Serie: Jubiläumsausstellung in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden, Teil 4

 

Claudia Schulmerich

 

Dresden (Weltexpresso) – Um die Begeisterung der Russen über die Kriegsbeute in Form der Raffaelschen Madonna, die am 10. August 1945 im Puschkin Museum in Moskau ankam, so richtig zu verstehen, zu verstehen nämlich, warum dies Ereignis für die Russen eine Art Heimkehr der Sixtina nach Rußland war, obwohl diese noch niemals russischen Boden betreten hatte, kann man erst einmal gut 200 Jahre zurückgehen.

 

Denn schon bald nach der Ankunft der Madonna in Dresden 1754, was die Ausstellung informativ und ausführlich dokumentiert, wurde ihr von Russen persönlich vor Ort die Aufwartung gemacht. Dresden lag eh auf dem Weg der bildungsinteressierten russischen Oberschicht, auf dem Weg nach Paris oder auch Wiesbaden, Bad Homburg oder Baden-Baden. Noch idealer war der direkte Weg nach Karlsbad oder Marienbad in Böhmen, wo Dresden der Beginn der Kontemplation und Erholung wurde. So erschien schon 1792 in den „Briefen eines russischen Reisenden“ vom bekannten Schriftsteller Nikolai Karamzin eine Lobpreisung der Madonna als teilhaftig der „Schönheit, Unschuld und Heiligkeit“.

 

Parallel zur Begeisterung der Romantiker in Deutschland, die spätestens mit den anonymen „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ 1797 begann, entwickelte sich ab den Zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts die Sakralisierung der Sixtina in russischen Landen weit über die deutsche Verehrung hinaus. Flugs verhalf eine Legende dem Bild, das ja kein Altargemälde mehr war, sondern Teil eines Museums, zu göttlichem Ursprung. Es sei nämlich die Gottesmutter selbst gewesen, die Raffael in einer Vision erschienen und ihn zu diesem Bild angeregt habe. „Evangelist Markus, ick hör' Dir trapsen“, fällt einem dazu nur noch ein, wiederholt es doch die Mär, die um den Evangelisten gesponnen wurde, dem die Muttergottes Maria erschienen sei und ihn beauftragt habe, sie mit dem Kinde zu malen, weshalb Markus der erste Madonnenmaler sei und von daher der Ahn der gesamten Malergilde wurde.

 

Insbesondere der Poet Wassili Schukowski schrieb dem Bild visionäre Kraft zu, wobei, was die deutsche Situation angeht, man nicht nur auf die Präraffaeliten verweisen muß, die die Kunst wieder in den Dienst der Religion gestellt hatten, sondern auch die immense Glaubenskraft benennen muß, die damals Romantiker zum Übertritt zur Katholischen Kirche veranlaßte, was sie genauso als göttlichen Auftrag ansahen, wie in ihren Augen Raffael nun zum „göttlichen Raffael“ aufstieg. Bis heute ist die Vision der Maria, die Raffaels Gemälde dem Betrachter aufzwingt, also nicht allein eine gemalte Botschaft, sondern der Ausdruck der Vision selbst, längst zum Topos in der Kunstgeschichte geworden, allerdings einer mit kunsthistorischer Begründung.

 

Die Russen waren hin. Sie reisten nach Dresden, sie schickten sich Weihnachtskarten mit dem Motiv, sie ließen die Madonna in Dichtungen als eine russische erscheinen, denn für sie, die die Ikonen ihrer Kirche gut kannten, hatte auch Raffaels Madonna die Merkmale ihrer Muttergottesdarstellungen, die zur Kontemplation einladen. Wobei der Umgang der Ostkirche mit heiligen Bildern ein spezifischer ist. Griechisch- und Russisch-Orthodoxe schauen nicht wie die Westleute in das Bild hinein, seit der Renaissance bei uns die vorgegebene Blickrichtung, sondern öffnen ihre Inneres vor dem Bild, damit so die Botschaft vom Bilde aus wie durch ein Fenster aus dem Jenseits in sie eindringen kann. Dabei gilt für die Katholische Kirche, daß Andachtsbilder medial verstanden werden und über sie der Zugang des Gläubigen zu Gott leichter erfolgen kann, niemals aber die Bilder selbst angebetet werden, was im Fall der Ikonen gegeben ist, falls es sich im Ursprung um göttliche Malaufträge handelt. Hieraus übrigens folgt auch das Gebot der Ikonenmalerei, streng dem Urbild gemäß auch weitere Exemplare identisch zu gestalten, in Form und Farbe also das Urbild über Kopieren zu vermehren, damit möglichst viele der Gnade teilhaftig werden, was erst durch die genaue Übertragung des Originals möglich wird.

