Das Deutsche Architekturmuseum (DAM) zeigt zur diesjährigen Preisverleihung wieder Solitäre


Heinz Markert


Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Die Vorstellung der Finalisten offerierte Gediegenes an ein erwartungsvoll eingestimmtes Publikum. Der diesjährige Preis des Deutschen Architekturmuseums geht an das Europäische Hansemuseum, Lübeck. Die Ausstellung ‚Die besten 24 Bauten in / aus Deutschland‘ ist eröffnet und dauert bis zum 30. April 2017.


Architektur formt und gestaltet Gesellschaft. Nur könnte das noch mehr erkannt werden und daraus Schlüsse gezogen werden. Der Bedarf für den etwas weniger ambitionierten Alltagsgebrauch, für Familien in der Mitte ihres Zeitfensters könnte noch etwas mehr in den Vordergrund gestellt werden. Die Ausstellung hat neben den besonders Ausgezeichneten (Finalisten) auch die engere Auswahl (Shortlist) im umfänglichen Programm.


Das Hansemuseum-Ensemble, Lübeck besticht mit der Einbeziehung aller Vorgängerbauten, die vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert reichen. Alte Wegebeziehungen und die Wiedersichtbarmachung des hansearchitektur-typischen Oberflächencharakters prägen vorzugsweise den Eindruck des Ganzen am ausgestellten Modell. Es handelt sich insgesamt um eine sehr durchdachte und sorgsam entwickelte Stadtreparatur.


Der alte Stadtgrundriss beruht auf einem terrassenförmigen Befestigungswerk im Kontext der mittelalterlichen Handelszüge in den Ostseeraum, für das in historischer Zeit ein Sumpfgebiet trockenzulegen war. Im 13. Jahrhundert haben Dominikaner ihre Spuren hinterlassen. Der dänische König nahm hier einen Brückenkopf ein. Das 19. Jahrhundert brachte eine fortgeschrittene Zerstörung der Anlage. 148 mal musste das Projektteam die Neugestaltung präsentieren, um dem Burghügel mit Kloster seine Resurrektion zu bereiten und das neue Museum zu ermöglichen.


Vorherrschend geprägt wird der Eindruck von der Anlage durch den ‚neu gebrannten und handgefertigten dänischen Backstein, durch unregelmäßige Sprünge und Materialwechsel‘. Englische Töne kommen mit jahrhundertealten Schattierungen dazu, die ‚in Dunkles‘ gezeichnet sind. Die Erneuerung der Anlage hat Stellen wiedergeschaffen, die sich als Lieblingsörter zum Verweilen eignen. Dazu regt ein eigentümlicher Reiz des Mittelalterlichen an. Für das Wiedererstehen der Anlage hat sich eine Stiftung außerordentlich ins Zeug gelegt.


Die Grimmwelt in Kassel ist errichtet ‚Am Weinberg‘, seinem Rosengarten und Park, einschließlich Mauerfragmenten der älteren Henschelvilla. Der Nerv sind die Höhenschichtlinien, die eingehalten wurden und strukturbildend beim Ersteigen ihrer gleichsam beständigen Arbeit nachgehen. Der Museumsbau hat wohl die richtige Position erhalten, was zur nächsten documenta noch einer Prüfung vor Ort zu unterziehen wäre. Sein wohldurchdachtes Inneres möge auf eigenen Füssen erkundet werden.


Es gab gegen das Vorhaben erhebliche Widerstände, weil das Althergebrachte der früheren Anlage zur Disposition stand. Aber dieser Ort war leider vernachlässigt. Die öffentliche Terrasse on top des gestreckten Museumsbaus wirkt kolossal auf dieser Anhöhe (des weit reichenden Blicks), eignet sich zum Begehen und Verweilen, besonders aber zum Niederlassen.


Grimm bedeutet Kinder- und Hausmärchen, Spiel (nach Nietzsche), Wissenschaft der Sprache und ein erstes ernstzunehmendes Deutsches Wörterbuch, das erst 1961 beendet wurde.


So wurde die einnehmende Topografie, die steile Stufenlandschaft des Aufstiegs zu einer Hommage an das einmalige Werk der Gebrüder Grimm, gelegen im Kasseler Südwesten.


