MITTENDRIN. Persönliches Tagebuch der BERLINALE 2016 vom 11. bis 21. Februar, Tag 9

 

Hanswerner Kruse

 

Berlin (Weltexpresso) - „Einen schlechten Film erkennt man nach fünf Minuten“, schrieb neulich jemand über einen Festival-Film. Bis zum letzten Jahr dachte ich das auch - nach zwanzig Minuten ging ich damals aus dem Berlinale-Film „Victoria“, der dann einen Silbernen Bären erhielt und später den Deutschen Filmpreis in vielen Kategorien.

 

  • Deshalb sah ich ihn noch einmal, bekam nach zwanzig Minuten Fluchtgefühle, hielt aber durch. Irgendwann musste ich zugeben, das ist ein wunderbarer Film...

Manchmal lohnt es sich also, im Kino zu bleiben. Aber das acht-Stunden-Werk habe ich, wie hier angekündigt, nicht geschaut. Allerdings bin ich zur Pressekonferenz gegangen, in der die müden Kollegen herumhingen. Viele sind aus dem mit Journalisten und normalen Besuchern nur schwach gefüllten Berlinale-Palast vorzeitig gegangen.

 

Doch zwei Kolleginnen waren begeistert:

Dieses Film-Erlebnis ist ein Stück Selbsterfahrung“, meinte die eine, „nach einiger Zeit war ich wie in Trance.“ Zwischendurch hätte sie auch mal geschlafen (auf der Berlinale herrscht bei allen chronischer Schlafmangel), sei aber immer wieder in den Fluss des Films hinein gekommen. „Ja, der hat meine filmische Wahrnehmung verändert“, meinte die zweite Kollegin. „Die ersten zwei Stunden waren schwierig, aber dann war ich hochkonzentriert und bin von den Bildern verschlungen worden.“

 

Regisseur Lav Diaz selbst sagte, man dürfe sein Werk „Hele Sa Hiwagang Hapis“ und dessen Dauer nicht zusammen besprechen. „Das ist Poesie, der darf man keine Zeit aufzwingen.“ Nicht zufällig zeigt er in seinem Epos den allerersten Kurzfilm der Brüder Lumiere, mit dem die Filmgeschichte begann.

 

Solch ein langer Film ist nur durch die digitale Aufnahmetechnik möglich. Vielleicht habe ich nun doch einen Meilenstein der Filmgeschichte verpasst?

 

Foto:

Der Regisseur des achtstündigen philippinischen Films, der nicht nur eindrückliche Bilder auf der Leinwand schafft, sondern dann auch noch  geschliffen darüber reden kann.