Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 19. Januar 2017,   Teil 8

Uldi Aloni

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Filme, die auf dem Hintergrund geschichtlicher Ereignisse und ihrer Folgen, gedreht werden, sollten auch ohne genaue Kenntnis der geschichtlichen Hintergründe 'funktionieren'. Das tut auch JUNCTION 48, dennoch ist es gut mehr über die Entstehung und Hintergründe dieses Films vom Regisseur selbst zu hören.



… Junction 48

„Die israelische Stadt Lod ist die palästinensische Stadt Lyd, die einst am Hauptknotenpunkt der Eisenbahnen lag. 1948 wurden zehntausende Palästinenser aus Lyd vertrieben, um die Stadt mit Juden zu besiedeln. So entstand zwanzig Minuten von Tel Aviv entfernt eine palästinensisch-jüdische Stadt. Unser Protagonist, der erste arabische Hip-Hop-Künstler, lebt im Ghetto von Lod. In einem seiner Raptexte schreibt er: „Verflucht sei dieses Land. Verflucht sei Junction 48.“ Die palästinensischen Bürger in Israel werden oft als 48er bezeichnet.
JUNCTION 48 handelt von Kareem, Manar und ihrer besonderen Gemeinschaft: den 48ern. Es ist aber auch eine universelle Geschichte, die Geschichte von jungen arabischen Muslimen auf der ganzen Welt, die nach einer einzigartigen, allgemeingültigen Sprache suchen.“



… TAMER NAFAR als Kareem


„JUNCTION 48 ist ein Spielfilm über die wahren Erlebnisse des Hauptdarstellers und Ko-Autors Tamer Nafar, der im Jahr 2000 die arabische Hip-Hop-Szene ins Leben rief. Ich traf Tamer zwei Jahre später, als er mit seiner Hip-Hop-Band DAM in meinem Dokumentarfilm LOCAL ANGEL zu sehen war. Es war der Beginn einer wundervollen Freundschaft. Danach trat er noch in zwei anderen meiner Filme auf, FORGIVENESS und ART/VIOLENCE. Abgesehen vom Film arbeiteten wir bei vielen sozial-politischen Projekten mit, durch die unsere Freundschaft noch stärker wurde. Trotz aller Widerstände erschufen wir eine binationale Gemeinschaft mit ihrer eigenen Kunst und Kultur, eine Gemeinschaft, die die Möglichkeit des Zusammenseins eröffnet, während man die Trennung in unserer Region anerkennt. In einer der langen Nächte, die wir zusammensaßen und redeten, erzählte mir Tamer seine Lebensgeschichte aus einer sehr persönlichen Perspektive, und wir erkannten, dass wir bereit waren, einen Spielfilm zu drehen. Als er begann, mögliche Darsteller vorzuschlagen, wusste ich bereits, dass nur der charismatische Tamer Kareem spielen konnte. Ich erwähnte das Projekt gegenüber meinem guten Freund, dem brillanten Filmemacher Oren Moverman, und er war sofort begeistert und bat seine Unterstützung an. Ich hätte nie davon geträumt, dass er tatsächlich Ko-Autor werden würde. Als Oren und der ausführende Produzent James Schamus sich beide verpflichteten, wusste ich, dass uns nun nichts mehr davon abhalten konnte, unseren Traum wahr werden zu lassen.“



… TAMERS Lod
„Tamer lebt seit dem Tag seiner Geburt in der palästinensisch-jüdischen Stadt Lod. Im Film gibt es eine Szene, in der seine Mutter, die ein spirituelles Erwachen hat und eine koranische Heilerin wird, einen Mann aus einer traditionellen jüdischen Familie heilt. Diese Szene, die durchaus möglich sein kann, zeigt, was echte multikulturelle Beziehungen zwischen der Arbeiterschicht in Lod waren.“

 


