
Redaktion
Paris (Weltexpresso) - Woher kam die Idee, einen Film ausgerechnet über ein Frauentrio zu drehen?
Hanna Ladoul: Vor ein paar Jahren lebten Marco und ich in den Vereinigten Staaten. An Weihnachten rief mich meine Mutter an und erzählte mir von einem großen Tumor an ihrem Hals. Da ich weit entfernt war, machte ich mir Sorgen. Glücklicherweise stellte sich heraus, dass er gutartig war. Doch das Szenario eines weniger glücklichen Ausgangs beflügelte unsere Fantasie. Wir stellten uns eine Situation vor, in der ich zurückfliegen müsste, um sie in der Normandie zu pflegen, an einem Ort, dem ich schon immer entkommen wollte.
Marco La Via: Für uns als Autoren wurde dieser Vorfall zum Ausgangspunkt für die Vorbereitungen unseres Films. Sowohl in Hannas als auch in meiner Familie faszinieren uns die Lebenswege der Frauen. Hanna, ihre Mutter und ihre Großmutter, jede von ihnen eine einzigartige freie und unabhängige Persönlichkeit, würden sich sicherlich irgendwann in die Haare kriegen. Die Vorstellung, dass sie ein Jahr lang zusammen in einem Haus festsitzen, fanden wir amüsant und bewegend zugleich und das wurde zur Inspiration für FUNNY BIRDS und die Figuren des Films.
Hanna Ladoul: Die Geschichte von FUNNY BIRDS nimmt letztendlich eine unerwartete Wendung. Es war uns zwar klar, dass der Film in den USA spielen sollte, aber gleichzeitig wollten wir Catherine Deneuve als Solange – eine Französin, die überraschend in einem ländlichen amerikanischen Umfeld auftaucht.
War für Sie von Anfang an Catherine Deneuve die Idealbesetzung als Großmutter?
Hanna Ladoul: Absolut. Für uns verkörpert Catherine das Wesen einer Königin von Frankreich, sie ist Sinnbild dieses Landes. Außerdem ist sie nicht der übliche Großmuttertyp, kaum jemand wird sie unbedingt mit dieser Rolle in Verbindung bringen.
Die Handlung von FUNNY BIRDS konzentriert sich auf einen begrenzten Raum, der einem „huis clos“(wörtlich: geschlossenem Haus) ähnelt, einer geschlossenen Gesellschaft. Ein ziemlicher Unterschied zu Ihrem ersten Film, WE THE COYOTES, einem Roadmovie durch den Moloch Los Angeles.
Marco La Via: Der Ansatz für diesen Film war komplett anders. Wir wollten ein Märchen erzählen, eine Fabel mit zeitloser Qualität. Außerdem wollten wir eine klassische Form des amerikanischen Kinos wieder aufgreifen mit einem raffinierten Lichtkonzept und einer eher zurückhaltenden Inszenierung. Das Gelbe vom Hanna Ladoul: Wir haben uns von Beginn an eine „Huis clos“-Situation vorgestellt, ein Bauernhof als Treffpunkt und Ort der Versöhnung für die drei Frauen. Während sich unser erster Film in einer riesigen Stadt an einem einzigen Tag abspielte, erstreckt sich hier die Handlung über ein ganzes Jahr und spielt am selben Ort.
Der Rhythmus der Natur bestimmt den Erzählrhythmus, wobei mit jeder Jahreszeit eine neue Protagonistin eingeführt wird.
Marco La Via: Genau. Das Drehbuchkonzept stützte sich auf den Zeitrahmen von einem Jahr und die wechselnden Jahreszeiten. Die Entwicklung der Krankheit verläuft parallel zum Wandel der Beziehungen und Entwicklung der einzelnen Charaktere.
Ausgangspunkt der Geschichte ist die Mutter-Tochter-Beziehung zwischen Laura und Charlie. Wie haben Sie es geschafft, diese mit so großer Intensität darzustellen?
