzählen wollte ich in DAS GEHEIMNIS VON NEAPEL eine Geschichte, in der sich unterschiedliche Genres, die das italienische Kino in der Vergangenheit so beliebt gemacht haben, miteinander vermischen. So enthält dieser Film viele Elemente des Melodrams, des Film Noir. Es ist ein Mystery-Film, der teilweise Züge eines Thrillers aufweist, und voller unvorhergesehener Ereignisse, Überraschungen und Wendungen steckt. DAS GEHEIMNIS VON NEAPEL erzählt von der Leidenschaft der Liebe und von den Gefühlen, die durch unerwartete, mysteriöse Vorfälle aus dem Lot geraten.

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Info:
BESETZUNG
Adriana         GIOVANNA MEZZOGIORNO
Andrea .        ALESSANDRO BORGHI
Adele             ANNA BONAIUTO
Pasquale       PEPPE BARRA
Antonio         BIAGIO FORESTIERI
Catena          Luisa Ranieri
Rosaria         MARIA PIA CALZONE
Domenico     CARMINE RECANO

Abdruck aus dem Presseheft
Quelle: Ferzan Ozpetek in der Tageszeitung Corriere del Mezzogiorno