f photo0Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 8. August 2019, Teil 8

Redaktion

Mumbai (Weltexpresso) - Seit dem weltweiten Erfolg seines Spielfilmdebüts Lunchbox im Jahr 2013 ist für Regisseur Ritesh Batra viel passiert. Er hat seine Heimatstadt Mumbai verlassen, um Vom Ende einer Geschichte mit Jim Broadbent, Michelle Dockery und Charlotte Rampling und Unsere Seelen bei Nacht mit Robert Redford und Jane Fonda zu drehen. Mit PHOTOGRAPH kehrt er nun zurück zu seinen Wurzeln und wirft erneut einen Blick auf die Liebe in der so gegensätzlichen Welt der modernen indischen Gesellschaft.

Wie Ritesh Batra sagt, haben ihn hierfür die mitreißenden Musicals Bollywoods genauso inspiriert wie die klassischen Komödien Shakespeares. Die Idee für den Film, die er seit Jahren mit sich herumtrug, basiert „auf den kitschigen Bollywood-Filmen, die ich als Jugendlicher gesehen habe, als ich in den 1980er Jahren in Indien aufwuchs. Sie waren immer eine Art Adaption von ,Der Widerspenstigen Zähmung‘. Es gab hunderte von ihnen, mit einem armen Mann, der vielleicht ein Automechaniker war, und einem reichen, vielleicht ein bisschen heißblütigen Mädchen.“

Jahrzehnte lang hat die indische Filmindustrie Geschichten gestrickt aus glücklichen jungen Frauen, die für ihre Liebe den Traditionen und ihrer Familie trotzen. „Das Mädchen hat in diesen Filmen nicht viel mehr zu tun als gut auszusehen und drei Stunden damit zu verbringen, hirnlos von dem Helden der Geschichte verfolgt zu werden, während ihre Familie sie entweder herumscheucht oder verhätschelt“, so Batra. „Heutzutage hat sie vielleicht einen Job, einen schrägen Freundeskreis, einen liebenswürdigen Hund, oder auch nichts davon – aber sie hat sicherlich ein Wort mitzureden, mit wem sie am Ende zusammenkommt. Die besten Filme sind gleichzeitig witzig (mit mindestens einem herzhaften Lacher) als auch angemessen romantisch. In diese Richtung wollte ich gehen, aber statt eines typischen Melodrams sollte es eine lebensnahe Geschichte über Menschen werden, wie sie heute wirklich in Mumbai leben. Und es sollte mehr ein Arthousefilm sein als eine dieser riesigen Bollywood-Produktionen.“

Miloni, eine schüchterne und traditionell erzogene junge Frau, die in Mumbai lebt, begegnet dort Rafi, einem Muslim aus einem indischen Dorf, der sich in der Stadt als Straßenfotograf durchschlägt. Sich mit seinen Hauptfiguren bekannt zu machen, war für Batra der erste Schritt in der Entwicklung des Drehbuchs. „Angefangen habe ich damit, über sie zu schreiben“, wie er sagt. „Dann über ihn. Ich machte mir Gedanken, wer diese Menschen sein könnten, was ihnen zustößt, und wie ihre Leben für einige Zeit parallel verlaufen würden. Und je länger ich darüber nachdachte, desto mehr wurde es zu einer Geschichte, die ich unbedingt erzählen wollte.“

Batra kehrte dafür auch sprachlich in seine Kindheit zurück, mit Dialogen in Hindi, eine der (gemeinsam mit Englisch) beiden offiziellen Sprachen Indiens, und Gujarati, eine Sprache, die häufig in Mumbai gesprochen wird. Er arbeitete am Drehbuch mit der preisgekrönten Schauspielerin Nimrat Kaur zusammen und setzte so eine Zusammenarbeit fort, die seit Lunchbox bestand, wo sie seine Hauptdarstellerin war. Batra beginnt seine Drehbücher lieber in Englisch zu schreiben, um sie dann in Hindi zu übersetzen, und hierfür war Kaur von unschätzbarem Wert. „Nimrat hat nicht nur die Sensibilität einer großartigen Schauspielerin, sie hat auch ein sehr gutes Gespür für Dialoge in Hindi“, wie er erklärt. „Sie nimmt das, was ich geschrieben habe, und formt daraus eine authentische Umgangssprache. Wir haben schon zwei Mal zusammen gearbeitet, und es hat jedes Mal großen Spaß gemacht.“

Den Weg zweier Menschen zu verfolgen, die sich normalerweise nie kennen lernen würden, ist nicht nur ein durchgängiges Thema in Batras Filmen, sondern oft auch die Quelle humorvoller Ereignisse. „Man sieht das in Lunchbox und in Unsere Seelen bei Nacht. Was mich interessiert ist die Idee der Sehnsucht, die verschiedenen Arten, wie Menschen sie ausdrücken, das kann sowohl lustig als auch traurig sein, und beides möchte ich Filmen immer sehen. Etwas zu wollen, was man nicht bekommen kann, ist sicherlich traurig, aber die Sehnsucht, die damit einhergeht, kann auch unglaublich bewegend und lustig sein.“