Hanna Ladoul: Charlie findet die Umstände herausfordernd. Sie kehrt an einen Ort zurück, den sie immer verlassen wollte und muss plötzlich eine Hühnerfarm leiten und ihre kranke Mutter pflegen. Ein großes Opfer. Trotz der Schwierigkeiten beschließt sie, zu bleiben. Vielleicht ist es das beste Jahr ihres Lebens. Diese Erfahrung ermöglicht es ihr, ihre Mutter und Großmutter wirklich zu verstehen und die Vergangenheit kennenzulernen. Das Thema „Verlassensein“ wiederholt sich von Mutter auf die Tochter. Die generationenübergreifende Beziehung, in der die drei ein Jahr lang zusammenleben, ermöglicht es ihnen, das Familienmuster zu ändern und seelische Wunden zu heilen.
Im Duo Laura-Charlie vermitteln die Schauspielerinnen Andrea Riseborough und Morgan Saylor die Krankheit mit großer Empathie und ganz ohne Sensationslust.
Hanna Ladoul: Von Anfang an war ihnen klar, dass es in dem Film nicht um übertriebenes Mitleid oder Sensationslust geht. Im Drehbuch haben wir absichtlich vermieden, die Krankheit genauer zu definieren oder auf Einzelheiten der Diagnose und Behandlung einzugehen. Andrea und Morgan verfügen beide über einen subtilen, scharfen und ganz besonderen Schauspielstil.
Marco La Via: Beim Schreiben von Charlies Rolle dachten wir schon an Morgan Saylor, die in unserem ersten Film die Hauptrolle spielte. Sie war die nächstliegende Wahl. Andrea Riseborough ist eine Schauspielerin, die wir sehr bewundern; das erste Mal fiel sie uns in uns in James Marshs SHADOW DANCER auf. Es war toll, mit ihr zu arbeiten.
Wie kam Catherine Deneuve an Bord?
Hanna Ladoul: Catherine gefiel das Drehbuch sehr gut und anschließend haben wir uns getroffen. Sie fühlte sich der Figur der Solange verbunden, einer abenteuerlustigen Frau mit viel Esprit, die oft unberührt von vielen Dingen scheint, aber dahinter ein großes Herz versteckt. Sie war auch begeistert, dass der Film auf dem Lande spielt. Bei unserem ersten Treffen erzählte sie, dass die Leute sie oft als eine sehr urbane, schicke Frau wahrnehmen, während sie wirklich Tiere und die Natur liebt. Sie zeigte uns sogar zum Beweis ihre Hände: „Schaut, ich habe Gärtnerhände! “ Am Set fühlte sie sich im Umgang mit den Hühnern bemerkenswert wohl – in dem Bereich war sie wohl die Erfahrenste unter uns!
Solange zeichnet sich dadurch aus, ihre Vorstellung von Feminismus und ihre Ideen klar zu formulieren. Ist das quasi ein Tribut an den Feminismus der 1960er und 1970er Jahre?
Marco La Via: Schon bald nach ihrer Ankunft sagt sie einen bedeutsamen Satz, nämlich dass „Bildung wichtig für die Gleichstellung der Geschlechter ist“ und unterstreicht damit die Forderungen des Feminismus der 60er und 70er Jahre. Der Film porträtiert drei Frauen, drei Formen von Weiblichkeit und drei Varianten des Feminismus. Wir wollten ihre Vorstellung von Freiheit und Feminismus zeigen, die jede auf ihre eigene Weise angeht, ob die anderen sie akzeptieren oder nicht. Solange bringt ihren Blick auf Mann-Frau-Beziehungen und ihre Erfahrungen ein, was Fragen und spannende und kontroverse Gespräche auslöst. Wir erzählen eine Geschichte von unabhängigen und selbständigen Frauen. Trotz aller Widersprüche glauben wir, dass es kein von Natur aus vorbestimmtes „richtig“ oder „falsch“ gibt. Solange hat sich entschieden, ihre Tochter früh zu verlassen, aber wir wollen kein Urteil fällen, sondern uns in jede Figur einfühlen.