Die Generalsanierung und Aufstockung - unter Beihilfe von ‚Ertüchtigung‘ und ‚Vitalisierung‘ - eines Wohnhochhauses in Pforzheim/Nordstadt aus dem 70er-Jahre Standard in den energetisch sanierten Zustand mit neugeschaffenen Loggien-Terrassen ist auch so ein verdienstvolles Einzelbeispiel, von dem man sich erhoffen würde, dass es großflächig Anwendung findet. Und damit auch den Neubau, bei so vielen fehlenden Wohnungen für einen ungeheuren Bedarf - aber ohne Mätzchen für Prestigebürger - inspirieren würde, insbesondere, was eine menschlich verträglichere Bewohnbarkeit angeht. In Wien gibt es die Hoheit der Kommune im sozial verpflichteten Baugewerbe, dass sollte in Europa zum Vorbild werden.


Das Hochhaus liegt am Ausgang einer Gleisunterführung, die jetzt etwas in den Hintergrund rückte. An dieser bislang für fragwürdig gehaltenen Stelle der Stadt soll in ähnlicher Weise weiter vorgegangen werden mit Bau und Umstrukturierung. Die Sanierung nach neuestem energetischen Standard, auf ein neues Fundament aufgesetzte Loggien, zwei aufgestockte Wohnungen und im Erdgeschoß eine neu eingezogene Kfz-Zulassungsstelle - all das geschah unter der Regie der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Pforzheimer Bau und Grund als neue Besitzerin.


Das Landhaus in der Uckermark, ein erklärtes, anderes Wohnmodell wurde zur Ferienidylle zweier Berliner Bauherren, nur eine Stunde von Berlin entfernt. Scheunentore wurden in die von einer ehemaligen Siedlerfamilie bewohnten Scheune gebrochen. Fertige Wohnungen, mit Obergeschoß, liegen um eine Stallfläche herum. Der alte Kamin ist begehbar, die Anlage kommt großzügig. Was von der Halle bleibt, kann für jeweilige Zwecke angemietet werden. An diesem aussterbenden Ort kam es zur Wederbelebung.


Man kommt gern zu Besuch vorbei.


Zu erwähnen unter der Rubrik ‚relevante Wohngebäude‘: Ausbauhaus Neukölln, Berlin, Typ: serielles Wohnen, ‚gemeinschaftliches Wohnen‘, Regalbauweise, 6 Geschosse, bei vier Zügen nebeneinander.


Verschiedenartigkeit der Inbesitznahme besteht mit diesem Modell der Fertigung in der Möglichkeit des Selbstausbaus. Auf den Ebenen blieben Räume leer (3 bis 4 zum ‚Selbermachen‘). Es gibt Standard, Vereinfacht oder ‚Selbermachen‘. Gesellen, Zimmermänner, Schreiner ergriffen die Möglichkeit, selbst Hand anzulegen, um Geld zu sparen.


Die Wohnungen sind gedacht für Leute, die nicht erben, wie gesagt wurde, aber verbilligt, für ihren Geldbeutel finanzierbar. Um 900 Euro den Quadratmeter bewegt sich der finanzielle Spielraum. Als Motto galt: Nicht abreißen! Im Osten wurden klometerweise Wohnungen aus öffentlichem Bestand abgerissen. Das gibt es heute nicht mehr. Vielfach wird jetzt der Abriss bereut.


Ein Besuch der Ausstellung lohnt auch, um die Belege zur Deutschen Schule Madrid, Spanien ins Auge zu nehmen. Das ist schon eine Herrlichkeit, was da über diese Schule zu begutachten ist, mit Vorplatz, Abfolge von Patios‘ (Gebäudeverbindungen), Mensa, großem Foyerhof, Grundschule Patio - mit Blick auf die Sierra, großem Foyerhof mit Himmelsöffnungen und winddurchlässigen Beton Screens.

 

Foto: Hansemuseum (c) Hansemuseum


Info:
DAM-Preis 2017, Die 24 besten Bauten in/aus Deutschland, 28. Januar – 30. April 2017, Deutsches Architekturmuseum (DAM), Schaumainkai 43, 60596 Frankfurt am Main, Di, Do – So 11-18 Uhr / Mi 11-20 Uhr / Mo geschlossen
Deutsches Architektur Jahrbuch 2017 (mit den besten Bauten), DOM publishers, Berlin
Architekturführer Deutschland 2017, DOM publishers