Gaspar Noé
Paris (Weltexpresso) - Situationen, in denen völlig unvermittelt Chaos und Anarchie ausbrechen, haben mich immer schon fasziniert. Sie können unterschiedlichster Natur sein: Straßenkeilereien. Schamanistische Sitzungen, die von psychedelischen Pilzen verstärkt werden. Partys, bei denen die Feiernden kollektiv die Kontrolle verlieren, weil sie exzessiv Alkohol konsumiert haben. Das gilt auch für die Herstellung meiner Filme. Nichts bereitet mir größeres Vergnügen, als vor dem Drehtag nichts geschrieben zu haben und völlig unvorbereitet zu sein. Wenn die Dinge sich, soweit es möglich ist, vor meinen Augen entwickeln, wie bei einer Dokumentation. Wenn dann zusätzlich Chaos ausbricht, macht mich das noch glücklicher. Weil ich weiß, dass jetzt Bilder entstehen, die voller Kraft sind, die näher an der Realität sind als am Theater.
Deshalb habe ich auf ein traditionelles Drehbuch verzichtet. Ich habe mich dafür entschieden, diese fiese und verwunschene Geschichte ganz simpel und geradlinig zu erzählen. Ein Trupp Tänzer versammelt sich in einem isolierten Gebäude, um sich auf eine Aufführung vorzubereiten. Nach der letzten Probe bricht Chaos aus. Ich habe mit einer eine Seite langen Outline begonnen. Das erlaubte es mir, beim Dreh Momente der Wahrheit einzufangen und diese Abfolge von Ereignissen kollektiv in Bildern festzuhalten. Wenn man will, dass Tänzer, Schauspieler oder Laien sich körperlich und verbal auf chaotische Weise ausdrücken, kommt man an Improvisation nicht vorbei.
Was das Tanzen betrifft, war nur die erste Szene choreographiert. Ansonsten hatten die Tänzer alle Freiheit, sich in ihrer eigenen Sprache auszudrücken, die sich oft ganz nahe am Unterbewussten bewegt. Auf diese Weise offenbaren sie ihre individuellen inneren Tumulte. In Tanzstilen wie Voguing, Waacking oder Krump stellen die Teilnehmer ihre körperlichen Fähigkeiten mit bestürzender Spontaneität aus. Wenn man es mit den bestmöglichen Tänzern zu tun hat, dann ist dieser Akt besonders überwältigend.
Die Szenen wurden chronologisch gedreht. Ich wollte ein allgemeines Vertrauen aufbauen. Und ich wollte einen Wettbewerbsgeist kultivieren, der die Tänzer zu immer noch psychotischeren Darstellungen antreibt. Anders als bei konventionelleren Darstellungen von Tanz, wo jeder Schritt geplant und festgelegt ist, versuchte ich, meine Protagonisten dazu anzutreiben, Stadien der Besessenheit zu simulieren, wie man es bei ritueller Trance erlebt.
Obwohl Drogen durchaus eine Rolle spielen in der Geschichte, hatte ich diesmal nicht die Absicht, veränderte Stadien der Wahrnehmung subjektiv mit Hilfe visueller Effekte und Sound darzustellen. Im Gegenteil. Ich wollte den Figuren immer von außen zusehen. Eine andere Regel war, so schnell wie möglich und in langen Einstellungen zu drehen. Das war möglich, weil wir uns entschieden an einem ungewöhnlichen Drehort zu filmen. Das erlaubte es mir, alle Szenen während zwei Wochen im Februar 2018 festzuhalten. Dennoch probten wir die erste choreographierte Szene mit unseren Tänzern. Und um sie auf die anderen Tanzsequenzen einzustimmen, ließen wir sie die Musik anhören, die wir bereits ausgesucht hatten.
Wenn man über Tanz redet, redet man über Musik. Um der Ära zu entsprechen, in der der Film spielt, gibt es darin kein Stück, egal ob elektrifiziert oder melodisch, das es Mitte der Neunzigerjahre nicht bereits gab. Um einen familiären emotionalen Zustand zu erzielen, versuchten wir Stücke einzusetzen, die ein möglichst breites Publikum ansprechen.
Fotos:
© Alamode Verleih
Info:
BESETZUNG
Selva SOFIA BOUTELLA
David ROMAIN GUILLERMIC
Lou SOUHEILA YACOUB
Daddy KIDDY SMILE
Emmanuelle CLAUDE GAJAN MAULL
Gazelle GISELLE PALMER
Taylor TAYLOR KASTLE
Psyche THEA CARLA SCHOTT
Ivana SHARLEEN TEMPLE
Eva LEA VLAMOS
Alaia ALAIA ALSAFIR
Rocket KENDALL MUGLER
Riley LAKDHAR DRIDI
Omar ADRIEN SISSOKO
Bats MAMADOU BATHILY
Alou ALOU SIDIBE
Ashley ASHLEY BISCETTE
Dom MOUNIA NASSANGAR
Sila TIPHANIE AU
Jennifer SARAH BELALA
Cyborg ALEXANDRE MOREAU
Naab NAAB
Strauss STRAUSS SERPENT
Tito VINCE GALLIOT CUMANT