Hanna Ladoul: Mit diesem Trio wollten wir auch ein wenig mit Klischees spielen. So hat die Großmutter eine sehr jugendliche Seite und Charlie dagegen eine sehr „großmütterliche“. Manchmal fragt man sich, wer die echte Großmutter der beiden ist. Charlie ist anfangs sehr akademisch und ernst, aber Solange motiviert sie, sich locker zu machen und zu entspannen.
Sie verurteilen keine der Personen, aber untereinander reden die Protagonistinnen Tacheles. So entsteht ein packendes Drama, in dem unausgesprochene Dinge und Geheimnisse sich mit manchmal sehr direkten Anschuldigungen abwechseln.
Hanna Ladoul: Anfänglich kommen sie nicht miteinander zurecht, sie verstehen sich einfach nicht. So vieles bleibt unausgesprochen, und Charlie wusste mit zwanzig nicht einmal von der Existenz einer Großmutter. Da ist eine ganze Menge zu verarbeiten. Im Laufe des Jahres lernen sie einander verstehen und vielleicht noch ein bisschen mehr.
Marco La Via: Es war wichtig, dass sie einen Punkt des gegenseitigen Verstehens erreichen, ohne sich selbst zu verlieren. Sie müssen ihre Persönlichkeit nicht aufgeben oder eine andere werden, um Erlösung zu finden, einander zu verzeihen und in Harmonie zu leben. Es gibt viele Wege, jede kann Recht haben ...
Der Film handelt auch von der Rückkehr zur Natur, die Figuren bereiten sich auf eine mögliche Zukunft vor. War es schwierig, dieses Gefühl für das Landleben auf die Leinwand einzufangen?
Hanna Ladoul: Fotografisch haben wir jeder Jahreszeit eine Farbe zugeordnet. So wirkt der Sommer optisch viel wärmer als der Winter mit seinen kühleren Blautönen. Da wir eine Geschichte über Frauen erzählen wollten, arbeiteten wir mit stärker stilisierten Bildern, die über den einfachen Realismus hinausgehen.
Marco La Via: Der fotografische Ansatz zielte darauf ab, diese ganz normalen Frauen als Heldinnen darzustellen. Wir hätten auch einen sehr naturalistischen Ansatz wählen können, aber wir wollten unsere Figuren in filmische Heldinnen verwandeln. Das passt zu unserem Wunsch, die klassischen Codes des amerikanischen Films auf unsere eigene Weise zu interpretieren. Bei der Zusammenarbeit mit unserer Kamerafrau Virginie Surdej gingen uns oft Filmbilder von Frank Capra und Clint Eastwood durch den Kopf.
Hanna Ladoul: Uns lag daran, dass sich die Kamera auf die Gesichter unserer Heldinnen fokussierte, dafür benutzten dafür eine spezielle Lichttechnik. Außerdem haben wir uns bewusst dafür entschieden, alle drei Protagonistinnen als Rothaarige zu besetzen, das passt strategisch zur Gesamtfarbpalette des Films.
Diese filmische Erzählung endet mit einer hoffnungsvollen Note, einem Ort des Trostes, an dem die Solidarität über Generationen hinweg triumphiert.
Hanna Ladoul: Das ist beabsichtigt. Nach all den Prüfungen und Schwierigkeiten während des gemeinsam verbrachten Jahres wird Versöhnung erwartet. Unsere Botschaft lautet: Verbringt Zeit miteinander, und es wird bestimmt etwas Gutes dabei herauskommen.
Bis zum Schluss wird die Frage nach dem ländlichen Charakter und des Lebens außerhalb der Stadt als eine Art positive Erfahrung dargestellt.
Marco La Via: Vor allem Charlie blüht auf und beginnt sich an diesem Ort zu öffnen.
