68 beltzSerie: Claus-Jürgen Göpfert, Bernd Messinger, DAS JAHR DER REVOLTE Frankfurt 1968 bei Schöffling & Co, Teil 6/6

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – So viele Grüne! Deshalb kann mich das nächste Kapitel auch nicht mehr begeistern, dachte ich, aber es kommt anders, denn es geht nicht mehr um Personen, sondern um einen „neuen kulturellen Aufbruch“, für den die Person Matthias Beltz steht, dessen Motto:

PARMESAN UND PARTISAN
WO SIND SIE GEBLIEBEN
PARTISAN UND PARMESAN
ALLES WIRD ZERRIEBEN

zum Weinen und Lachen stimmig ist, am meisten auch deshalb, weil es ihn selbst zerrieben hat und dieser wunderbare Mensch, eben der menschlichste Mensch unter den Frankfurter Revoluzzern, so früh starb. Wie er waren auch andere 68er irgendwo in der Kultur gelandet, er nun im dichtenden Gewerbe, denn als Kabarettist wurde er zu der Größe, die ihm jahrelang nicht nur die Aufmerksamkeit der Hessen sicherte. In meinen Augen der genialste und unabhängigste Kopf, der seit seinem Tod mit 57 Jahren 2002 hier einfach fehlt, was nicht nur sein literarischer Freund Harry Oberländer bedauert. Ziemlich schnell kommt dann die Literatur in Frankfurt daher, zu der wesentlich auch Horst Bingel gehörte, der 1965 das FRANKFURTER FORUM FÜR LITERATUR gegründet hatte. Er starb 2008 mit 74 Jahren, hatte vorher noch den Exilanten Erich Fried aus London nach Frankfurt geholt. Zu Lesungen.

Joschka Fischer kommt im Buch kaum vor. Er ist nicht bei den Porträtierten und auch nicht bei den Interviewten??? Das verwundert. Wer wollte da nicht? Denn seine Frankfurter Zeit ist prägend, für Frankfurt und auch für ihn persönlich, der mit seiner Frau aus Stuttgart kommend nach Frankfurt in den städtischen Dschungel aufgebrochen war. Ihm wird zugestanden, daß sich aufgrund seiner Reden die Reste der Frankfurter Bewegung, diejenigen, die sich fast alle bei den Grünen wiedereinfanden, für den friedlichen Weg in der Politik entschieden haben, weshalb die Unterstützung für die RAF, um die es in den folgenden Jahren ging, in Frankfurt sehr gering war. Aber die Alternativbewegung blühte, Körnerläden, Cafés, Stadtmagazine – und die Batschkapp. Die zudem in tiefster bürgerlicher, eher kleinbürgerlicher Umgebung am Bahnhof von Eschersheim im Norden der Stadt residierte, bis sie nach Jahrzehnten in den Osten Frankfurts, in ein Industriegebiet zog.

Und dann kommt in der Passage über die Toten auch Helmut Schauer vor, der heute völlig vergessen vor den Wolffs Vorsitzender des SDS war, die NEUE KRITIK führte und dann als gewerkschaftlicher Eierkopf beim Sofi in Göttingen Politik und Wissenschaft zusammenbrachte. Sein Grab ist das wie anderer auf dem Hauptfriedhof in einer Führung zu besichtigen.

Das Thema Frauen ist dünn, weil die Studentenbewegung Frauen wenig wahrnahm und die Frauen sich unterordneten, bzw. ein eigenes Leben führten. Dazu wird der Weiberrat als Antwort aufgeführt. Hierzu gehört aber auch, im Buch nicht angesprochen, daß, nachdem sich herausstellte, daß die Revolution bis auf weiteres nicht stattfindet, eine hektische Familiengründung und der Wunsch nach Nachwuchs aus den politische Gescheiterten hervorbrach. Denn jetzt sollten Kinder der ziemlich Spätgebärenden das Leben der Eltern noch zu etwas Sinnvollem machen. Eine schwere Hypothek für Kinder und mit ein Grund des grenzenlosen Verwöhntwerdens der noch dazu häufigen Einzelkinder. Damit gehe ich weit über die Aussagen im Buch hinaus. Aber so ist das mit dem Lesen. Es setzt das eigene Denken und Formulieren der eigenen Erfahrungen in Gang. Hoffentlich goutieren die Autoren das.

