marie2Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 16. Juli 2020,  Teil 7

Redaktion

Berlin (Weltexpresso) - Der Herausforderung, diesen ungewöhnlichen Film zu inszenieren, stellte sich Marjane Satrapi, deren Animationsfilm Persepolis (Persépolis, 2007) – eine Adaption ihrer eigenen Graphic Novel über ihre Jugend im Iran – für den Oscar nominiert worden war.

Paul Webster erinnert sich an die Suche nach der geeigneten Regisseurin: „2015 nahm unser Projekt Fahrt auf, da begannen die Leute zu realisieren, wie gut das Drehbuch war. Schon früh trafen wir die Entscheidung, dass die Regie eine Frau übernehmen sollte. Dabei war das noch vor der aktuellen, sehr zu begrüßenden Entwicklung, dass auch hinter der Kamera verstärkt Wert auf weibliche Perspektiven gelegt wird. Für uns machte das einfach Sinn, schließlich erzählen wir von einer starken, kompromisslosen Frau, die aller Widerstände zum Trotz ihren Weg geht.“

2016 kam dem Produzenten zu Ohren, dass Satrapi sich für den Stoff interessierte. „Ich kannte Marjane dank Persepolis und wusste, dass sie eine tolle Frau ist. Der Film ist geradezu ein Meisterwerk. Sie las das Drehbuch sehr schnell und brachte sich sofort als geeignete Regisseurin ins Spiel. Sie belagerte uns beinahe. Irgendwann fiel sogar der Satz: wenn ich diesen Job bekomme, putze ich als Dank dein Haus mit meinen Wimpern. Dass wir verdammt viel Spaß haben würden, diesen Film gemeinsam mit dieser außergewöhnlichen Person umzusetzen, stand also außer Frage.“

„Was uns am meisten beeindruckte, war die Tatsache, wie sehr sie im Thema war und sich mit Marie Curie auskannte“, fährt Webster fort. „Sie selbst ist studierte Mathematikerin und hat entsprechend einen Sinn fürs Wissenschaftliche. Wie die Wissenschaft zusammenhängt mit unserer menschlichen Natur und unserem Gefühlsleben hat sie genau verstanden. Das war wichtig, denn im Film kommt das ja alles zusammen: einerseits geht es hier um eine sehr emotionale, tragisch endende Liebesgeschichte, andererseits darum, wie jemand sich aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz im Beruflichen durchsetzt. Und um eine wissenschaftliche Leistung, die bis heute unseren Alltag prägt. Spätestens nachdem ich mir auch Marjanes Realfilme ansah, wusste ich was für eine fähige Regisseurin sie war. Dass wir sie engagieren mussten, stand außer Frage.“

Auch für Satrapi lag die Faszination des Drehbuchs darin, dass es so viele vermeintlich nicht kompatible Elemente auf spannende Weise in sich vereint. „Ich fand in diesem Skript alles wieder, was mich begeistert“, führt sie aus. „Dies ist kein Film, der nur von einem einzelnen Thema handelt. Sondern es geht sowohl um die Liebe als auch um Wissenschaftsethik. Gerade letztere liegt mir sehr am Herzen, denn nicht selten machen wir ja einen Wissenschaftler für das verantwortlich, was er entdeckt. Doch Wissenschaft ist für mich gleichbedeutend mit Neugier und letztlich dem Menschsein selbst, und ich finde es höchst wichtig, die nachhaltigen Auswirkungen einer Entdeckung zu verhandeln, so wie der Film es tut. Zu den besten Liebesgeschichten gehört immer auch Drama, und in diesem Fall sind die Liebe, die Wissenschaft und der Tod wirklich untrennbar miteinander verwoben. Ich wusste sofort nach der Lektüre des Drehbuchs, dass ich diesen Film drehen musste.“

Sobald sie mit an Bord war, machte sich Satrapi gemeinsam mit Autor Jack Thorne an den thematischen und strukturellen Feinschliff des Skripts, wie sich Webster erinnert: „Marjane recherchierte unaufhörlich und entwickelte einen engen Draht zum Marie Curie Museum und Institut in Paris. Sie stellte sicher, dass alle wissenschaftlichen Aspekte im Drehbuch auch wirklich korrekt sind. Was natürlich enorm wichtig ist, wenn man einen Film über die Wissenschaft dreht. Uns war daran gelegen, Curies Arbeit zu entmystifizieren und zugänglich zu machen, sowohl auf einem emotionalen wie auch einem intellektuellen Level.“

Satrapi fügt hinzu: „Dieses Projekt ist durchaus exzentrisch, und das liebe ich sehr. Ich wusste, dass die Arbeit daran nicht unkompliziert werden würde, aber auch das mag ich. Schon nach einer Woche der Auseinandersetzung mit dem Thema sah ich sehr klar vor mir, wie der Film aussehen würde, was nicht besonders oft passiert. Daran, dass dies mein Film war, bestand also kein Zweifel.“