Hanna Ladoul: Es ist ein Wendepunkt für Charlie, sie entwickelt sich im Verlauf der Zeit zur erwachsenen Frau. Zu Filmbeginn wirkte sie viel verschlossener und auch jugendlicher. Sie kommt mit ihren weißen Turnschuhen sehr urban daher und ist überzeugt, das Leben drehe sich nur ums Geldverdienen. Durch die Zeit mit ihrer Mutter und Großmutter wird sie in einem einzigen Jahr sehr erwachsen. Die Veränderungen sind deutlich. Von ihrem ersten bis zu ihrem letzten Auftritt auf der Leinwand macht sie eine totale Metamorphose durch, sowohl körperlich wie geistig.
Und für ihre Mutter ist sie unentbehrlich geworden.
Hanna Ladoul: Laura lebt allein und verlässt sich ganz auf ihre Tochter, die sie als Pflegerin, Köchin und Farmarbeiterin unterstützt. Als Charlie auf dem Hof ankommt, kann sie eine gewisse Ablehnung nicht verleugnen, bis sie den Ernst der Lage ihrer Mutter begreift.
Martin Scorsese fungierte als Koproduzent. Wie kriegt man so einen berühmten Filmemacher ins Boot?
Hanna Ladoul: Unsere Produzentin Mélita Toscan du Plantier schickte ihm das Drehbuch, und er war sehr begeistert. Besonders faszinierte ihn die Mutter-Tochter-Beziehungen, wie wir später herausfanden. Wir sind ihm dankbar für sein Engagement.
Marco La Via: Er hat sich total eingebracht und war sehr zugänglich. Seine tiefe Leidenschaft für das Kino war in jedem Moment spürbar. Seine Vorschläge und seine einzigartige Filmkenntnis haben uns sehr geholfen, egal ob in puncto Rhythmus, räumliche Anordnung oder Schauspiel.
Gibt es nach diesem aufregenden Abenteuer schon Pläne für einen dritten Film?
Marco La Via: Nach FUNNY BIRDS und WE THE COYOTES wollen wir wieder etwas Neues ausprobieren. Das fertige Drehbuch liegt schon in der Schublade, ein Thriller über eine Sekte tief im kolumbianischen Dschungel.
Hanna Ladoul: Die Konstante ist Morgan Saylor: Sie wird in unserem dritten Film mitspielen. Nach zwei gemeinsamen Projekten erwuchs aus der beruflichen Verbindung eine tiefe Freundschaft. Es herrscht ein unglaubliches Maß an Vertrauen, das sich aus der Zusammenarbeit zu einer tollen künstlerischen Beziehung entwickelt hat. Wir verstehen uns immer auf Anhieb, und es ist eine großartige Erfahrung, sie jedes Mal in völlig anderen Rollen aufgehen zu sehen.
Bleiben Sie in L.A. oder haben Sie andere Pläne?
Marco La Via: Wir sind jetzt zurück nach Frankreich gezogen und werden in absehbarer Zeit hier Filme realisieren. FUNNY BIRDS hat uns zurück nach Europa gebracht und wir sind sehr glücklich, wieder zu Hause zu sein. Das Indie-Filmemachen ist in den letzten Jahren in den USA extrem schwierig geworden. Viele unserer amerikanischen Freunde haben es schwer und müssen ihren ersten, zweiten oder dritten Spielfilmfilm über Crowdfunding finanzieren. Frankreich verfügt über eine solide Filmindustrie, die es ermöglicht, sehr unterschiedliche und gewagte Filme zu finanzieren. Außerdem gibt es in allen Bereichen der Branche eine Menge großartiger Schauspieler und anderer Talente. Wir freuen uns sehr darauf, bald unseren ersten französischsprachigen Film zu drehen.
Foto:
©Verleih
Info:
STAB
Drehbuch und Regie Marco La Via und Hanna Ladoul
BESETZUNG
Solange. Catherine Deneuve
Laura Andrea Risebourough
Charlie Morgan Saylor
Joanna Naima Hebrail Kidjo
Sebastian. John Robinson
Henry Joseph Olivennes
Sheriff Miller. Ken Samuels
Deputy Harris Maria McClurg
Abdruck aus dem Presseheft