… Hip-Hop ist Kunst und Gewalt


„Ich denke, dass Hip-Hop sowohl Kunst als auch Gewalt ist. Es ist weder Kunst anstelle von Gewalt noch Gewalt anstatt Kunst. Stattdessen ist es die Existenz von Wut und Widerstand in der Kunst. Vor einigen Jahren arbeitete ich im Freedom Theater des Flüchtlingslagers von Dschenin, wie in meinem Film ART/VIOLENCE zu sehen ist. In Dschenin brachte mein guter Freund, der verstorbene Juliano Mer Khamis, seinen Studenten bei, dass hochwertige Kunst eine Form des Widerstandes und Widerstand eine Form der hochwertigen Kunst sei. In meinen Büchern und Vorträgen beschäftige ich mich oft mit der Beziehung von Kunst, Politik und Theorie. Jede der drei ist ein Mittel der anderen und ein Ende in sich. Ich denke, dass die Musik und die Texte in JUNCTION 48, die wir erschufen, um die Geschichte der neuen Generation der 48er zu erzählen, die Wechselbeziehungen dieser drei Elemente veranschaulichen.“

 


… die Drehorte


Unsere Drehorte waren eine Mischung von authentischen Orten in Lod und einem alten palästinensischen Haus in Jaffa, das wir in ein Studio verwandelten. Der herausragendste palästinensische Art Director, Salim Sh‘hade, baute das Haus, das später demoliert wird. Er hat auch die verschiedenen Räume des Hauses in einen kommunistischen Treffpunkt (für das Konzert der Eltern), einen Clubraum (für die Hip-Hop-Auftritte), ein Versteck für Drogendealer und sogar in eine Polizeistation verwandelt.

 


… das Museum der Koexistenz


„Das Projekt, Museum der Koexistenz, in JUNCTION 48 gibt es in der Realität in Lod nicht. Und doch existieren ähnliche Stellen in fast jeder jüdisch-palästinensischen Stadt in Israel. Die Universität von Tel Aviv hat ihren Sitz auf den Ruinen des palästinensischen Dorfes asch-Schaich Muwannis. Im Dorf En Hod baute Israel ein Kunstmuseum des Dadaismus in einem palästinensischen Haus, dessen Bewohner vertrieben wurden und nun in einer nicht anerkannten Gemeinde in drei Kilometer Entfernung wohnen. Das vielleicht passendste Beispiel ist das Museum der Toleranz in Jerusalem, das auf dem alten Mamilla-Friedhof einer vertriebenen palästinensischen Gemeinde steht. Es ist schmerzhaft zu sehen, dass so viele fortschrittliche Institute meiner jüdisch-israelischen Gemeinschaft auf einer ausgelöschten Vergangenheit sitzen.“

 


… eine freie Person


„Die Figur der schönen, jungen Manar ist extrem wichtig in unserem Film. Aber die Geschichte einer palästinensischen Frau ist sehr komplex. Wenn wir uns die 70er-Jahre anschauen, und wir haben da Vorbilder wie Leila Khaled, dann sehen wir, dass Frauen mehr Rechte als heute hatten, und ein Grund dafür ist die nicht enden wollende Besetzung und Unterdrückung von außen, die Frauen nicht den Raum gibt, um für ihre eigene Freiheit und Identität in ihrer eigenen Gemeinschaft zu kämpfen. Manar, die sich in ihrer eigenen Gesellschaft konfrontiert sieht mit einer reaktionären Bewegung und sich als freie Person wiederherstellen muss, steht stellvertretend für viele junge palästinensische Frauen. In Becketts „Warten auf Godot“ erzählt Gogo Didi: „Sie nahmen unsere Rechte.“ Didi lacht und sagt: „Wir haben unsere Rechte verschleudert.“ Manars Logik ist gegenteilig: Sie lehnt es ab, Freiheit durch ihren Freund zu erhalten und besteht darauf, sie selbstständig zu erlangen.“

 


