Berlinale Tagebuch 2017, Teil 5

Hanswerner Kruse

Berlin (Weltexpresso) - Als die Berlinale begann, strahlten alle Servicekräfte. Ich kam mir vor wie in Thailand, dem Land des Lächelns, wo ich bis dahin den Winter verbrachte. Dort in der Ferne bekam ich zum Jahresbeginn ständig Einladungen aus Berlin, um vorab fast alle Festivalfilme aus verschiedenen Sektionen zu sehen.

Nur für die Wettbewerbsfilme gab es keine Voraufführungen. Das Festival konnte für akkreditierte Journalisten also bereits im Januar beginnen.
Nun muss ich ständig jonglieren, sehe ich Streifen im Wettbewerb oder aus anderen Bereichen, weil sich alle Anfangszeiten dauernd überschneiden. Gestern wollte ich „Una Mujer Fantastica“, das Drama eines transsexuellen Menschen aus dem Wettbewerb, für einen Thailand-Film im „Forum“ schwänzen. Doch die Doku zeigte nur eine endlose Fahrt mit der siamesischen Eisenbahn - zum meditativen Klack-Klack der Räder flimmerten Bilderströme von Landschaften und Menschen auf der Leinwand. Bald hatte ich keine Ruhe mehr und ging doch noch in den Wettbewerbsfilm.


Auch aus dem didaktischen Schmachtfetzen „Viceroy’s House“ bin ich abends vorzeitig ausgestiegen. Es war die Weltpremiere eines Films über die Selbständigkeit Indiens, verknüpft mit einer Liebesgeschichte. Das aber habe ich bereits sinnlicher und aufregender gesehen (etwa in „Mitternachtskinder“).


Zwar bin ich aus dem letztjährigen - später vielfach preisgekrönten - Berlinale-Streifen „Victoria“ vorzeitig abgehauen. Das war ein Fehler, wie ich später bekennen musste. Doch in „Tiger Girl“, zum Beginn dieser Festspiele, erlebte ich zwei Stunden lang hingestammelte Dialoge und Prügeleien zwischen Mädchen. Danach beschloss ich, meine Kräfte zu schonen und weiterhin früher aus nervenden Filmen heraus zu gehen.
Immerhin habe ich bis jetzt viel gesehen, das mich begeistert hat. Darüber schreibe ich morgen.