f verlorenealleNeu auf DVD und Blu-ray ab dem 23. September 2019, Teil 2/3

Redaktion

Berlin (Weltexpresso) – In „Verlorene“ geht es um Missbrauch und Macht und um die Sexualisierung der Welt. Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?

Als ich vor sechs Jahren mit den Recherchen zu meinem Film begonnen habe, gab es erste öffentliche Diskussionen um Missbrauch in Institutionen wie der Odenwaldschule. Mich haben die Macht des Tabus und die Schuldgefühle der Betroffenen berührt. Ein unglaublich starkes Gefangensein, aus dem ein Ausbruch unmöglich erscheint. Das war vielleicht eher ein struktureller Blick.

Während ich am Buch geschrieben habe, bin ich selbst Vater einer Tochter geworden. Das hat mein Weltbild verändert, meinen Blick auf die Figuren und die Geschichte. Das Thema begann mich tiefer zu treffen. Zum ersten Mal empfand ich den Wunsch, meine Figuren zu beschützen. Während der Dreharbeiten war meine Frau zum zweiten Mal schwanger. Meine Kinder haben aus einer Tragödie ein Drama gemacht, durch sie steht nun Hoffnung am Ende. Das ist etwas, das ich mir nicht nur für meine Figuren wünsche, sondern auch als Mutmacher begreife im wahren Leben.


Die genaue Zeichnung der badischen Provinz und der Dialekt sind ein starkes Element des Films. Warum?

Weil ich dort aufgewachsen bin. Ich erzähle darin auch von mir und meiner Heimat. Wir haben lange nach den richtigen Motiven für den Film gesucht, bis in den Schwarzwald hinein. Gefunden haben wir sie am Ende unweit meines Heimatdorfes im Kraichgau.

Das Drehbuch war von Anfang an im Dialekt geschrieben, das hat mir sehr geholfen, meine Figuren zu finden. Die Sparsamkeit in der Sprache gehört im Badischen zur Mentalität der Menschen. Für mein Ensemble war der Dialekt eine Herausforderung. Bis auf Clemens Schick, der aus Tübingen stammt, und Anne Weinknecht mussten die Schauspieler ihre Sprache für den Film erst erlernen.

Es gab einen kurzen Moment vor dem Dreh, in dem darüber nachgedacht wurde, den Dialekt aus dem Film herauszunehmen. Unsere Darsteller haben ihre Sprache sofort verteidigt, fanden den Dialekt wichtig für ihre Figuren, untrennbar verbunden.

Entscheidend bleibt für mich trotz des klar gezeichneten Milieus, dass wir eine universelle Geschichte erzählen, die so oder so ähnlich überall spielen kann. Die Realität, die aktuelle #MeToo-Debatte zeigen, dass dem leider immer noch so ist.


„Verlorene“ ist ein Film ohne Filmmusik, und doch voller Musik. Warum die Orgel als zentrales Instrument?

Ich habe selbst in meiner Jugend in der badischen Provinz Orgel gespielt, Hochzeiten, Beerdigungen, Gottesdienste. Der große Zauber des Instruments entfaltet sich für mich jedoch, wenn man nachts alleine in einer dunklen Kirche spielt. Dann löst sich der Raum auf, und es gib nur noch mich und Töne. Mich hat immer das Innerste des Instru- ments interessiert, der Raum im Raum. Die geheime Kammer, in der Klang entsteht. Die Seele der Orgel. Ich glaube, eine Orgel, die von innen bespielt wird – das hat man wirklich noch nie in einem Film gesehen.

In Gregor Schwellenbach habe ich einen Musiker und Komponisten gefunden, der meine Leidenschaft für die Orgel und Bach teilt. Für Maria ist die Musik Zuflucht, und dieses Gefühl wollten wir ins Kino transportieren. Eine Orgel, die man im Bauch spüren kann.


Was waren ihre Überlegungen zur Bildgestaltung mit dem Kameramann Bernhard Keller?

Bernhard ist ein genauer Beobachter, der sich immer einlässt auf den Moment. Der meinen Schauspielern den größten Freiraum in seinen Bildern gegeben hat. Ich schätze Bernhards Arbeit schon seit Jahren, seit ich „Falscher Bekenner“ von Christoph Hochhäusler, später „Sehnsucht“ von Valeska Griesebach und „Alle Anderen“ von Maren Ade gesehen habe. Bernhard sucht ebenso wie ich die Schönheit in einer scheinbar nüchternen Realität. Wir haben uns vor dem Dreh entschieden, kein klassisches Auflösungskonzept zu entwickeln, und mehr darüber gesprochen, was wir erzählen wollen. Viele Einstellungen des Films sind dann unmittelbar vor Ort während des Drehs entstanden. Unsere Arbeit war stark inspiriert von dem Moment, den Orten, den Darstellern.


Der Film zeichnet sich auch durch sein starkes Ensemble aus. Wie haben sie die Darsteller für den Film gefunden?