 

Für die Russen galt also die Sixtinische Madonna in Dresden als eine der ihren. Es folgte eine regelrechte Pilgerfahrt nach Dresden. Was den Leuten heute der Jakobsweg ist, war den gläubigen Russen die Fahrt zur Sixtina. Aber nicht nur den gläubigen. Es existiert ein Gemälde von Dimitri Nalbandjans, in dem Lenin leibhaftig in der Gemäldegalerie in Dresden vor der Madonna steht, was in Wirklichkeit nie stattfand. Eine größere Wertschätzung als zusammen mit Lenin abgebildet zu werden, kann man sich für die kommunistische Sowjetunion kaum vorstellen. Eine raffiniertere politische Nutzung von Kunst und Kult auch nicht.

 

Zuvor hatte schon weit über hundert Jahre zuvor Alexander Puschkin für die Raffaelmadonna gedichtet, obwohl er sie nicht in Dresden selbst gesehen hatte, sondern nur eine der zahlreichen russischen Abbildungen kannte. Dostojewski allerdings hatte originalen Anblick der Sixtina erlebt sie und hatte – als Geschenk seiner Frau - ein vergrößerte Brustbild der Madonna mit dem Kinde über seiner Couch hängen. Die Raffael Sixtina hatte also in Rußland Kultcharakter, was sich bis heute in Zahlen so vieler russischer Besucher in der Dresdner Gemäldegalerie niederschlägt.

Bild: Gemälde von Franz und Josef Riepenhausen, Der Traum Raffaels von 1821

 

Bis 26. August 2012

 

Katalog: Die Sixtinische Madonna. Raffaels Kultbild wird 500, Prestel Verlag 2012

Gleichnamiges Booklet in den Sprachen Deutsch, Englisch, Italienisch und Russisch.

 

Wer geglaubt hätte, er hätte durch die vorausgehende Ausstellung, den Besuchs der Raffaelschwester bei der Sixtina und den entsprechenden Katalog bei Prestel sowie den Besuch der jetzigen 500-Jahre-Feier schon alles über die Dresdner Madonna gewußt, der irrt sich gewaltig. Denn, was die Ausstellung in ihren vier Sektionen zeigt und erklärt, wird hier im Katalog in zweifacher Weise aufbereitet.

 

Wie immer gibt es auf den Seiten 156 bis 341 den eigentlichen Katalogteil mit den Abbildungen aller Austellungsexponate, nach Sektionen gegliedert, die alle eine kunsthistorisch einwandfreie Dokumentation der Herkunft, eine – bei den italienischen Briefen notwendig – Übersetzung sowie die Klärung des Zusammenhangs haben. Eingeleitet werden die vier Sektionen durch eine Einführung. Im ersten Teil sehen Sie auf Seitengröße der Sixtina Verwandten und ihre Cousinen von Lorenzo die Credi und Filippino Lippi, auch die Zeichnungen und Stiche des Marcantonio Raimondi und Marco Dente , Ugo da Carpi u.a. nach Raffael sowie Gemälde und Fotografien von Piacenza und der Kirche San Sisto.