Produzent Webster merkte schnell, dass Satrapi auch Parallelen zwischen ihrer eigenen Geschichte und jener Curies erkannte: „Als eine Frau, die ebenfalls aus einem anderen Land nach Paris kam, sprach dieses Projekt Marjane natürlich ganz speziell an. Sie spürte eine Nähe zu Marie, die als Maria Skolodowska aus Polen in die französische Hauptstadt kam und sich dort als Marie Curie neu erfand. Beide haben auch gemeinsam, dass sie sich nicht von ihrem Frausein definieren lassen. Marie verstand sich selbst nie als erfolgreiche Frau, sondern als erfolgreiche Wissenschaftlerin. Das Geschlecht spielte für sie keine Rolle, und ich glaube, dass Marjane die Sache ganz ähnlich sieht.“

„Ich bin mir sicher, dass Marie nie auch nur für einen Moment darüber nachdachte, dass sie eine Frau ist und deswegen ihr Gehirn womöglich kleiner sein könnte als das eines Mannes“, führt die Regisseurin selbst aus. „Sie wusste im Gegenteil sehr genau, dass sie mindestens genauso gut, wenn nicht besser war als die Männer in ihrem Umfeld. Aber – und das unterstreichen wir mit dem Film – sie hat eben auch nie viel Aufhebens darum gemacht, dass sie eine Frau ist. In einem ihrer Briefe schrieb sie, dass sie mehr unter mangelnder finanzieller Förderung litt als unter ihrem Geschlecht. Das frühe 20. Jahrhundert war schließlich ein Moment der Freiheit und Befreiung für die Frauen in Europa.“

Sie fährt fort: „Mir gefällt auch, dass Marie im Film nicht immer nur nett ist. Es gibt so viele Filme, die Frauen immer bloß als lieb und freundlich zeigen, während die Männer unangenehm und anstrengend sein dürfen. Aber uns war wichtig zu zeigen, dass sie auch immer wieder mal hart und streng sein musste. Wenn sie wusste, dass sie Recht hatte, dann hat sie das auch gesagt, unabhängig von der gesellschaftlichen Norm. Diese aneckende Seite ihrer Persönlichkeit wollte ich unbedingt auf die Leinwand bringen.“

Überhaupt empfand Satrapi die Figur der Marie Curie als das ideale Gegenmittel zu den Stereotypen, die es so häufig auf der Leinwand zu sehen gibt. „Fast immer, wenn ich Frauen auf der Leinwand sehe, sind sie die Ehefrau, Mutter, Tochter oder Schwester von irgendwem, um den es eigentlich geht“, sagt die Regisseurin. „Aber Marie Curie war nicht Pierres Muse, sondern sie waren zwei gleichberechtigte, ebenbürtige Denker und ein für die damalige Zeit unglaublich modernes Paar. Pierre stammte nicht aus einer typisch katholischen französischen Familie, sondern war sehr liberal und offen geprägt. Er wünschte sich eine Ehefrau, mit der er zusammenarbeiten konnte und die ihn herausforderte. Damals lebte man in einer Ära der echten, bahnbrechenden Entdeckungen, während Innovation heutzutage ja vor allem bedeutet, Bestehendes weiterzuentwickeln. Das war damals eine ausgesprochen aufregende Zeit, von Neuem geprägte Zeit, was sich auch daran zeigte, wie mit Frauen umgegangen wurde. Beispielsweise war es für Marie Curie viel einfacher, im Berufsleben zu stehen, als es für ihre Tochter später in den 1940er und 1950er Jahren war. Die Zeit um die Jahrhundertwende war ausgesprochen modern, und genau das macht die Geschichte dieses Paares so reizvoll.“

Bei der Frage, wie sich die Wissenschaft am besten auf der Leinwand darstellen ließe, war Webster beeindruckt von Satrapis einfachem, aber effektivem Ansatz: „Sie wusste, wie komplex die Sache war, deswegen bestand sie darauf, dass wir sie so simpel und ehrlich wie möglich angehen. In ihrer Inszenierung gibt es keinen Schnickschnack, keine Schnörkel, sie verlässt sich nicht auf irgendwelche Tricks. Alles ist sehr unmittelbar und direkt.“

Bei der gewissenhaften, unermüdlichen Vorbereitung kam der Regisseurin ihr Mathematik-Hintergrund zugute. „Ich habe unglaublich viel gelesen und könnte jetzt sicherlich fast erklären, wie genau man eine Atombombe baut“, führt sie aus. „Selbstverständlich verwendet man am Ende nicht all die Informationen, die man recherchiert hat. Aber sie helfen dabei, den Blick zu schärfen. Wenn es um Wissenschaft geht, gibt es keinen Raum für Unwissen. Alles ist ganz klar und präzise, das liebe ich daran so sehr. Das ist das einzige Thema, bei dem wir objektiv sein können.“

Satrapi schuf vorab auch eine Reihe von Storyboards und Animatics um zu zeigen, wie der Film die Sprünge umsetzen würde zwischen der Zeit der Curies und den Szenen, die die späteren Folgen ihrer Forschung zeigen. Dazu gehörten etwa ein Atomtestgelände in den 1950er Jahren und eine Krankenhausszene, in der ein Junge mit wegweisender Röntgentherapie behandelt wird.

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