IMG 1673Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 27. März 2025, Teil 2

Markus Keuchnigg

Wien (Weltexpresso) - MOND FOLGT AUF DEIN MEHRFACH AUSGEZEICHNETES SPIELFILMDEBÜT SONNE. WAS WAR DER AUSGANGSPUNKT FÜR DAS DREHBUCH? FLORENTINA HOLZINGER IST EINE SEHR BEKANNTE THEATERMACHERIN, CHOREOGRAFIN UND PERFORMERIN, ABER KEINE AUSGEBILDETE SCHAUSPIELERIN. WESHALB WOLLTEST DU SIE ALS SARAH IN MOND HABEN?

Ich wusste schon während den Dreharbeiten zu SONNE, welche Geschichte ich in MOND erzählen will. Ausgangspunkt war eine Dokumentation, in der es darum ging, wie Frauen aus den Golfstaaten vor ihren patriarchalen Familien fliehen. Ich konnte mich damit identifizieren. Meine Eltern und ich sind 1991 aus dem kurdischen Teil des Iraks nach Österreich geflohen. Auch meine Familie war, kulturell bedingt, sehr patriarchal geprägt. Insofern kenne ich das Gefühl, ausbrechen zu wollen ganz gut. Und ich habe damals schon erkannt, dass auch in der westlichen Welt ein System herrscht, das mir als Frau sagt, wie man zu leben hat. Nachdem ich im Irak, zu einer Zeit, als der Islamische Staat große Teile des Landes eingenommen hatte, meinen Dokumentarfilm PARADIES! PARADIES! gedreht habe, fühlte sich jedes Problem, das ich und alle anderen hier in Österreich haben oder zu haben glauben, im Vergleich extrem banal an.

Deswegen wollte ich diese Geschichte auch erzählen. Ich bin geprägt von zwei Kulturen und wollte einen Film machen, der in diesen beiden Welten spielt. Die Charaktere und Geschichten im Film sind allerdings sehr spezifisch und sollen kein Land oder dessen Kultur repräsentieren. Dennoch habe ich versucht mit Erwartungshaltungen seitens des Publikums und Stereotypen zu spielen, vor allem um zu zeigen, wo Unterschiede liegen, aber auch wo es vielleicht Ähnlichkeiten gibt. Schon beim Schreiben der Geschichte hatte ich Flo für die Hauptrolle im Kopf. Ich kenne sie privat und habe daher auch ihren Charakter in die Figur einfließen lassen. Wir haben uns sehr lange zusammen vorbereitet, etwa vor der Kamera mit anderen potenziellen Darstellenden verschiedene Szenen ausprobiert und mit professionellen Kampfsportlern trainiert.

Flo war den ganzen Dreh über super cool. Anders kann ich es nicht beschreiben. Sie hat alles mitgemacht und war in jedem Take gut. Es war fast schon absurd. Ich hatte auch immer Angst, dass ihr langweilig wird beim Drehen, weil sie bei ihren Shows auf der Bühne viel coolere und spannendere Dinge macht. Also haben Flo, Ulli Putzer (künstlerische Assistenz und Casting) und ich an den Wochenenden in Jordanien immer was unternommen. Wir sind klettern gegangen, von Klippen und in Flüsse gesprungen und durch die Wüste gefahren, wo wir dann nachts aufgrund eines Sturms stecken geblieben sind. All diese Aktionen waren ganz schrecklich für mich, weil ich ein Angsthase bin. Aber ich wollte mich ein Stück weit auf ihre ActionWelt einlassen, so wie sie sich auf meine Welt eingelassen hat. Sie hat mir später erzählt, dass sie den Dreh als Urlaub gesehen hat. Das freut mich natürlich.


FLORENTINA KANNTEST DU JA BEREITS, DIE DARSTELLERINNEN FÜR DIE SCHWESTERN MUSSTET IHR ABER ERST EINMAL FINDEN. WIE LIEF DAS AB?

Es war ein wenig herausfordernd. Jedes Mal, wenn wir uns bei Castings in Jordanien für eine junge Frau entschieden hatten, hörten wir danach nichts mehr von ihr. Wir fanden heraus, dass die Schauspielerei, zumindest für Frauen, für manche Familien nicht so gern gesehen war. Der Knoten ging erst auf, als wir Andria Tayeh als Nour besetzten. Da sie in der arabischen Welt als Model, Influencerin und Darstellerin einer Netflix-Serie ziemlich bekannt ist, sagten die anderen Darstellerinnen nicht nur zu, sondern tauchten dann auch auf. Sie hat wohl den Kampfgeist der jungen Frauen und ihrer Träume geweckt. Und Andria war großartig. Ihr war die Message des Films von Anfang an wichtig. Alle jordanischen Darstellenden kannten das Buch und verstanden sofort, dass es um weibliche Emanzipation und Selbstermächtigung geht. Das war mir sehr wichtig. Da die Dialoge großteils improvisiert waren, mussten wir uns gegenseitig vertrauen. Alle gaben ein Stück von sich selbst her, durch ihre Persönlichkeit und ihre Geschichten.


IHR HABT DEN GROSSTEIL DES DREHS IN JORDANIEN VERBRACHT, WIE WAREN DIE DREHARBEITEN DORT?

Ich war ja sehr oft in Kurdistan und im Irak, deswegen fühlte sich Jordanien nicht fremd für mich an. Der Unterschied zum Irak ist, dass Jordanien doch ein wenig liberaler und insgesamt auch sicherer ist. Viele Hollywood-Filme werden dort gedreht. Viele meiner Crew-Mitglieder haben direkt vor MOND an DUNE 2 gearbeitet. Das fand ich sehr lustig. Ich habe Jordanien jedenfalls lieben gelernt und dort auch junge Filmemacherinnen getroffen. Als die mir von ihrer Jugend erzählt haben, hat mich das sehr an meine eigene erinnert. Ich musste an diese Szene aus MADAGASCAR 2 denken, wenn das Zebra Marty zum ersten Mal in seinem Leben Artgenossen sieht. In meiner Jugend war nur meine Familie um mich herum. Aber diese Regisseurinnen sind wie ich, lauter Kurdwins. Sie reisen viel, haben gegen ihre Eltern rebelliert und hören Emo-Musik. Ich habe dort Freunde gefunden und möchte meinen nächsten Film wieder in Jordanien drehen.


NACH SONNE UND MOND NEHME ICH AN, DASS DEIN NÄCHSTER FILM STERNE HEISSEN WIRD?

Genau. Und er ist schon in Arbeit!


Foto:
©Verleih

Info:
Spielfilm, Österreich, 2024 deutsch/arabisch/englisch mit deutschen Untertiteln Kinostart: 27. März 2025 FSK: 16 2/10

Besetzung;
Florentina Holzinger
Andria Tayeh
Celina Antwan
Nagham Abu Baker

Stab
Buch & Regie: Kurdwin Ayub