Forschungsgruppe zu Macht und Missbrauch in der Kirche neu eingerichtet / Kollegforschungsgruppe Polyzentrik und Pluralität vormoderner Christentümer wird fortgesetzt
Redaktion
Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Die Goethe-Universität hat eine weitere geisteswissenschaftliche DFG-Forschungsgruppe in ihren Reihen: Unter dem Titel „Macht und Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche“ geht es um die Frage, welche Konstellationen Missbrauch begünstigen und wie sie zu vermeiden sind. In eine weitere Förderphase geht die Kolleg-Forschungsgruppe „Polyzentrik und Pluralität vormoderner Christentümer“, die sich mit der Zeit vom 1. bis 18. Jahrhundert befasst.
Wie entstehen Macht und Missbrauch, speziell in der katholischen Kirche? Wie ist diese Macht beschaffen, und wie wirkt sie? Hierzu wird am Fachbereich Katholische Theologie der Goethe-Universität schon seit Jahren im Rahmen eines Forschungsschwerpunkts intensiv geforscht. Nun kann eine interdisziplinäre Gruppe von Forscherinnen und Forschern ihre Arbeit an dem Thema mit zusätzlicher Kraft vorantreiben: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat die Forschungsgruppe „Macht und Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche – Interdisziplinäre Kritik und Analyse“ bewilligt. Beteiligt sind Expertinnen und Experten aus Theologie, Religionswissenschaft, Religionsphilosophie, Rechtswissenschaft und Erziehungswissenschaften. Sprecherin der neuen Forschungsgruppe ist die Religionswissenschaftlerin und katholische Theologin Prof. Anja Middelbeck-Varwick. „Die Frage nach Macht und Ohnmacht in der Kirche hat durch die zahllosen Missbrauchsfälle, die in Deutschland seit 2010 ans Licht kamen, eine besondere Dringlichkeit erhalten. Deshalb ist das Thema schon seit längerem im Fokus unseres Fachbereichs. Als interdisziplinäre Forschungsgruppe können wir uns der Thematik nun mit noch mehr Kraft und Konzentration widmen. Darüber freuen wir uns sehr“, sagt Middelbeck-Varwick.
Der Verbund betrachtet das Thema von sehr unterschiedlichen fachlichen Seiten und ist in drei Cluster unterteilt, die (1) die Bedingungen der Verletzlichkeit von Personen und Systemen untersuchen, (2) die Ordnungen und Strukturen von Macht in Institutionen, aber auch (3) die theologische Konstitution von Machtungleichgewichten und Machmissbräuchen. Dabei sollen auch die zugrundeliegenden rechtlichen Ordnungen und Machtkonstitutionen berücksichtigt werden – das heißt jene Denkmuster, die womöglich Machtmissbrauch in zwischenmenschlichen Beziehungen begünstigen, ermöglichen und stabilisieren. Wie sehen die typischen Täter-Opfer-Strukturen aus? Was trägt zu ihrer Tabuisierung und Vertuschung bei? Ziel des Projekts ist es, die erreichten Erkenntnisse auch für Bereiche außerhalb der Kirche nutzbar zu machen und auf diese Weise dazu beizutragen, Missbrauch zu bekämpfen und vorzubeugen. Am Projekt beteiligt sind u.a. die Erziehungswissenschaftlerin und frühere Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur systematischen Aufarbeitung von Kindesmissbrauch Prof. Sabine Andresen, die Verfassungsrechtlerin Prof. Ute Sacksofsky und der Ethikprofessor Christoph Mandry. Die Förderung läuft zunächst für vier Jahre und kann dann für weitere vier Jahre verlängert werden.