… Samar Qupty als Manar


„Samar Qupty ist eine Absolventin der Filmschule der Universität von Tel Aviv. Ursprünglich arbeitete sie als Regieassistentin, während ich ihr eigenes Drehbuch betreute. Aber je mehr sie über die Figur der Manar erfuhr desto mehr identifizierte sie sich mit ihr und bestand darauf, dass ich sie für die Rolle vorsprechen ließe. Beim ersten Vorsprechen wurde deutlich, dass sie Starqualitäten besitzt. Da die anderen Schauspielerinnen, die vorsprachen, ebenfalls extrem talentiert waren, dauerte es einen Monat, um herauszufinden, dass die Chemie zwischen ihr und Tamer stimmte. Ich sollte erwähnen, dass der ganze Casting Prozess unter Leuten stattfand, die ich bereits seit vielen Jahren kenne. Einige von ihnen kenne ich als Kollegen wie die Mutter Salwa Nakkara und einige waren meine Studenten wie Ayed Fadel und Maryam Abu Khaled. Wir erweiterten den Cast zu einer echten Gemeinschaft für die kommende Zukunft.“

 


… die Kommunistin zur Heilerin


„Die Wandlung von Kareems Mutter von einer Kommunistin zu einer koranischen Heilerin ist wesentlich für den Film, weil es den westlichen Blick herausfordert, der eine Dichotomie zwischen Modernität und Religion (Islam) sieht. Der Westen erkennt den Hidschāb (Kopftuch) als ein patriarchalisches Symbol, nur um seine eigenen westlichen patriarchalischen Werte zu bestreiten und zu verheimlichen. Aber Feminismus kann sowohl mit Hidschāb als auch ohne gleichermaßen funktionieren. In JUNCTION 48 können wir die Schwesternschaft zwischen den alten und den neuen Generationen sehen, porträtiert durch die Verbindung von Kareems Mutter und Manar. Während das westliche Publikum Hip-Hop als Widerspruch zu traditionellen Werten versteht, bieten wir traditionelle Werte an, die einen Riss in sich tragen. Vor dem Unfall als eine weltliche Linke und danach als eine traditionelle Heilerin, bleibt Kareems Mutter jemand, auf den sich ihr Sohn in Krisenzeiten verlassen kann.“

 


… nationalistische Rapper
„Beide Schauspieler, die die jüdischen Rapper in JUNCTION 48 spielen, sind echte Rapper, aber ihre Figuren und Namen im Film sind fiktional. Michael Moshonov (RPG) ist einer der hervorragendsten Schauspieler im aktuellen israelischen Kino. Der andere Rapper Babylon (67 Carat) spielt mehr oder weniger sich selbst. Einige israelische Rapper benutzen Musik als Propaganda für jüdischen Nationalismus; tatsächlich ist eine der führenden Stimmen der Rechten heute in Israel ein Rapper.“

 


… die Szene im Jacuzzi


„Ein Problem im gegenwärtigen israelischen Kino und in der Gesellschaft ist die Erfindung des sogenannten „Shooting and Crying“-Phänomens. In vielen israelischen Filmen, die von der Besetzung oder vom Krieg handeln, begeht ein Soldat ein Verbrechen, das er später bereut, damit ihm der Zuschauer vergeben kann. Dieses Ritual kann funktionieren unter der Bedingung, dass der israelische

 

Foto: Regisseur Aloni mit seinen Hauptdarstellern (c) haaretz.com

 

Info:

DIE BESETZUNG


Kareem  TAMER NAFAR

Manar      SAMAR QUPTY

Kareems Mutter    SALWA NAKKARA
Talal        SAEED DASSUKI
Yousef     ADEEB SAFADI
Abu Abdallah (Talals Vater)    TARIK COPTI
Amir         SAMEH “SAZ” ZAKOUT
Hussam     AYED FADEL
Sheikh      HISHAM SULIMAN
Maryam     MARYAM ABU KHALED
RPG         MICHAEL MOSHONOV
Talals Familienanwalt    MAISA ABD ELHADI
Kareems Vater     BYAN ANTEER
67 Carat             ELAN BABYLON