hwk frankenMary Shelleys „Frankenstein - oder der moderne Prometheus“. Der Hintergrund, Teil 4/4

Hanswerner Kruse

Berlin (Weltexpresso) - Die letzten Jahrzehnte sind durch zwei Entwicklungen gekennzeichnet - einerseits wird durch Kinderserien im Fernsehen das Monster ent-dämonisiert, andererseits erlebt Shelleys Roman populäre und wissenschaftliche Wiedergeburten.

„Frankensteins Tante“ lief Ende der 1980er-Jahr im ZDF. In dieser Serie, basierend auf einem schwedischen Kinderbuch, schafft ein entfernter Verwandter des Doktors ganz im Sinne seines Ahnen das äußerst freundliche Wesen Albert. Zwischen Vampiren und anderen netten Ungeheuern wird das künstliche Wesen nach allerlei Unbilden zu einem geachteten Mitglied der Gesellschaft und darf schließlich seine geliebte Klara heiraten. Und in der RTL-Serie „Die Monster-Familie“ zu Beginn der neunziger Jahre ist eine der Hauptfiguren Hermann, der liebenswerte und etwas naive Familienvater. Er ist ein wenig zu groß und ein bisschen zu stark geraten, sieht aus wie Boris Karloff und wurde auch tatsächlich in einem Labor in Deutschland von einem gewissen Dr. Frankenstein zusammengesetzt, der als Hobby Menschen aus Baukästen machte.

Für die heute Dreißig- bis Vierzigjährigen, die in den Blogs von den Figuren ihrer Kindheit schwärmen, hat Frankensteins Monster seinen Schrecken verloren und die „Vertauschung von Schöpfer und Geschöpf“ scheint wieder aufgehoben.

Die populäre Renaissance des originären Frankenstein-Themas beginnt Mitte der 1990er-Jahre mit dem Film „Shelleys Frankenstein“, der sich, mit Robert de Niro als Monster, relativ eng an die literarische Vorlage hält und dessen einsame Zerrissenheit sehr ergreifend darstellt.

Bereits 1999 wurde in der Europäischen Kulturhauptstadt Weimar ein interdisziplinäres Symposion zum „Frankenstein-Komplex“ organisiert. In Vorträgen, Lesungen und Diskussionen wurde der Traum vom künstlichen Menschen aus künstlerischen, kulturgeschichtlichen und gesellschaftspolitischen Blickwinkeln durchleuchtet. Diese Veranstaltung, immerhin von der Bundeszentrale für politische Bildung durchgeführt, war der Auslöser für zahlreiche populär- und literaturwissenschaftliche Veröffentlichungen, Veranstaltungen, Performances, Musik- und Theaterstücke.

Schon in Weimar wurde seinerzeit deutlich, wie stark das Thema „Frankenstein oder der moderne Prometheus“ angesichts der Entwicklung der Wissenschaft heute an Aktualität gewonnen hat. In diesem Sinne erklärte der Sprecher von Shelleys - in der Bibliothek Stuttgart im Jahre 2006 vorgelesenem - Roman in seiner Anmoderation:

„Sie sehen schon, unter welchem aktuellen Blickwinkel man diesen Roman aus dem Jahre 1818 auch lesen kann. Auch gewisse moderne Mediziner (...) führen ja ein theoretisch hehres, humanes Ziel im Munde, bedenken aber kaum die Folgen ihres Tuns oder die Frage, ‚darf ich unter ethischen Aspekten alles was ich kann?’ (...) Jedenfalls man wünschte sich (...) der Roman läge als Pflichtlektüre auf dem Nachttisch einen jeden Genforschers oder sonstigem modernen Prometheus a la Frankenstein“.

Zum Autor Hanswerner Kruse

Der ärztliche Direktor einer großen Klinik für psychisch kranke Rechtsbrecher erließ im Jahr 2008 ein in der Öffentlichkeit umstrittenes, totales Rauchverbot für seine Patienten aus Sorge um deren Gesundheit. Als er erfuhr, dass er deshalb in einem Leserbrief Hanswerner Kruses als „Irren-Arzt frankensteinscher Provenienz“ bezeichnet wurde, hielt er das Schreiben zunächst für die Schmähschrift eines Patienten. Sobald der Doktor jedoch herausbekam, dass es sich bei dem Verfasser um einen kritischen Pädagogen handelte und medizinische Kollegen ihn drängten, sich das nicht gefallen zu lassen, fühlte er sich schwer beleidigt. Nun wurde der Arzt frankensteinscher Provenienz zum Rächer, erwirkte eine Abmahnung beim gemeinsamen Arbeitgeber, stellte erfolgreich Strafanzeige und forderte Schmerzensgeld vor einem Zivilgericht, das er auch bekam.

Die Entschuldigung seines respektlosen Angreifers wies er, der berühmte international anerkannte Psychiater zurück, denn die ihm zugefügten psychischen Schäden seien nicht mehr heilbar. Der Mediziner fühlte sich als kindertötendes, frauenmordendes Ungeheuer diffamiert und hielt es für unglaubwürdig, dass, wie Hanswerner Kruse behauptete, mit Frankenstein ein ärztlicher Kollege, eine historisch-literarische Figur aus Ingolstadt gemeint war. Dieser wollte seinerzeit auch nur das Beste für die Menschheit und blendete das Erleben und Fühlen des von ihm zusammengebastelten Wesens ebenso aus, wie dieser ärztlicher Direktor das bei den Gesundheitsmaßnahmen gegen den Willen seiner Patienten praktizierte!

Das gesunde oder besser: juristische Volksempfinden schloss sich dieser Lesart sowohl im Strafprozess als auch im Zivilverfahren mit unvergleichlich schlichter Empirie an - einfache Menschen, Durchschnittsleser, Jugendliche in der Schule verstünden unter Frankenstein das blutrünstige Monster. Für den beklagten Schreiber ein 5000-€-Missverständnis, denn die gegnerische Verteidigung behauptete erfolgreich, Mary Shelleys 1818 erschienener Roman „Frankenstein“ sei längst vergessen und somit für den unbefangenen Durchschnittsleser unbekannt und unbedeutend!


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Info: 
Das Originalbuch Mary Shelleys „Frankenstein - oder der moderne Prometheus“
erschien in mehreren Ausgaben, etwa bei Reclam oder im Insel-Verlag

Podcast

Die 5-stündige Lesung in der Bibliothek Stuttgart lässt sich kostenlos als mp3-Hörbuch unter http://www.stuttgart.de/stadtbuecherei/druck/audio/literatur/frankenstein_audio.htm
herunterladen

Rudolf Drux (Hrsg.) „Der Frankenstein-Komplex“, Suhrkamp-Verlag - Dokumentation zum gleichnamigen Symposion in Weimar 1999
Karin Priester, Mary Shelley - die Frau, die Frankenstein erfand (Biografie), Blanvalet-Verlag