Die Wettbewerbsfilme der 65. Berlinale vom 5. bis 15. Februar 2014

 

Kirsten Liese

 

Berlin (Weltexpresso) – Es fehlten nur 13 Minuten! Hätte Adolf Hitler am 8. November 1939 den Münchner Bürgerbräu-Keller nach einer Rede nicht vorzeitig verlassen, wäre das geplante Attentat auf ihn erfolgreich gewesen. Dann hätte der schwäbische Tischler Georg Elser, der die Bombe baute und versteckte, die Weltgeschichte verändert.

 

 

Nun haben Historiker die Verdienste des schwäbischen Tischlers zwar anerkannt, aber zu einem weltbekannten Helden wie die Geschwister Scholl oder Graf Stauffenberg ist er nie geworden. Zwar hatte 1989 schon einmal Klaus Maria Brandauer dem Tüftler ein filmisches Denkmal gesetzt. Aber vielleicht braucht es zur erhöhten Aufmerksamkeit doch eines Oliver Hirschbiegel.

 

Sehr dicht, fast im Ton eines Kammerspiels, schildert der „Untergang“-Regisseur in Rückblenden, wie alles geschah, wie Elser (Christian Friedel) sich in die verheiratete Elsa (Katharina Schüttler) verliebt, deren Mann ein gewaltsames Regiment führt, wie er seine Mission erkennt und ganz alleine, ohne jemanden hineinzuziehen, sein Vorhaben plant. Dagegen stehen grausame Szenen, in denen Verhöroffizier Arthur Nebe (Burghart Klaußner) und sein Assistent „Gestapo-Müller“ (Johann von Bülow) den Widerständler nach dem Misslingen des Anschlags mit Folter drohen, sollte er sein Geständnis verweigern. Es geht tief unter die Haut zu erleben, wie Elser trotz alledem ein Unbeugsamer bleibt, der noch unter schweren Peitschenhieben daran festhält, dass seine Tat richtig war.

 

Schade, dass dieses packende Drama außer Konkurrenz im Wettbewerb lief, es hätte einen Bären für die beste Regie verdient.

 

Außer Hirschbiegel machte nur Benoit Jacquot unter den versammelten Altmeistern dieses Festivaljahrgangs seinem großen Namen Ehre. Keineswegs unnötig adaptierte er Octave Mirbeaus schon zweimal verfilmten Roman „Tagebuch einer Kammerzofe“ ein drittes Mal mit anderen Akzenten. Der Franzose verzichtet auf die sadomasochistischen Fetische des Hausherrn, auf die sich Bunuel 1964 konzentrierte, greift dafür andere komplexe Nebenfiguren auf, an denen sich bestürzend zeigt, dass die Erniedrigten und Beleidigten nicht unweigerlich die besseren Menschen sind.

 

Jacquot hat seine Verfilmung ganz auf die wunderbare Léa Seydoux zugeschnitten, seit Jahren ein gefragter Dauergast der Berlinale. Ihre Celestine ist nicht so damenhaft wie Paulette Godard in der Adaption von Jean Renoir (1946) und auch nicht so frostig wie Jeanne Moreau im Film von Bunuel, vielmehr spricht aus ihrem Gesicht mit der etwas aufwärts zeigenden Nase und den funkelnden Augen der unverkennbare Trotz einer Gedemütigten, die sich ihren Stolz bewahrt.

 

Sehr gespannt sein darf man, wie sich die Jury im Hinblick auf den Goldenen Bären entscheidet. Wird sie ihn dem Iraner Jafar Panahi für seinen bemerkenswerten regimekritischen Film „Taxi“ zuerkennen (wir berichteten), oder doch eher der eleganten, leisen Studie „45 Years“, unter Kritikern verdient als Favorit groß gehandelt. Dabei ereignet sich nicht viel mehr als eine Art Sturm im Wasserglas.

 

Just wenige Tage vor ihrem 45. Hochzeitstag, den Kate (Charlotte Rampling) und Geoff (Tom Courtenay) groß feiern wollen, erreicht sie die Nachricht, dass der Leichnam von Geoffs Freundin, die vor 50 Jahren in den Schweizer Alpen verunglückte, eingefroren in einer Gletscherspalte, gefunden wurde. Dass der alten Mann im Zuge dessen aufgewühlt noch einmal alte Fotos anschaut und sich in Erinnerungen versenkt, erscheint allzu verständlich. Darüber mag sich Kate rational auch im Klaren sein, aber irgendwie hat dieses Stöbern in der Vergangenheit für sie auch etwas Belastendes, zunehmend stellt sie Lebensentscheidungen, die bis dahin richtig erschienen, infrage, versteigt sich reglerecht in die fixe Idee, sie habe ihrem Mann nie genügt. Toll, wie Charlotte Rampling all diese unausgesprochenen Empfindungen mit vielsagenden Blicken und Gesten nach außen kehrt. Ein Bär für die beste Darstellerin wäre für diesen fulminanten Auftritt die richtige Antwort.

 

Foto: Der Regisseur mit seinen Hauptdarstellern von ELSER