Nicht immer die allerneuesten, aber richtig gute Bücher verschiedener Genres und Themen, Teil 8/30

 

Felicitas Schubert und Rebecca Riehm

 

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Spurensuche ist nicht nur eine archäologische Methode, sondern die jeder Wissenschaft, die etwas Vergangenes untersucht. Das können in der Geschichte Orte sein oder Geheimbünde oder einfach die Mythen, die wir alle seit der Antike mit uns herumschleppen, was ja positiv ausgedrückt nur heißt, daß im Verfahren der Katharsis alles schon einmal passiert, erlebt, für uns durchlitten ist. Man muß es nur noch nachlesen und nachempfinden.

 

Die Rosenkreuzer

 

Immer wenn Dan Brown oder einer der anderen Weltverschwörungsexperten loslegt, sind auch die ROSENKREUTZER potentiell mit dabei. Das ist zu spannend, was sich in ihrem Umfeld zwischen Wahrheit und Wahn tat, so daß Clemens Zerling seinen DIE ROSENKREUZER den Untertitel GESCHICHTE EINER IDEE ZWISCHEN MYTHOS UND WIRKLICHKEIT gibt, herausgekommen im Verlag für Sammler, bezogen über den Verlag Leopold Stocker. Wir finden immer wichtig, daß man sich, bevor man ein Buch liest, von dem man Aufklärung erwartet, man sich immer erst einmal selbst vergewissert, was man von diesem Gegenstand im eigenen Kopf trägt oder an Vorurteilen herumträgt.

 

Beides läßt sich nicht leicht unterscheiden, bei den Rosenkreuzern schon gar nicht. Denn das sind nicht exakt zu definierende Leute, sondern ein begriffliches Synonym für diejenigen, die in den vergangenen Jahrhunderten entweder echte Geheimgesellschaften bildeten, sogenannte Geheimbünde, mystische Gesellschaft, wobei die Grenze zwischen in der Welt befindlichen oder fiktiven Bünden nicht klar umrissen ist. Deshalb auch der Mythos, der um sie gewoben wird. Anders als die Freimaurer, die eine andere Herleitung haben, sieht man den Ausgangspunkt des Ordens der Rosenkreuzer in den Ideen des Christian Rosencreutz, der diesen Orden gegründet hat. Immer geht es dabei um das, was zwischen Himmel und Erde an Unergründlichem passieren kann, hermetische Verfahren, kabbalistische und auch alchemistische Spekulationen.

 

Und nun das Buch, das erst mal durch klare Gliederung und Gestaltung erfreut. Aha, es beginnt korrekt geschichtlich. Das Vorwort nennt den traditionellen Beginn der Rosenkreuzer in Deutschland, ihre drei Manifeste und den Tübinger Kreis als mutmaßlichen Drahtzieher. Das sind schon Begriffe, die uns eine kritische Aufarbeitung vermuten lassen „Wir schreiben das Jahr 1614“, beginnt es. In den verhärteten Lagern von Protestantischer Union und Katholischer Liga, die dann direkt in den 30jährigen Krieg münden, übersieht man neue Entwicklungen in den Wissenschaften, sowohl den berechnenden, wie den empirischen. Um letztere geht es vor allem. Von heute aus sind es Positionen der Aufklärung, die hier vorgedacht sind und kühn Gott als 'naturwissenschaftlicher Arbeitshypothese' überwinden und sich um den Menschen kümmern.

 

Es ist das Zeitalter des „Heiligen Geistes“ das erwartet wird. Was kommt, sind drei Aufrufe, die anonym erscheinen: 1614 die FAMA FRATERNITASTIS, 1615 die CONFESSIO FRATERNITATIS und 1616 die CHYMISCHE HOCHZEIT. Cristiani Rosencreutz anno 1459. Die Diskussion ereifert sich europaweit, auf der Frankfurter Buchmesse sollen sich die Autoren 1614 zeigen. Aber nichts passiert. Schweigen folgt. Clemens Zerling untersucht nun als erstes diese drei Texte auf Inhalt und Autorenschaft hin. Im Kapital „Am Anfang war das Wort“ geht er auf die damals aktuelle Situation ein, fährt aber mit der Wissenschaftsgeschichte der Hermetik fort, die in Ägypten und Hellas ausgebildet wurde. Es geht um die Alchemisten, die neuplatonische Renaissance in Italien, die Jüdische Kabbala und die Pietismus. Da muß der Name des Mystikers Jakob Böhme und und der des Comenius mit seinen konzentrischen Kreisen fallen. Und Zerling untersucht alle wichtigen Bünde der Neuzeit, auch den Orden der Illuminaten, ein ebenfalls 'zwielichtiger' Orden.

Es kommen Frankreich und die USA und später die Theosophen, also Rudolf Steiner und andere vor und endet mit dem „ewigen Suche nach dem Geheimnis“. Selber lesen.

 

 

ORTE UNSERER GESCHICHTE

 

ERINNE DICH, mahnt dies Buch und hilft mit dem Untertitel ORTE UNSERER GESCHICHTE, verlegt vom Knesebeck Verlag, die Mahnung zu befolgen. Eigentlich ein kühnes Unternehmen, den Ballast ganzer Jahrhunderte in ein Buch von 192 Seiten zu pressen. Andererseits heißt der Autor Volker Gebhardt, dem schon öfter das Kunststück gelang, zwischen Fachwissen und populärem Interesse ein lesbares Buch herauszugeben. Hier sind es 29 Orte, die er herausgreift, vom Bundestag im Berliner Reichstag, über Otto von Bismarck in und um Hamburg über die Gedenkstätte Bautzen hin zum Bauernkriegspanorama, dem Judenviertel in Worms, dem Krönungsort Deutscher Kaiser und Ort des Ersten deutschen Parlaments, Frankfurt, bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges in Münster und Osnabrück.

 

Wie sagte James Bond: „Geschüttelt, nicht gerührt“. So geht es einem auch hier, daß man durch die erst einmal willkürliche, weil anachronistische Anordnung der Orte keine historische Langeweile aufkommt, die unweigerlich wäre, wollte man an den Orten kontinuierlich deutsche Geschichte entfalten. Dieser Gefahr entgeht der Autor und wir sind dankbar für sehr viele neue Kenntnisse, die zu Erkenntnissen führen, wenn man sie mit den eigenen Erfahrungen verknüpft.

 

Info:

 

Clemens Zerling, DIE ROSENKREUZER den Untertitel GESCHICHTE EINER IDEE ZWISCHEN MYTHOS UND WIRKLICHKEIT, Verlag für Sammler, bezogen über den Verlag Leopold Stocker.

 

Volker Gebhardt , ERINNERE DICH. ORTE UNSERER GESCHICHTE, in der Reihe DEUTSCHLAND BIBILOTHEK, Knesebeck Verlag 2011