And now Hanau im Plenarsaal Copyright Stadt Frankfurt Rolf OeserTheaterstück rekonstruiert vor Stadtverordneten und Zivilgesellschaft das rassistische Attentat vom 19. Februar 2020

Redaktion

Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Am Montagabend, 23. Oktober, war der Plenarsaal im Römer die Bühne für ein besonderes Theaterstück. Zwei Frauen und zwei Männer spielten vor den Bänken, an denen normalerweise die Stadtverordneten sitzen, „And Now Hanau“, ein eineinhalbstündiges Stück, das die Ereignisse des 19. Februar 2020 in Teilen sekundengenau rekonstruiert. Stadtverordnetenvorsteherin Hilime Arslaner hatte die Theater Münster und Oberhausen in den Plenarsaal eingeladen, der Kontakt kam über die Hanauer Opferinitiative 19. Februar zustande.

Zuschauer waren neben Stadtverordneten, Magistratsvertretern sowie Bürgerinnen und Bürgern aus der Zivilgesellschaft Frankfurts auch viele Familienmitglieder und Freunde der am 19. Februar 2020 Ermordeten. Ein Rassist erschoss damals neun Menschen: Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Kaloyan Velkov, Mercedes Kierpacz, Said Nesar Hashemi, Sedat Gürbüz und Vili Viorel Păun.

„And Now Hanau“ hatte im Mai 2023 im Rahmen der Ruhrfestspiele im Recklinghauser Rathaus Premiere. Es ist so konzipiert, dass es in öffentlichen Räumen inmitten der Stadtgesellschaft, in Ratssälen oder Plenarsälen, gespielt werden kann. Also an Orten, an denen politische Entscheidungen getroffen werden. Das Stück passt sich dem Ort an, im Frankfurter Plenarsaal bespielten die vier Schauspielerinnen und Schauspieler Agnes Lampkin, Regina Leenders, Alaaeldin Dyab und Tim Weckenbrock auch die Magistratsbänke.

Der 1969 in Neubeckum/Westfalen geborene Theaterautor, Regisseur, Schauspieler und Arzt Tuğsal Moğul setzt sich in seinen Werken mit den Auswirkungen rassistisch motivierter Gewalt in Deutschland auseinander. Er hat das Stück in enger Kooperation mit der Opferinitiative 19. Februar geschrieben. Moğuls Text folgt konsequent der Perspektive der Opfer und stellt bittere Fragen nach Fehlern, die vor, während und nach dem Anschlag vonseiten der Polizei, Staatsanwaltschaft, Politik und den Medien gemacht wurden. Er fordert Aufklärung und die Übernahme von Verantwortung.

Stadtverordnetenvorsteherin Arslaner dankte nach langem Applaus und vor sichtlich bewegtem Publikum insbesondere den Familien der Opfer, dass sie es auf sich genommen hatten, zusammen mit Politikerinnen und Politikern sowie Vertreterinnen und Vertretern der Stadtgesellschaft Frankfurts dieses Stück anzuschauen. „Das muss sehr schwer sein, ich kann nur erahnen, was Sie jetzt fühlen“, sagte Arslaner und dankte auch der Hanauer Initiative 19. Februar für ihre Arbeit.

Es sei keine Option zu vergessen, appellierte Arslaner. Die politische Landschaft verändere sich gerade in einer Weise, die ihr Sorgen bereite. Umso mehr müsse sich die Zivilgesellschaft immer wieder aufs Neue hart auseinandersetzen mit Rassismus, mit Hetze, mit Ausgrenzung. „Jede und jeder von uns hat Verantwortung. In der Politik. Im Verein. In der Nachbarschaft. Bei der Arbeit. Im Familienkreis und im Freundeskreis. Überall müssen wir Rassismus erkennen und ihn auch benennen“, sagte Arslaner.

„And Now Hanau“ wird am Mittwoch, 15., und Donnerstag, 16. November, im Rathaus Hamburg Altona gespielt, für Februar sind zwei Aufführungen in Hanau geplant, das Stück soll auch im Deutschen Bundestag in Berlin aufgeführt werden.

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„Es hört einfach nicht auf!“: Voller Plenarsaal und sichtlich erschütterte Zuschauerinnen und Zuschauer: Alaaeldin Dyab, Tim Weckenbrock, Regina Leenders und Agnes Lampkin (von links) spielten das Stück „And Now Hanau“
©Stadt Frankfurt, Foto: Rolf Oeser