Von Lida Bach

 

„So Sorry.“ Das ist der Knackpunkt, der Alison Klaymans Dokumentarfilm zu brechen droht. Die Krisis, auf die das alerte Künstlerporträt hinausläuft. Das Epizentrum, das den trotz unübersehbarer Abschweifungen und Umwege zielsicheren Plot erschüttert. Eine fundamentale Verschiebung der Ausgangslage wie das Beben, das vor vier Jahren in der Provinz Sichuan die Erde erschütterte. Ein emotionaler Schock, wie das Beben, das angesichts der humanen Katastrophe die chinesische Bevölkerung erschütterte. 

 

Rund 69. 000 Tote gab es laut offiziellen Angaben, weit über 80.000 nach unabhängigen Schätzungen. Offizielle Verlautbarungen und unabhängige Erhebungen in China klaffen oft auseinander. Wie die Erde in Sichuan. Die Abgründe, die sich tektonisch und politisch dabei auftun, verschlingen Menschen. Manchmal trifft es tausende Kinder, die in Schulen unterrichtet werden, deren brüchige Bauweise sie bei ein seismischer Stoß wie Kartenhäuser einstürzen lässt. Manchmal trifft es eine Einzelperson, die in einem Staat unterdrückt wird, dessen korrupte Mechanismen so porös sind, das ein künstlerischer Anstoß ihre demokratischen Fassaden einreißt. Ai Wei Wei ließ diesen Ruck durch die Bevölkerung gehen, als er vom Oktober 2009 bis Januar 2012 im Münchner Haus der Kunst „So Sorry“ präsentierte. Das blutende Herz der Ausstellung war eine Installation von 9000 Rucksäcken geformt zum Zitat der Mutter eines der kindlichen Erdbebenopfer.

 

Der Schmerz, den das eindrucksvolle Memorialzeugnis wachruft, ist nicht nur seelisch, sondern unmittelbar physisch. Zumindest für Wei Wei, den Klaymans renitente Gratwanderung zwischen kulturpolitischem Pamphlet und kunstkritischer Analyse in München noch unter einer Kopfverletzung leidend zeigt. Die schwere Blessur ist Folge des gewalttätigen Polizeivorgehens in Wei Weis Mutterland. „Fuck You, Mutterland.“, sagen er und die anderen Teilnehmer eines Kunstprojekts in die laufende Kamera. Sie hat der unbeirrbare Protagonist, der nicht nur zu den bedeutsamsten Künstlern, sondern politischen Aktivisten der Gegenwart gehört, als eine seiner mächtigsten Waffen gegen Staatszensur entdeckt. Gefragt nach seinem künstlerischen Selbstverständnis erklärt der durch die von seinem Werk ausgehende Systemkritik permanenter Überwachung und Boykott ausgesetzte Ai Wei Wei, er betrachte sich als „Einen Schachspieler. Mein Gegner macht einen Zug. Dann mache ich wieder einen Zug.“

 

Sein provokantes Hinterfragen der staatlichen Zustände im heutigen China und die ironische Distanzierung von nationalistischem Kulturethos via Blogs und Twitter parierte die Regierung, indem sie ihn matt setzte. 81 Tage verschwand der kreative Rebell. 81 Tage, die er unter dem Vorwand Finanzvergehen in politischer Gefangenschaft verbrachte. „So Sorry.“, entschuldigt er die Unmöglichkeit, nach seiner Entlassung auf Bewährung Interviews zu geben. „So Sorry“ sei die Ausrede der Mächtigen überall auf der Welt, bekundet Wei Wei in der Tagline des Films.Und es ist die der Machtlosen, wenn sie vorübergehend vor einer Übermacht kapitulieren müssen. Die letzten Minuten sind ein Aufruf, der die Mehrdeutigkeit des Titels unterstreicht: Keine Entschuldigungen, keine Ausflüchte, keine Aufgabe. An die Opfer und Kraft hinter diesem Kampf zu erinnern ebenso wie daran, dass er auch für Große wie den bescheidenen Hauptcharakter kein leichter ist, wird zur genuinen Stärke der Reportage. Der Hauptprotagonist zeigt sich in seinem Engagement ungebrochen und Klayman tut ihr Bestes, es ihm gleichzutun.

 

Jene spürbare Aufrichtigkeit des ungeschliffenen Regiedebüts, das trotz des des Materialreichtums sowie raren Familienaufnahmen die individuelle Komplexität von Künstler, Privatmensch und öffentlicher Persona Non Grata nur andeuten kann, verleihen „Never Sorry“ trotz seiner erratischen Struktur und zäher Beflissenheit seine Eindruckkraft. Die passenden Worte für dies Ambivalenz liefert Wei Wei selbst: „Es gibt keine elegantere Sportart als Steine auf eine Diktatur zu werfen.“

 

Oneline: Ungekünstelte Dokumentation über die Kunst des Affronts.