 

Ab Seite 208 wird in der Dokumentation des Ankaufs der Katalog besonders wichtig, weil er den Briefverkehr auf Italienisch und Deutsch dokumentiert, was zu lesen einem leichter fällt, als vorneübergebeugt in der Ausstellung, wo einem die Bilder an den Wänden eh verleiten, stärker auf diese zu achten. Das haben auch wir genutzt. Die Gouache Adolph von Menzels, die dieser Sektion den Namen gibt, wird in den historischen Kontext ihrer Entstehung gerückt. Im gewissen Sinn ist die dritte Abteilung die interessanteste, weil es diejenige ist, die wir historisch oder auch heute noch selbst erfahren haben. Die Ausführungen und Dokumente sind kulturgeschichtlich spannend, weil sie zu helfen klären, weshalb die Madonna die ersten Jahrhunderte unbeachtet in Piacenza hing und daß das 19. Jahrhundert aus erklärbaren Grünen nur doch das I-Tüpfelchen zur ihrer Prominenz beitrug.

 

Das Leben der Engelchen, das überall ob ihrer eigenen Daseinsberechtigung in dieser Ausstellung betont wird, ist wirklich hinreißend dargestellt, wozu die Einzelabbildungen der gefundenen Devotionalien mit Herkunft und Erklärung für vielfaches Anschauen gut ist. Ehrlich gesagt kann man das alles im Katalog noch viel besser verfolgen, denn die vielen Gegenstände sind in der Ausstellung selbst gar nicht allesamt wahrnehmbar: von der Keksdose, über die neue Bausparförderung zum Luftspray und Angela Merkel Madonna. Herrlich.

 

Und dennoch, wie immer sind für Kunstinteressierte die Essays das Eigentliche. Ausstellungskurator Andreas Henning stellt die Ausstellung in den Kontext: KULTBILD UND BILDKULT. Bekannte Raffaelautoren vertiefen die Ausstellungsthematik, sowohl kunsthistorisch – Arnold Nesselrath über RAFFAELS KINDER, der Leiter der Gemäldegalerie Bernhard Maaz über RAFFAELS Sixtinische Madonna zwischen Religion und Realität – aber auch die gemäldetechnischen Aspekte zur Maltechnik und Restaurierungsergebnis. Uns hat besonders PRÄSENZ IM VERBORGENEN von Thomas Rudert interessiert, der DIE SIXTINISCHE MADONNA zwischen 1939 und 1955 an ihren Auslagerungsstandorten und der Mitnahme nach Rußland verfolgt. Da allerdings hätten wir uns mehr Information über die Zeit der Madonna in der UdSSR gewünscht, die ihre eigene – und schon vorher tradierte - Geschichte hat, weswegen auch heute viele Russen zu dieser Ausstellung kommen und die wir für einen Artikel weiter recherchieren wollen. In diesem Kontext wird auch die russische Beschriftung in der Ausstellung verständlich. Dieser Katalog gehört zu denen, die man fürs Leben kauft. Denn Raffael, die Sixtina und Dresden sind längst eine Symbiose.

 

 

 

www.skd.museum/sixtina

 

 

 

 

Info:

Mit freundlicher Unterstützung des MARITIM Hotel Dresden.

Wichtig für Fußgänger ist die Stadtnähe, weil man nur die paar Schritte zum Zentrum von Schloß, Zwinger und Semperoper gehen muß. Aber dem Auge ist etwas anderes wichtig. Das sieht aus dem Fenster über die Elbe auf die Neustädter Seite hin. Und am schönsten ist es von dort auf diesen Haus zu blicken, das erst 2006 im historischen Speicher der Stadt zu einem hochrangigen und modernen Hotel einge-, umbe- und erbaut wurde.

Es gibt ganzjährig buchbare Arrangements, von denen das „Dresden Sächsisch“ für Dresden Besucher besonders interessant ist. Für 154 Euro pro Person im Doppelzimmer gibt es zwei Übernachtungen inklusive reichhaltigem Frühstücksbuffet – stimmt! - ein Abendessen sowie Willkommenscocktail, ein Gastgeschenk und die Nutzung von Schwimmbad und Sauna.

 

MARITIM Hotel Dresden

Devrientstraße 10-12

01067 Dresden

Tel.: 0351-216-0

Fax: 00351-216-1000

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

www.maritim.de