Anna Bachmann (Hannah) war ein großer Glücksfall, es ist ihr erster Kinofilm. Entdeckt habe ich sie Dank der Zusammenarbeit mit der Casterin Jacqueline Rietz. Maria Dragus (Maria) hatte ich schon früh im Kopf für die Figur. Bei der Besetzung des Vaters glaubte ich, dass es schwer werden würde. Clemens Schick (Johann) hatte von Anfang an keine Berührungsängste mit der Figur, auch nicht mit ihrer dunklen Seite. Diese Offenheit hat mich überzeugt. Ich bewerte meine Figuren nie, verurteile sie nicht. Ich will die Figuren gemeinsam mit meinen Schauspielern finden. Es war mir wichtig, „Verlorene“ von Anfang an als Ensemble-Film zu verstehen, in dem es Figuren unterschiedlicher Gewichtung, aber eben keine Nebenrollen gibt.


„Verlorene“ ist Ihr Kino-Debüt. Was war die größte Herausforderung beim Dreh?

Ich glaube daran, dass ein gemeinsames Finden der Figuren und der Geschichte stärker ist als die vorgefertigte Idee eines feststehenden Drehbuchs. Ich habe selbst geschrie- ben und war frei darin, zu jedem Zeitpunkt die filmische Erzählung weiterzuentwickeln. Mit dieser Offenheit in den Dreh zu gehen, heißt aber auch, sich auf eine Reise zu begeben, deren Ausgang man nicht kennt. Ich nehme in Kauf, dass ich den richtigen Weg nicht vorzeichne, sondern ihn gemeinsam mit meinem Ensemble und meinem Team finde. Sich auf neue Ideen einzulassen, auch sagen zu können, ich kenne die Antwort nicht: das war für mich als Regisseur die größte Herausforderung.


„Verlorene“ wird auf der Berlinale uraufgeführt. Mit welchen Gefühlen fahren Sie nach Berlin?

Ich freue mich auf den direkten Kontakt mit dem Publikum. Das ist ein besonderer Moment, wenn man seinen eigenen Film entlässt in die Welt. Das ist immer auch ein Abschied – und der Beginn einer neuen Reise.

Ich freue mich auf die Diskussion über unseren Film. Auch auf die Kontroverse. Ich stelle mir eine Welt vor, in der mein Film keine Wahrheit mehr besitzt. Ein historisches Dokument. Ich wünsche mir, dass unser Film auf dem Weg in diese Welt einen kleinen Teil beitragen kann.



Regisseur
Felix Hassenfratz – Regie & Buch
Felix Hassenfratz, geboren 1981 in Heilbronn, lebt und arbeitet in Köln. Nach dem Zivildienst war er als freier Autor sowie Setfotograf und Regieassistent tätig, u. a. für Romuald Karmakar. Von 2004 bis 2007 studierte er Filmregie an der Internationalen Filmschule Köln und arbeitete anschließend als freier Regisseur für Fernsehformate u. a. im Kinder- und Jugendprogramm.
Seine Filme wurden mehrfach ausgezeichnet und fanden auf internationalen Festivals Aufmerksamkeit. Sein Kurz-Spielfilm „Der Verdacht“ (FBW-Prädikat: besonders wertvoll) gewann den Deutschen Kurzfilmpreis, die vierteilige Dokureihe „Schnitzeljagd im heiligen Land“ den Grimme-Preis in der Kategorie Kinder- & Jugendprogramm.
„Verlorene“ ist sein Kino-Debüt und feierte auf der Berlinale 2018 in der Sektion Perspektive Deutsches Kino seine Weltpremiere. Ausgezeichnet als Bester Debütspielfilm in Biberach und mit dem NDR Nachwuchs-Filmpreis in Emden.
Filmografie (Auswahl)
2018: „Verlorene“ (Lang-Spielfilm)
2012: „The Alqueva Project“ (Dokumentarfilm)
2011: „Schnitzeljagd im Heiligen Land“ (Dokumentarreihe) 2010: „Unser Haus in Schlesien“ (Dokumentarfilm)
2008: „Der Verdacht“ (Kurz-Spielfilm)
2007: „Der Bäcker war’s“ (Kurz-Dokumentarfilm)

 
Foto:
© Verleih

Info:
Neu auf DVD'' und Blu-ray ab dem 23. September 2019
© W-film
Deutschland 2018
Filmstart in Deutschland: 17.01.2019
R: Felix Hassenfratz
B: Felix Hassenfratz
P: Max Frauenknecht, Benedikt Böllhoff
K: Bernhard Keller
Sch: Barbara Toennieshen
M: Gregor Schwellenbach, Paul Eisenach
A: Jan Lasse Hartmann
V: W-film
L: 91 Min

Darsteller:
Maria Dragus, Anna Bachmann, Clemens Schick, Enno Trebs, Meira Durand, Anne Weinknecht

Abdruck aus dem Presseheft