GOEAST: Festival des mittel-und osteuropäischen Films vom 26. April bis 2. Mai in Wiesbaden, Teil 10

Thomas Adamczak

Weltexpresso (Wiesbaden) - Zwang, Zuwendung, die Fiktion der Gleichheit aller Schüler*innen und sachvermittelte Ungleichheit bestimmen die pädagogische Kommunikation in der Schule (Tilman Allert, Latte Macchiato - Soziologie des Alltags, Fischer Taschenbuch).

Die Kommunikation zerfällt allerdings, wenn im Handlungsraum Schule die Sache (das fachliche Thema) nicht im Vordergrund steht. Denn dann geraten die bestehenden Macht-und Abhängigkeitsverhältnisse notwendigerweise außer Kontrolle.

Die Lehrerin ( Zuzana Mauréry) in dem Film »Die Lehrerin« (Slowakische und Tschechische Republik 2016) verteilt Wohlwollen bzw. Zuneigung nicht gleichermaßen auf alle Schüler*innen. Sie macht erhebliche Unterschiede. An vergleichbare Beispiele erinnern sich gewiss manche, wenn an die eigene Schulzeit gedacht wird. Die Lehrerin in diesem Film treibt es allerdings auf die Spitze.

Sie fragt in der 1. Stunde in ihrer neuen Klasse die nichtsahnenden Schülerinnen nach ihren Namen und den Berufen der Eltern. Dieses Wissen setzt sie in einen hässlichen Plan um: die Mutter dieser Schülerin ist Friseuse, jener Vater arbeitet auf dem Flughafen, der ist Klempner und jener ist Arzt. So viele Berufe! Von all diesen Eltern der Schüler*innen möchte sie nach entsprechenden Hinweisen verschiedenste Gefälligkeiten. Eine neue Frisur, die Reparatur eines Kühlschranks, ein Geschenk für die Schwester, die in Moskau wohnt? Man wird die jeweiligen Eltern ja noch mal fragen dürfen!

Wehe aber, die erwarteten Gefälligkeiten werden ihr verwehrt. Das büßen dann die Kinder dieser Eltern. Die anderen aber verbessern ihre Noten signifikant, weil sie z.B. wissen, besser als andere, wie sie sich auf die nächste Arbeit vorbereiten können.

Also: ein perfides System der Bestechlichkeit einer Lehrerin, die das Macht-und Abhängigkeitsverhältnis, das die Institution Schule maßgeblich determiniert, schamlos zu ihrem Vorteil ausnutzt. Ich bin bestechlich, demonstriert die Lehrerin, macht sich daraus aber nicht das Geringste, sondern vertritt ihre Korrumpierbarkeit den Eltern gegenüber so, als wäre überhaupt nichts Anrüchiges dabei.

Soweit, so schlecht! Doch nun folgt das Entscheidende in diesem großartigen Film. Es gibt vereinzelte Beschwerden weniger Eltern bei der Schulleitung. Eine Elternversammlung wird einberufen. Die betroffene Lehrerin ist nicht anwesend, wurde dazu nicht eingeladen. Es geht um eine offizielle Beschwerde, die bei der vorgesetzten Behörde eingereicht werden soll.

Wie viele der Eltern, das ist die spannende Frage, werden diese Beschwerde unterschreiben? Der Klassensaal ist proppenvoll mit Eltern. Vorne stehen die Schulleiterin und ihre Stellvertreterin, die sich, was erstaunen lässt, aus der folgenden Auseinandersetzung weitgehend heraushalten.

Eine Minderheit der Eltern kritisiert die Lehrerin wegen ihrer unhaltbaren Verfehlungen, die anderen nehmen sie mit mehr oder weniger fadenscheinigen Begründungen in Schutz oder halten sich zurück. Man kann ja erst mal gucken, wie die Mehrheiten sind, um sein Fähnlein nach dem Wind zu hängen.

Wie denn das? Das kann und darf ja wohl nicht wahr sein, dass sich nicht alle Eltern entrüsten und sich schnell einig sind, dass diese Lehrerin in dem Beruf völlig ungeeignet, weil bestechlich ist, die Eltern nämlich erpresst.

Doch, genau so ist es. Die Wortführer der Elternschaft versuchen den Eindruck zu vermitteln, dass diese »Verfehlungen« der Lehrerin doch gar nicht so tragisch, demnach zu vernachlässigen sind. Als Zuschauer*in soll man offensichtlich zu der Erkenntnis gelangen, dass ein System von Gefälligkeiten, das im alltäglichen Leben gang und gäbe ist, nichts Verwerfliches sein könne. Der Film spielt in Bratislava in den 1980er-Jahren. Im Realsozialismus. Die Lehrerin ist in der kommunistischen Partei.

In der letzten Einstellung des Films wiederholt sich die Eingangsszene. Eine neue Klasse im Jahr 1991. Die gleiche Lehrerin betritt das Klassenzimmer, stellt sich vor, fragt die Schüler*innen reihum nach ihren Namen und so, als habe sich überhaupt nichts geändert, wieder nach dem Beruf der Eltern und macht sich dabei Notizen.

Nach Aussage des Regisseurs ist der Film die Umsetzung eines realen Geschehens in der Slowakei. Bei der Vorstellung des Films in der Caligari Filmbühne wird ausdrücklich betont, das Thema sei von universaler Bedeutung.

„Eine Hand wäscht die andere!“ „Wie ich mir, so ich dir!“ „Was ist denn schon dabei, wenn beide Seiten einen Vorteil haben?“ Das sind die verräterischen Devisen hinter den entsprechenden Verhaltensweisen. Nur, wenn Machtverhältnisse wie in der Schule im Spiel sind, wird es kriminell. Wenn Gefälligkeiten zu besseren Noten führen, sind die Grundlagen des Systems Schule zerrüttet, ist die Beziehung zwischen Lehrkraft und Schüler irreparabel zerstört.

In filmischer Hinsicht ist dieses Werk des Regisseurs Jan Hřebejk eher konventionell gemacht. Die bei ihren Erpressungsbemühungen mit keiner Wimper zuckende Lehrerin wird, was naheliegend ist, viel in Groß -und Nahaufnahme gezeigt. Ebenso die Eltern bei der Elternversammlung. Wir hören, was die beteiligten Personen sagen und können dabei ihre Gesichter studieren. Eine wahrhaft heilsame Erfahrung!



Foto: Zuzana Mauréry (c) goeast.de


Info: UČITEĽKA DIE LEHRERIN Slowakische Republik, Tschechische Republik 2016 102 min, DCP, colour; Slowakisch
Original mit englischen Untertiteln; Regie Jan Hřebejk; Buch Petr Jarchovský
http://www.filmfestival-goeast.de/de/
https://weltexpresso.de/index.php/kino/9681-go-east-in-wiesbaden