Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 17. November 2016, Teil 6

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Philip Roth , Jahrgang 1933, war jahrelang, jahrzehntelang der potenteste US-amerikanische Schriftsteller, der seinen Landsleuten unerbittlich den Spiegel vorhielt. Mit seiner literarischer Figur Nathan Zuckerman , die immer als alter ego gedeutet wird, steht auch der Mann dieser Zeit auf dem Prüfstand.


Auf dem Prüfstand steht auch jedes Jahr Philip Roth, wenn es im Oktober an die Verkündung der Nobelpreise geht, der jedes Jahr mit niedriger Wahrscheinlichkeit als Favorit gilt, was nun nach dem US-Bob Dylan noch unwahrscheinlicher wird. Das AMERIKANISCHE IDYLL gehört zum Spätwerk, und dafür hat er immerhin 1998 den Pulitzerpreis erhalten. Im gespenstischen Roman freut sich Nathan Zuckermann  (David Strathairn) 45 Jahre nach seinem Schulabschluß auf das Klassentreffen, denn er will schon lange wissen, was aus seinem bewunderten Klassenkameraden Seymour Levov geworden ist. Den spielt der Schauspieler McGregor.

Levov war Zuckermans Vorbild und in der Schule der Held. Zu McGregor muß man sagen, daß wir ihn vor allem als Schauspieler kennen, der nun hier sein Regiedebüt vorlegt und gleichzeitig spielt. Das hat er einerseits gut hinbekommen, andererseits bleibt vieles gegenüber der Präzision des Romans vage. Das, was am Film gut ist, steht schon im Roman. Denn Philip Roth hat eine fetzige Vorlage geschrieben, in der die feinen Verästelungen für den Film zwar gestrichen wurden, der aber noch Substanz enthält, zudem auch sinnvolle Umstellungen der Handlung. Zuckerman also freut sich auf das Klassentreffen, aber der 'Swede' genannte Seymour kommt nicht, noch dessen schöne Frau oder die tolle Tochter,  nur dessen kleiner Bruder Jerry (Rupert Evans), der für Zuckerman aber eine ganz andere Geschiche parat hat, die uns sogleich den Titel vom Idyll verleidet, bzw. zur Satire macht.

Damit ist die Rückblende eingeleitet, die uns eben die Jahre zurückführt, in die späten Fünfziger, als die Welt noch in Ordnung schien und die Vereinigten Staaten die Supermacht darstellten. Der 'Swede', der so heißt, weil er seine Haare so streng gescheitelt und adrett trägt, ist also der Star seiner Schule, der Star der Stadt, dem alles zufliegt, der als Sohn eines jüdischen Fabrikanten sogar die schönste und natürlich katholische Frau namens Dawn (Jennifer Connelly) erringt, die ihm bald eine Tochter gebärt: Merry (Dakota Fanning). Doch hat diese bald einen Makel. Sie stottert und sie entwickelt sich zu einem aggressiven Wesen, das Unheil verbreitet.

Längst hat das Unheil aber ganz Amerika erfaßt. Ende der Sechziger sind es nicht nur die Rassenunruhen, sondern auch die Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, die zusammen mit der Studentenrevolte – beides bedingt sich – eine geordnete Welt aus den Fugen hebt. Allerdings ist diese 'Ordnung' eine oktroyierte, die auf Ungerechtigkeit aufbaut. Deshalb wird Merry zur Klassenkämpferin – inmitten einer so bürgerlichen Welt, daß der Film an dieser Stelle immer wieder leicht ins Kippen gerät, weil man die Wut der Merry, die schreckliche Wut nicht ganz verstehen kann, die sie dazu bringt, sich einer militanten Gruppe anzuschließen und im Postamt eine Bombe hochzujagen, der ein Menschenleben fordert.

Doch das ist erst der Anfang. Merry ist verschwunden. Die Suche nach ihr entzweit die beiden, die doch das perfekte Paar schienen. Für den Vater wird das Wiederfinden seiner Tochter zur wichtigsten Sache der Welt. Die Mutter hält sich an Nebensächlichkeiten fest und wird zur perfekten Darstellerin ihrer selbst. Die echten Gefühle schwinden. Wir sehen buchstäblich zu, wie eine ganze Familie den Bach heruntergeht.

Mehr soll eigentlich jetzt gar nicht erzählt werden, denn das Zusammenspiel von äußeren Umständen und dem eigenen Leben ist ein Pulverfaß und wir haben gleichzeitig zugesehen, wie die Vereinigten Staaten zu dem wurden, was sie heute nach den US-amerikanischen Präsidentenwahlen erst recht sind. Ein verwirrtes Land.

Info: Philip Roth, Amerikanisches Idyll, Hanser Verlag 1998