Auch Österreich zwischen Kapitulation und Befreiung, Teil 1

 

Anna von Stillmark und Claudia Schulmerich

 

Wien (Weltexpresso) - Es war am 27. April 45, als die provisorische Staatsregierung unter Karl Renner (SPÖ) zusammentrat und die Wiedererrichtung der Republik proklamierte – als 2. Republik, denn auch die 1. Republik war aus dem Herauslösen aus einem großdeutschen Reich konstituiert worden und dauerte von 1918 bis 1933.

 

Da wundern sich die Deutschen oft, denn die meisten wissen, daß der Einmarsch des Deutschen Militärs erst 1938 war. Zur Zwischenzeit sagt man Austrofaschismus, vorrangig mit dem Namen Dollfuß gekennzeichnet. Er hatte am 1. Mai 1934 mit der Maiverfassung einen Bundesstaat Österreich als Ständestaat errichten lassen, nichts anderes als eine Diktatur. Als erstes wurde die Sozialdemokratische Partei Österreichs verboten, ihre aktiven Mitglieder verfolgt. Auch die Nationalsozialisten waren verboten. Aber deren Anhänger erhoben sich im sogenannten Juliputsch und konnten ins Bundeskanzleramt gelangen, wo sie Dollfuß schwer verletzten, der ohne medizinische Hilfe schnell verstarb. Zwar wurde der Putsch ebenso schnell niedergeschlagen, aber die Aversion gegen die Nazis blieb, als zum neuen Bundeskanzler Kurt Schuschnigg ausgerufen wurde.

 

Auch er ein Austrofaschist, der sich mit den Seinen stark an Deutschland und Mussolinis Italien anlehnte, alle anderen Parteien blieben verboten, aber die Austrofaschisten verstanden sich immer als das bessere Deutschland und boten auch den Juden und Antinazis, die aus dem Deutschen Reich flohen, Bleibe. Vor allem den Künstlern, darunter vor allem Schauspieler und Schriftsteller. Ein wenig spöttisch nennt man das auch Konkurrenzfaschismus, wobei die österreichische, die mildere Diktatur, immerhin viele Leben rettete. Gleichzeitig hatte sie durch Übernahme nationalsozialistischer Gepflogenheiten wie Führerprinzip und Einheitsorganisationen, der Betonung des Nationalen durch Flaggen und Aufmärsche den deutschen Nationalsozialisten den Weg geebnet. Erster Schritt war dann die Einsetzung einer nationalsozialistischen Regierung unter Arthur Seyß-Inquart am 12. März 1938, dem einen Tag drauf dann der lange Zeit vorbereitete Einmarsch am 13. März folgte. Politisch brauchte man die vorgefundenen Diktatur nur noch zuspitzen und, speziell auf die Juden bezogen, verschärften, was ARISIERUNG genannt wurde und erst die Ausplünderung der Juden bedeutete, was dann zum Massenmord und der Ausrottung der jüdischen Österreicher pervertierte.

 

Mit dem Einsetzen der Österreichischen 2. Republik am 27. April 1945, zu der zum 70sten Jubiläum nach Wien der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck eingeladen worden war, hat sich Österreich als Opfer der Nationalsozialisten geriert. Das wurde lange staatstragend vor sich hererzählt und bricht erst jetzt nach und nach auf. Die wahren Hintergründe, nämlich wie antisemitisch und fremdenfeindlich die damaligen Österreicher waren, wird immer noch nicht offen genannt. Es ist billig zu sagen, daß Hitler ja Österreicher war. Gewählt wurde er nicht dort, sondern in Deutschland. Aber folgende Zahlen zeigen, daß der Judenhaß verschärft ein österreichisches Thema war. 14 Prozent der SS-Mitglieder waren Österreicher, obwohl ihr Bevölkerungsanteil gerade mal acht Prozent ausmachte. Von den KZ-Aufsehern seien 40 Prozent österreichischer Abstammung gewesen, auf jeden Fall waren 70 Prozent der Gruppe um Adolf Eichmann, der selber Österreicher war, ebenfalls Österreicher.