Kollegforschungsgruppe wird fortgesetzt
Ihre Arbeit fortsetzen kann die Kollegforschungsgruppe (KFG) „Polyzentrik und Pluralität vormoderner Christentümer“, die im Coronajahr 2020 angefangen hat. Im Mittelpunkt stehen die verschiedenen Strömungen und Erscheinungsformen des Christentums bis ins 18. Jahrhundert. Bislang hat die Forschung meist die Situation des 19. Jahrhunderts mit zentralisierten Großkirchen und der Dominanz des europäischen Christentums in die Vergangenheit projiziert, was den historischen Gegebenheiten nicht gerecht wurde. Auch Begrifflichkeiten wie „Konfession“ oder „Kirche“ passen nicht wirklich ins Bild, weshalb der Begriff der „Christentümer“ eingeführt wurde. In Abgrenzung zu den institutionalisierten Kirchen werden Christentümer als Interaktionsgemeinschaften verstanden, die sich auf Jesus Christus beziehen und sich als Gruppe nach außen abgrenzen. Diese Gemeinschaften haben sich dynamisch entwickelt, zum Teil neben oder auch quer zu den Kirchen, die auch aus solchen Gemeinschaften hervorgegangen sind. Und es haben sich auch jenseits der kirchlichen Hotspots Zentren entwickelt.
Die Ergebnisse der ersten Förderphase liegen in mehreren Publikationen vor. Zum Kreis der Forschenden hinzugestoßen sind im Jahr 2022 geflüchtete Historiker und Historikerinnen aus der Ukraine, die zunächst aus Projektmitteln, dann mit Unterstützung der Gerda-Henkel-Stiftung und schließlich als DFG-Fellows am Projekt beteiligt werden konnten. „Diese Kolleginnen und Kollegen sind fachlich eine große Bereicherung; das Gebiet der Ukraine weist in der Geschichte eine bemerkenswerte religiöse Vielfalt auf. Vor der russischen Totalinvasion in die Ukraine hatten wir eine Forschungsreise in die Region geplant. Wir hoffen, über die Zusammenarbeit im Projekt dauerhafte Forschungskooperationen mit der Ukraine aufzubauen“, sagt Prof. Birgit Emich, Frühneuzeit-Historikerin und Sprecherin der Kolleg-Forschungsgruppe. Als zweiter Antragsteller kommt jetzt Prof. Hartmut Leppin hinzu, der das ganz frühe Christentum erforscht. In der zweiten Förderperiode soll nun gemeinsam mit externen Expertinnen und Experten ein dreibändiges Kompendium erarbeitet werden, das Einblicke in Glaubens- und Lebenspraktiken der untersuchten Zeit geben wird. Näheres zum Projekt: https://www.poly-unifrankfurt.de/.
„Ich freue mich sehr über beide Förderzusagen, die Bewilligung der Forschungsgruppe und die Verlängerung der Kollegforschungsgruppe. Die geistes- und gesellschaftswissenschaftliche Forschung an der Goethe-Universität hat viel Potenzial, das auf diese Weise noch mehr Zugkraft und Sichtbarkeit erhält. Die beiden Programme versprechen ganz neue Perspektiven sowohl mit Blick auf die Vergangenheit als auch auf die Zukunft unserer Gesellschaft“, sagt Prof. Bernhard Brüne, der für Forschung zuständige Vizepräsident der Goethe-Universität.
Forschungsgruppen und Kolleg-Forschungsgruppen
Als Forschungsgruppe gefördert werden durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft kleine Gruppen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die auf einem eng umgrenzten Gebiet an einer Frage zusammenarbeiten, die alleine nicht lösbar wäre. Das Förderprogramm existiert seit 1962 und hieß bis 2018 Forschergruppe. Gefördert werden soll insbesondere die internationale und interdisziplinäre Zusammenarbeit von Wissenschaftlern sowie der wissenschaftliche Nachwuchs.
Kolleg-Forschungsgruppen sind ein speziell auf geistes- und sozialwissenschaftliche Arbeitsformen zugeschnittenes Förderangebot der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Eine Kolleg-Forschungsgruppe ermöglicht ein Zusammenwirken besonders ausgewiesener Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zur Weiterentwicklung eines geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschungsthemas an einem Ort. Das Thema soll vorhandene Interessen und Stärken vor Ort aufgreifen und zugleich einen Rahmen für die Integration individueller Forschungsideen bieten. „Polyzentrik und Pluralität“ ist derzeit die einzige Kollegforschungsgruppe an der Goethe-Universität.
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Quelle: Uni Frankfurt