csm Der Baer in mir 4 ce04a10683Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 15. Oktober 2020, Teil 10

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main Weltexpresso) - Bin ich froh, daß ich – eher durch Zufall, weil keine Pressevorführungen angeboten waren – die Vorpremiere dieses beeindruckenden, ja berührenden Films über Bären in der Frankfurter Harmonie sehen konnte. Und das Eigenartige ist, daß man beim Schauen derart konzentriert ist, sowohl auf die Nahaufnahmen von den Bären wie auch auf die kaum glaublichen Naturaufnahmen, daß man gar nicht merkt, welche tollen Film man sieht.

Bildschirmfoto 2020 10 16 um 01.05.10Das sei ein Widerspruch, Überhaupt nicht. Denn beim Filmanschauen, der ganz brav von vorne anfängt, wie es kam, daß Filmemacher Roman Droux den Bärenforscher David Bittner einen Sommer lang nach Alaska in völlige Wildnis begleitete, fand ich die Erzählstimme, die gar nicht von den beiden kommt, sondern von Marcus Singer, leicht redundant. Die Güte eines Films zeigt sich sowieso erst richtig im Nachhinein. Nicht nur, daß ich unbedingt allen Leuten davon erzählen mußte, stundenlang im Internet ergebnislos versuchte herauszubekommen, warum dieser echte Widerspruch, daß die übermenschengroßen und starken Bären, die auch Menschen fressen, bei uns als Lieblingskuscheltiere fungieren – die zwei traditionellen Geschichten mit dem deutschen und dem amerikanischen Teddybären, können ja nicht den Widerspruch erklären -, daraufhin weitere Stunden mich erst mal biologisch über Bären schlau machte, aber dann darauf kam, daß das eigentlich alles auch im Film gesagt worden war.

Nicht nur das erkenntnisgewinnenwollende Interesse sprach für den Film, sondern einfach das Glück, das man verspürt hat, wenn man diese eindrucksvollen Tiere so aus der Nähe sah, ihr Verhalten beobachten konnte, auch lernte, sie auseinanderzuhalten, denn jeder Bär sieht anders aus. Das ist bei den Bären nicht anders als bei den Menschen und ihren Haustieren wie Hund und Katze, die wir auch alle auseinanderhalten können.

Also, David Bittner war schon wiederholt in Alaska, ist ein bekannter Bärenforscher und nahm den zwar weitgereisten, aber doch Bärenlaien Roman Droux mit. Der Anflug mit der kleinen Maschine – denn zu Fuß kommen da nur Bären hin! - über die Weite des Landes, das sich gerade vom Eis befreit, ist schon mal sensationell. Und dann schluckt man, wenn man mitbekommt, mit welch kleinem Gepäck die beiden die nächsten Monate kampieren – und mit wie wenig Schutz! Elektrizität und Pfefferstreu müssen reichen! Tatsächlich wird um die Zelte ein Draht gespannt, der unter Strom gesetzt wird, was die Bären auch registrieren, akzeptieren und sich abwenden.

Aber das ist später. Denn erst einmal sitzen die Forscher und warten und warten. Auf die Bären, die nicht erscheinen. Und dann kommt der erste, dann der zweite Bär von oben, wo sie in Höhlen überwintert haben. Später lerne ich, daß so ein Bär zwischen 152 und 213 Tage Winterschlaf hält. Wie kommen die bloß auf genau diese Zeitspanne, die zudem ganz schön weit auseinanderliegt. Der Winterschlaf aber ist der Hintergrund dafür, daß die Bären, die jetzt nach und nach an der Stelle eintrudeln, wo es ins offene Meer geht, abgemagert sind und dringend auf Nahrung warten. Erst einmal müssen sie wie Kühe das Gras fressen, was sie auch tun. Wir haben ja Bären auch immer als Honigfresser kennengelernt, aber wo ist hier Honig? Das sind dann doch eher die zivilisierten europäischen Genossen oder die, die im Zoo oder Zirkus für Menschen abgerichtet sind.

Daß Bären wie Menschen sind, ist dann ein Vergleich, der vieles erklärt. Beispielsweise die Nahrung. Sie essen alles. Wie grundsätzlich der Mensch. Auch Bären essen Fleisch. Auch sich selber. In bestimmten Situationen. Nicht als Normalfall. Auf die Beispiele von Kannibalismus will ich jetzt nicht eingehen. Mit dem Ankommen von immer mehr Bären am Zeltplatz richtet sich die Aufmerksamkeit von David und Roman jetzt sowohl auf den einzelnen Bären, von denen David viele wiedererkennt, auf andere noch wartet, auf jeden Fall von ihren Besonderheiten erzählt, als auch auf bestimmte Bärengruppen wie die Bärinnen, die mit einem oder mit anfangs drei Bärenkindern uns nun auch optisch zeigen, wie niedlich diese eben sind, wie alle Kleinen nach dem Kindchenschema mit großen Köpfen und drolligem Verhalten.