Martin Wentz stimme ich völlig zu: „Wir haben eine tolle Zeit gehabt, sie hat mir Kraft gegeben für mein gesamtes Leben.“(15)


Schlußfolgerungen

I. Erstaunlich, daß der Sektor Bildung überhaupt nicht vorkommt, der Kampf um die Rahmenrichtlinien in Hessen, die zur Gegenwehr der Konservativen führte mit der Gründung des Hessischen Elternvereins, der locker 5 000 Protestierende auf abendliche Versammlungen brachte. Es fehlen auch, was die Jugendorganisationen der Gewerkschaften anstellten, voran die GEW mit ihren Junglehrerausschüssen und ersten wilden Streiks von Lehrern im Gefolge der Aktion Kleine Klassen beispielsweise, die erste Bürgerinitiative in der Bundesrepublik Deutschland - und das in Frankfurt!

II. Aber dann wie wunderbar, daß auf den letzten Seiten (285) Ilse Staff auftaucht, die immer noch - schwer krank - lebt, und die erste und lange Zeit einzige Strafrechtslehrerin in Deutschland blieb. Unbestechlich, von kühlem durchdringenden Verstand und warmherzig denjenigen gegenüber, die es verdienten. Sie war mit Fritz Bauer befreundet, d.h. hielt sein Erbe einer humanen und demokratischen Justiz hoch, zu diesem Kreis gehörten auch insbesondere Erhard Denninger und Rudolf Wiethölter, die als Experten für den Öffentlichen Dienst den von den Behörden Verfolgten wichtige rechtliche Hinweise geben konnten. Unvergessen auch die beiden, die heute an die Neunzig noch leben, zu denen auch Johannes Warlo gehört, Oberstaatsanwalt in Frankfurt und ebenfalls Bewunderer von Fritz Bauer.

III. Und dabei fällt einem auf, daß Göpfert/Messinger die Landespolitik völlig außer acht lassen. Dabei hat die Aufmüpfigkeit und der Wildwuchs der Frankfurter Studenten doch sehr viel mit der Landespolitik zu tun, wo sozialdemokratische Landesherren wie Georg August Zinn solche Generalstaatsanwälte wie Fritz Bauer nach Hessen holten und – selten genug – Exilanten, die die Nazis im Asyl überlebten, zurückkehrten und erneut Hochschullehrer wurden wie Adorno und Horkheimer und andere...

IV. Und dann fragt man sich abschließend, wer im Buch fehlt. Daß überwiegend GRÜNE darin eine Rolle spielen, wurde schon konstatiert. Aber man hätte gerne gewußt, wer vielleicht um ein Interview gefragt wurde, aber nicht antworten wollte. So wundert man sich, daß Jutta Ebeling, von 2006 bis 2012 Bürgermeisterin und Schulderzernentin von Frankfurt, keine Rolle spielt. Sie hatte in Frankfurt 1966 Abitur gemacht und bis 1972 hier studiert. Hatte sie damals nicht am Studentenprotest teilgenommen? Das hätte schon interessiert. Andererseits schmerzt ihr Fehlen deshalb nicht, weil sie für viele negative Ergebnisse der Politik der Grünen verantwortlich ist und als Karrieristin wahrgenommen wurde. Auch Tom Koenigs hätte interessiert.

Foto:  Matthias Beltz © stadttheaer-giessen.de

Info:
Claus-Jürgen Göpfert, Bernd Messinger, DAS JAHR DER REVOLTE Frankfurt 1968,  Schöffling & Co 2017