Vandalismus gegen das Sigmund Freud Museum in Wien

 

Claudia Schulmerich

 

Wien (Weltexpresso) - In der Nacht vom 1. auf 2. Mai wurde der Schauraum des Sigmund Freud Museums in der Berggasse 19, 1090 Wien eingeschlagen. Am Abend davor war die Installation des Künstlers Peter Kogler „Schauraum Berggasse 19“ dort eröffnet worden, die neben dem Schauraum angebrachte Objektbeschreibung wurde mit den Worten „Fuck Of! Lemach Sigi + Sekte“ (sic!) beschmiert.

 

Die Beschädigung wurde am Samstag früh, dem 2. Mai, von der diensthabenden Mitarbeiterin des Sigmund Freud Museums entdeckt, das Museum erstattete umgehend Anzeige bei der Polizei. Konkrete Hinweise auf Verdächtige konnten nicht gefunden werden, Peter Koglers Installation wurde nicht beschädigt.

 

Monika Pessler, Direktorin des Sigmund Freud Museums: „Dieser Akt der Gewalt ist im höchsten Ausmaß besorgniserregend und schockierend.“ Das Sigmund Freud Museum prüft derzeit weitere Sicherheitsvorkehrungen wie die Anbringung von Überwachungskameras.

 

So lautet die dürre Pressemeldung aus dem Museum. Man mag es nicht glauben, denn gerade hatte Österreich seinen 70sten Jahrestag der neuen und alten Republik gefeiert, von den Deutschen befreit, aber nicht von den eigenen Nationalsozialisten. Oder sollte man sagen: unverbesserlichen Antisemiten. Ja, Wien, Du hast es nötig, wie es München schon seit langem nötig hat, sich damit zu beschäftigen, warum diese beiden Städte die Hauptstädte der 'Bewegung', Zentren des Nationalsozialismus wurden und waren. Und nicht Berlin, was man den Deutschen immer erst erklären muß, was – auch wenn wir jetzt nicht rassistisch werden wollen – doch tief im Volkscharakter begründet werden muß.

 

Während der Berliner schnoddrig und gegenüber der Obrigkeit mit einem gehörigen Mißtrauen gesegnet ist, ist das Wiener und Münchner Gemüt von einer ebenso gewissen Obrigkeitshörigkeit beseelt, die sich, was Wien angeht, am 13. März 1938 beim sogenannten Anschluß austoben konnte. Was tobt aber derzeit in Wien? Wien ist – anders als 1938 – nicht nur mit einer verringerten Jüdischen Gemeinde bestückt, sondern ist aufgrund vieler Faktoren, von denen die am 15.5. 1955 im Staatsvertrag verbindlich festgelegte Neutralität Österreichs nicht die geringste ist, eine internationale Stadt geworden, wo solch dumpfer Antisemitismus noch weniger zu suchen hat, als früher.

 

Daß sich das Ganze an Sigmund Freud entzündet, hätte diesen zu tiefschürfenden Analysen bewogen. Denn einer, der auch noch durchblickt, auch durch sie selber, ist solchen Dumpfbacken natürlich ein Graus. Die Wiener Gesellschaft muß auf solch eine primitive und gewalttätige Aktion angemessen reagieren und dies nicht allein  dem Museum und der Polizei überlassen.

 

 

Das Sigmund Freud Museum

 

Seit 1971 befindet sich in der Berggasse 19 in Wiens neuntem Bezirk das Sigmund Freud Museum. Hier lebte und arbeitete Sigmund Freud 47 Jahre lang, ehe er 1938 in die Emigration getrieben wurde. Mittlerweile zählt die Adresse zu den bekanntesten der Welt, im Haus Berggasse 19 entstanden nahezu alle Schriften des Begründers der Psychoanalyse.

 

Das Museum zeigt in den ehemaligen Praxis- und privaten Wohnräumen Sigmund Freuds eine Dokumentation zu Leben und Werk des Begründers der Psychoanalyse. In einem Videoraum ist einzigartiges privates Filmmaterial der Familie Freud aus den dreißiger Jahren zu sehen, originale Gegenstände aus dem Besitz Freuds, das Wartezimmer seiner Praxis und Teile seiner umfangreichen Antikensammlung lassen das Umfeld, in dem die Patienten analysiert wurden und eine neue Wissenschaft entstand, spüren. Eine Sammlung zeitgenössischer Kunst zeigt den Einfluss der Psychoanalyse auf das künstlerische Schaffen und tägliche Leben der Neuzeit, wechselnde Sonderausstellungen präsentieren Hintergründe der Psychoanalyse, den geschichtlichen Kontext oder Beispiele der Rezeptionsgeschichte dieser Wissenschaft.

 

 

Fotos:

 

Beschmierungen, © Sigmund Freud Privatstiftung.

 

Eroeffnung Kogler“ © Oliver Ottenschläger, Bildtext: „Peter Kogler_Schauraum Berggasse 19 bei der Eröffnung am 30.4.“