Doch, doch, nebenbei achten wir auch auf die beiden Menschen, von denen David über die vergangenen Bärenjahre berichtet, immerhin forscht er schon seit 20 Jahren. Und der Film zeigt auch kurzweilig, welche Probleme, auch welche Gefahren entstehen, die gar nicht auf die Bären zurückgehen, sondern auf die Naturereignisse wie Stürme, die auch bei uns Häuser fliegen ließen. Und wie nach so einem Sturm die Natur eine Schönheit und Ruhe ausstrahlt, als sei nie etwas gewesen.

Doch der eigentliche Film dreht sich um die Bären, deren Verhalten alleine oder in Gruppen wir den Sommer über verfolgen können. Nicht alles ist leichte Kost und daß die Bärenmutter ihr schwaches Kleinstes, das sich gegenüber zwei Jungrabauken an der Mutterbrust nicht durchsetzen kann, nicht zu sich holt und nährt, sondern tut, als ob sie nichts sieht – hoffen wir, sie erkennt das wirklich nicht – ist ja noch auszuhalten, aber wie das Kleine von allen als Fußabstreifer behandelt wird, immer zu kurz kommt, verwundet wird und –tja, da ist man fast noch froh, daß die aufgefundenen Knochen zeigen, daß es gefressen wurde. Froh soll heißen, daß es so zumindest jemand anderes satt machte, nicht einfach nur aus Schwäche starb. Denn satt zu werden, ist für diesen Sommer die Aufgabe der hiesigen Bärenpopulation. Sie müssen übersatt werden, sie müssen Bärenspeck ansetzen, damit sie den langen, langen, dunklen Winter überstehen.

Doch wäre so ein Bärenleben ja Leben wie ein Hund – woher kommt eigentlich dieser Begriff, wo doch zumindest in unseren Breiten Hunde besser leben als... - , wäre das Bärenleben also nur auf Essen und ach ja, Fortpflanzung dann doch auch noch beschränkt. Aber da gibt es so viel anderes, wo einem buchstäblich mitten im dunklen Kino das Herz aufgeht. Daß den beiden Schweizern solche Aufnahmen gelungen sind, wie die von dem einzelnen Bären, der vor puren Lust am Dasein sich seinen Pelz an den Ästen, ja an ganzen Bäumen reibt, was ihn wie im Rausch glücklich macht, daß man so etwas sehen darf, darüber ist man dem Filmemacher schlicht dankbar. Das sind einfach Bilder, die man nie wieder vergißt.

Immer besser lernen wir in diesem kurzen Sommer die einzelnen Bären kennen, den Ex-Chef, den alten Oliver, den jetzigen Boss, Bruno, die schöne junge Luna, in die Bittner ein wenig verliebt ist, die Bärenmütter, vor allem Fluffy, das ist Bertas wohlgenährtes niedliches Vorzeigekind, Berta, die unter den Müttern den Ton angibt. Und wenn ganz am Schluß auch noch Davids Lieblingsbär Balu auftaucht, auf den er den ganzen Sommer über gewartet und seinen Tod gefürchtet hatte, dann ist das eine schöne Dramaturgie und uns ist ganz egal, ob das wirklich so gewesen ist, ich meine, daß das am Schluß des Films war.

Doch wir sind noch nicht am Schluß. Der Hauptteil des Films gilt denen, auf die die Bären lange warten müssen und die dann in Massen kommen: den Lachsen, den laichenden Lachsen, denn es zieht sie nach dem Leben im Meer in ihren eigene Ursprungsort zurück. Nur lassen dabei viele ihr Leben und die Geschicklichkeit der Bären ist kaum zu glauben, wie sie unter Wasser, auch unter Steinen die fetten Lachse finden und fressen. Auch hier ist in den Unterwasseraufnahmen Spektakuläres gelungen und mitten beim Schreiben überfällt mich die Seh- und die Sehnsucht, das noch einmal schauen zu können – und sei es nur als DVD auf dem heimatlichen Schirm, aber besser als nix.

Fotos:
©Verleih
©Redaktion

Info:
Darsteller
David Bittner.       David Bittner
Willy Foulton        Willy Foulton
Voice                   Marcus Signer
Roman Droux     Roman Droux
Balu                    Der Lieblings-Bär
Bruno                  Der Boss
Der alte Oliver     Ehemaliges Alpha-Männchen
Luna                    Blonde Jungbärin
Berta                   Alpha Bärenmutter
Fluffy                   Das gutgenährte Junge von Berta
Bärenmutter.       Mit den drei Jungen
Verletzte Bärenmutter          Mit ihrem Jungen