Batra glaubt, dass Menschen diese Art des Verlangens oft als Einsamkeit missverstehen, er selbst sieht das jedoch ganz anders. Wie er sagt, hält er die Sehnsucht für etwas, in dem Leben und Vitalität steckt, und das Platz für Humor und Traurigkeit genauso wie für alles irgendwo dazwischen lässt. „Ich weiß nicht, ob ich jemals jemanden getroffen habe, der wirklich einsam ist, aber ich habe Menschen kennen gelernt, die sich nach allem möglichen sehnen: nach der Vergangenheit, nach Dingen, von denen sie träumen, die sie aber nicht in Wirklichkeit gesehen haben, einfach nach den kleinsten Dingen. Miloni spricht davon, dass sie ein Getränk aus ihrer Kindheit vermisst, die sogenannte Campa Cola. Sie war jahrelang die einzige Cola, die es in Indien zu kaufen gab. Ich weiß nicht mehr genau, wie sie schmeckte, aber für mich ist sie ein Symbol für die einfacheren Zeiten von früher. Ich hatte das Gefühl, dass Rafi und Miloni früher vielleicht glücklicher gewesen wären.“

Rafi und Miloni trennt nicht nur ein extrem unterschiedlicher religiöser, ökonomischer und kultureller Hintergrund, sondern auch ihre Hautfarbe, beide kämpfen aber mit den gleichen existentiellen Fragen, wie Batra anmerkt. „Indien ist gerade in einer sehr interessanten Phase. Als ich aufwuchs, und wahrscheinlich genauso Jahrhunderte zuvor, kam für die Menschen in Indien immer die Familie zuerst. Erst seit kürzerer Zeit haben sie angefangen, sich selbst mehr als Individuen denn als Zugehörige einer Familie wahrzunehmen. Das ist zu einem der zentralen Konflikte des heutigen indischen Lebens geworden.“

Auch Batra selbst hat mit diesem Konflikt zu kämpfen. „Ich lebe nun schon mein halbes Leben in den USA. Aber ich bin in Indien aufgewachsen, und das haftet an mir. Wenn ich nach Indien zurückkehre, stehe ich jedes Mal vor einem Rätsel: Soll ich als Individuum denken, oder zuerst an die Familie?“

Miloni und Rafi sehen sich selbst im Widerspruch zu den Erwartungen, die die moderne Welt an sie stellt, in der sie nie sie selbst sein können. Für Miloni bedeutet dies, dass sie, obwohl sie dazu erzogen wurde, im Beruf erfolgreich zu werden und immer die beste in ihrer Schule ist, immer noch bei ihren Eltern wohnt und sich diesen in allem fügen muss, auch in der Wahl ihres Berufsweges und ihres zukünftigen Mannes. Rafi wiederum ist von seinem Heimatdorf weit weg nach Mumbai gezogen und lebt dort ohne seine Familie, ist aber durch die Traditionen immer noch daran gebunden, deren Ehre wiederherzustellen und den Wünschen seiner Großmutter zu entsprechen.

Vielleicht gerade weil sie so unterschiedlich sind, öffnet ihre Begegnung für beide von ihnen neue Türen, wie Batra sagt. „Ich weiß nicht, ob die beiden in ganz gewöhnlichem Sinne voneinander angezogen sind. Aber manche Menschen können uns dazu bringen, etwas anderes zu sein als das, was wir denken zu sein. Das tun sie beim jeweils anderen. Sie weckt in ihm eine Art Neugier. Sie bringt ihn dazu, einen Moment nur für sich innezuhalten und nicht ständig an die Familie zu denken. Er wiederum gibt er die Möglichkeit, ihre Welt zu entdecken und auszuweiten, jemand anderes zu werden, wenn sie mit ihm und seiner Großmutter zusammen ist.“

„Im Sinne der Familie anstatt nur an sich selbst zu denken erfordert viele Opfer“, wie Batra denkt. „Beide sind zwischen der Familie und ihren eigenen Wünschen hin- und hergerissen. Ich denke nicht, dass der Film die Botschaft vermittelt, dass einer der beiden Wege der richtige ist. Ich dachte, dass es interessant wäre, diese Frage mit einem großen Publikum zu teilen.“

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Info:
Besetzung

Rafi                        Nawazuddin Siddiqui
Miloni                     Sanya Malhotra
Dadi                       Farrukh Jaffar
Amjad                    Abdul Quadir Amin
Tiwari’s Geist         Vijay Raaz
Straßenverkäufer   Virendra Sa xena
Rampyaari             Geetanjali Kulkarni
Anmol  Sir              Jim Sarbh
Banke                    Akash Sinha

Abdruck aus dem Presseheft