Salzburger Osterfestspiele eröffnen mit Verdis „Otello“

 

Kirsten Liese

 

Salzburg (Weltexpresso) - Ein Altar mit einem Kerzenmeer dominiert die Bühne, ein Todesengel entzündet die Lichter. Gleich einer Madonna kniet Desdemona vor ihm, erfleht Gnade von ihrem wütenden Gemahl, der, so wie er sich in den unbegründeten Verdacht ihrer Untreue hineinsteigert, einen Dämon in ihr zu sehen meint.

 

Es ist dies die stärkste Szene in Vincent Boussards Inszenierung von Verdis „Otello“ bei den diesjährigen Salzburger Osterfestspielen, ästhetisch ansprechend und elegant, aber mehr Installation als Musiktheater. Das liegt an einer steifen Personenregie, an einer sparsamen Ausstattung (Bühne: Vincent Lemaire) aber auch an schwierigen Umständen: Krankheitsbedingt musste ausgerechnet für zwei der ursprünglich mit Johan Botha und Dmitri Hvorostovsky sehr prominent besetzten Hauptpartien Ersatz gefunden werden.

 

An José Cura ließen sich, so erfolgreich er den Otello schon an anderen Häusern verkörpert hatte, hohe Erwartungen knüpfen, aber zur Premiere in Salzburg versagte seine Strahlkraft. Angestrengt knödelte sich der Argentinier durch den Abend, und wiewohl er in Christian Thielemann im Graben einen, ihn nach Kräften unterstützenden Sängerdirigenten vor sich hatte, kam er in einigen Ensembleszenen kaum über das Orchester hinaus.

 

Immerhin gelang Cura seine Sterbeszene mit ungleich schöneren Tönen ergreifend, aber die Psychologie seiner Figur blieb blass, auch deshalb, weil Boussard seinen Helden nicht als den Schwarzen zeigen wollte, als den Shakespeare ihn geschaffen hat. Mit einer Sorge vor Rassismus lässt sich das nicht rechtfertigen: Otello ist eine tragische Figur, der Böse ist in Gestalt von Jago ein Weißer. Carlos Alvarez singt diesen hasserfüllten Mann zwar solide, aber weitem nicht so dämonisch wie Peter Glossop in der legendären Salzburger Produktion von 1971, in der Herbert von Karajan auch als Regisseur packendes Theater bescherte.

 

Im heutigen Designer-Otello bilden einzig die prächtigen, von Vincent Lacroix entworfenen Kostüme zwischen kahlen Wänden und abstrakten Video-Animationen einen starken Blickfang.

 

Desdemona ist noch nicht einmal ein Bett vergönnt. Sie muss sich im Stehen dem Schlaf ergeben. Zumindest tröstet die grandiose musikalische Gestaltung des letzten Aktes über solche Defizite hinweg. Das Lied von der Weide und das Ave Maria singt wohl derzeit keine andere Sopranistin so anrührend wie Dorothea Röschmann, der in dieser Partie ihre feinen lyrischen Stimmgaben und ihr warmes Timbre sehr zugute kommen.

 

Stärkste Kraft dieses Abends ist aber einmal mehr die von Christian Thielemann geleitete Sächsische Staatskapelle. Vom dramatischen Unwetter-Beginn an ist sie mit Furor in ihrem Element, geradezu gespenstisch baut sie die Spannungen im letzten Akt auf. Knisternd leise bahnt sich das Unheil an mit dem tiefen Gemurmel der Kontrabässe, die Desdemona ihren Mörder ankünden. Und da, wo die Musik zart und schwermütig wird, spielt jeder Einzelne dieses famosen Klangkörpers zum Niederknien schön. Der starke Beifall galt freilich auch dem blendend disponierten Sächsischen Staatsopernchor und einigen trefflichen Sängerentdeckungen in kleinen Nebenpartien.

 

Foto: (c) Forster, Salzburg