IMG 1674Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 27. März 2025, Teil 1

Kurdwin Ayub

Wien (Weltexpresso) - Wie würden Scheherazades Geschichten aus Tausendundeiner Nacht heute aussehen? Eine davon könnte vielleicht wie mein erster Spielfilm SONNE sein. Der handelt von kultureller Aneignung und kreist um eine Familie mit Migrationshintergrund in Europa und um junge europäische Frauen, die den Westen verlassen, um in den Irak zu gehen. Eine andere dieser Geschichten könnte mein neuer Film MOND sein. Meine erste Idee dazu war, von einer privilegierten westlichen Frau mit privilegierten westlichen Problemen zu erzählen, die in den Nahen Osten geht und dort erkennt, wie banal ihre Troubles eigentlich sind.

Aber ganz so einfach ist das natürlich nicht... Meine Hauptfigur Sarah ist eine ehemalige Mixed Martial Arts-Kämpferin. MMA gilt als eine der härtesten Kampfarten und im Grunde ist sie eine geborene Actionheldin. Dieses Genre-Klischee unterwandere ich allerdings, indem ich Sarah als sehr speziellen Charakter anlege, als eine Person mit eigenen Wünschen, Träumen und Hoffnungen. Sie ist ebensowenig austauschbar wie die Mitglieder der Familie. Ich drehe es um, und lasse mal eine Person aus dem Westen für eine reiche Familie im Osten arbeiten. Der Drang nach Freiheit, den Nour verspürt, steht in krassem Gegensatz zur Leere und Einsamkeit, die Sarah in Österreich fühlt. Nour will aus ihrem Käfig ausbrechen, Sarah wünscht sich ihren insgeheim zurück. Es geht also um Schwestern, egal woher sie kommen, und um Käfige, egal wo sie stehen. Hilft Sarah einer anderen Frau und begibt sich damit womöglich in Gefahr? Wem kann sie glauben, wem vertrauen? Hilft sie ihr, auch wenn sie nicht weiß, was wahr ist und wer Recht hat? Und wem glauben wir? Würden wir helfen? Wie schon bei SONNE soll auch MOND das Publikum mit mehr Fragen hinterlassen als Antworten. Die Realität ist kompliziert, einfache Lösungen gibt es zumeist nicht. Ich wünsche mir, dass MOND beim Publikum auch unangenehme Gefühle auslöst. Wenn Sarah am Ende des Films nach Österreich zurückkehrt sind einige Zuschauende vielleicht auch erleichtert und glücklich, dass sie die Schwestern nicht gerettet hat. Mir ist bewusst, dass das eine ziemlich harte Ansage ist. In MOND möchte ich den White Savior-Komplex analysieren und habe eine naturalistische Inszenierung gewählt. Was wäre, wenn eine White Savior-Geschichte nicht wie in den meisten fiktionalen Filmen romantisch erzählt ist, sondern realistisch? Solche Geschichten wie jene der Familie, die Sarah trifft und das, was mit den Töchtern passiert, kennt man aus Nachrichten.

Mich hat interessiert, wie Sarah, unsere geborene Actionheldin, mit so einer Situation umgehen würde – realistisch und ohne zu urteilen. Ich setze in MOND bewusst Genre-Versatzstücke ein und deute Horrormomente und Action-Sequenzen an, um sie im nächsten Moment wieder mit der Realität zu ersetzen. Die Mädels lassen sich von Seifenopern berieseln, während ihre dramatische Situation schmerzhaft echt ist. Die Romantik dieser Geschichten und all die Happy Ends machen sie hoffnungsvoll, aber auch naiv. Das kennen wir ja auch von uns selbst. Sarah aus dem Westen wird Nour aus dem Osten nicht helfen können. Und das müssen beide einsehen. Denn die Realität ist nicht romantisch. Leider.

Foto:IMG 1674
©Verleih

Info:
Spielfilm, Österreich, 2024 deutsch/arabisch/englisch mit deutschen Untertiteln Kinostart: 27. März 2025 FSK: 16 2/10

Besetzung;
Florentina Holzinger
Andria Tayeh
Celina Antwan
Nagham Abu Baker

Stab
Buch & Regie: Kurdwin Ayub