 

Daran rührte man nicht am 27. April, gab den Tag auch nicht als Kapitulation aus, sondern als Befreiung. Konkreter als die Deutschen, die – darauf kommen wir noch – die Kapitulation beweinten, wenn sie auch um das Kriegsende froh waren – sich dann zwischen Kapitulation und Befreiung (von wem? Den Nationalsozialisten? Also von sich selber?) nicht zurechtfanden, konnten die Österreicher gut behaupten, eine Fremdherrschaft abgeschüttelt zu haben, von den Alliierten befreit worden zu sein. Ohne Schuld zu sein, war der Mythos der Staatsgründung, die als Erstes mit einem Verfassungsüberleitungsgesetz die demokratische Bundesverfassung der 1. Republik wieder gelten ließ und Österreich gleichzeitig zu einem Bundesstaat machte. Als eines der ersten Gesetze wurde erlassen, daß alles, was mit der NSDAP zu tun hatte, generell verboten wurde. Karl Renner wurde von der Bundesversammlung zum Staatsoberhaupt gewählt. Auch der nächste Bundespräsident kam nach dessen Tod aus den Reihen der SPÖ, allerdings aufgrund einer richtigen Wahl durch das Volk, wodurch am 27. Mai 1951 Theodor Körner gewählt wurde. Schon seltsam übrigens, daß gleichzeitig in Westdeutschland auch ein Theodor, nämlich Heuss von 1949 bis 1959 Staatspräsident war.

 

Wichtig ist nun, daß Österreich direkt mit dem 17. April in vier Besatzungszonen aufgeteilt wurde, was in der Hauptstadt Wien, die im russischen, dem größten Teil lag, ebenfalls vor sich ging. Ein Film wie DER DRITTE MANN aus dem Jahr 1949 von Carol Reed mit Orson Welles gibt die Atmosphäre unglaublich gut wieder. Darauf wollen wir näher eingehen, wenn mit dem 15. Mai 2015 der Tag kommt, der nach der Staatsgründung am 27. April ins kulturelle Gedächtnis der Nation ebenso eingegangen ist und der sich zum 60sten Mal jährt: der eigenständige Staat Österreich. Im Staatsvertrag vom 15. 5.1955, der im Oberen Belvedere zwischen den Siegermächten abgeschlossen wurde, konnte der erst mit einer Allparteienregierung, dann einer großen Koalition zwischen ÖVP und SPÖ – die Kommunisten waren abgehängt – regierende Bundeskanzler Leopold Figl die Souveränität des Landes erreichen, unter der Maßgabe ewiger Neutralität, was hieß, weder dem Westblock, der Nato, noch dem Ostblock, dem Warschauer Pakt anzugehören. Wer dabei wen unter den Tisch soff, wie es heißt, weil es den Deutschen unglaublich schien, wie den Österreichern die Neutralität gelungen war, die die Deutschen erst in den Neunziger Jahren erreicht, soll auch ein andermal kolportiert werden.

 

Wichtig ist, daß zum gestrigen Gedenken der österreichische Bundespräsident Heinz Fischer, wie der österreichische Bundeskanzler Faymann der SPÖ angehörig, deutliche Worte fand, als er sagte: „Viele Österreicherinnen und Österreicher waren ohne Zweifel Gegner und auch Opfer des NS-Systems, doch ein deprimierend großer Teil waren Sympathisanten, Unterstützer und auch rücksichtslose Täter. Dazu kommt, daß bewußtes Wegschauen, Gedankenlosigkeit oder Opportunismus es dem herrschenden Regime erleichtert haben, seine Ziele zu verfolgen und zu erreichen.“ Wenn dann noch diejenigen auch gerichtlich verfolgt würden, die zu den rücksichtslosen Tätern gehörten, wäre eine nächste Etappe der Aufarbeitung geschafft.

 

Wie es in Österreich aussah, wird ein Kinofilm über das Gemälde von Gustav Klimt der Adele Bauer-Block mit dem Titel FRAU IN GOLD, der nicht ganz rechtzeitig am 4. Juni in die deutschen Kinos gelangt, den Österreichern sowieso noch um die Ohren schlagen. In diesem geht es, was in Österreich wie in Deutschland immer noch nicht offen und eindeutig geschehen ist, um den Raub an jüdischem Eigentum und in welcher Weise eine 'Wiedergutmachung' möglich ist. Auch das dann in unserer Kritik. Fortsetzung folgt.

 

Foto: Der Kuppelsaal, auch Marmorsaal genannt