Serie: Deutscher Buchpreis 2011, Teil 12

 

von Claudia Schulmerich

 

Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Über den Autor schreibt die Jury in Kurzbiographie:

Eugen Ruge, 1954 in Soswa (Ural) geboren, studierte Mathematik an der Humboldt-Universität und wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Physik der Erde. Er war beim DEFA-Studio für Dokumentarfilm tätig, bevor er 1988 aus der DDR in den Westen ging. Seit 1989 arbeitet er hauptberuflich fürs Theater und für den Rundfunk als Autor und Übersetzer.

 

Zum Roman teilt sie mit: Von den fünfziger Jahren über das Wendejahr 89 bis zum Beginn des neuen Jahrtausends reicht dieser Familienroman. Im Mittelpunkt drei Generationen: Die Großeltern, überzeugte Kommunisten, kehren aus dem mexikanischen Exil in die junge DDR heim, um die neue Republik aufzubauen. Ihr Sohn, als junger Mann nach Moskau emigriert und später in ein sibirisches Lager verschleppt, tritt die Reise vom Ural aus an. Er kehrt zurück in eine Kleinbürgerrepublik, an deren Veränderbarkeit er weiterhin glaubt. Dem Enkel wird die Wahlheimat von Eltern und Großeltern indes zu eng – bis er, ausgerechnet am neunzigsten Geburtstag des Patriarchen, in den Westen geht.

Zur Auswahl unter die letzten Sechs lautet die Bewertung der Jury: Es braucht nur ein paar Seiten, um mittendrin zu sein, im Leben der Anderen: einer deutschen Familie vom Ost-bis zur West-Wende. Von drei Generationen erzählt der Roman, zu jeder findet man beim Lesen eine stille nähe. Eugen Ruges Sprache drängt sich nicht auf, verzichtet auf blumige verbale Schlenker, ist lebendig im Vergehen und besitzt feinen Humor. Deutschland in Zeiten von Pieck, Grotewohl, Ulbricht, Honecker, das ist auch eien geballte Ladung Geschichte. Und doch verkommt der Roman nie zur historischen Nachhilfe in Buchform, sondern bleibt 426 Seiten lang ein großes literarisches Vergnügen. 

Wir meinen: richtig gelungen, auch Mexiko ist nicht fremd geblieben und Wesentliches von dort hat der Autor richtig eingearbeitet. Die Personen sind wie auf der Bühne, dies ist kein Buch, bei dem die Bilder einen Film suggerieren, eher ein Schauspiel, was an den so exaltiert herausgearbeiteten Figuren liegt. Das ist keine Kritik, sondern tatsächlich ein Lob. Denn das Personal macht sich schon mit- und gegeneinander soviele Probleme, das wir den Autor vor jeglicher Kritik in Schutz nähmen täten.

 

Ceterum censeo, daß es für jedes der Bücher eine Begründung für den Deutschen Buchpreis geben könnte. Jan Brandt legt einen Wälzer hin, der einen froh sein läßt, in dieser deutschen Provinz nicht aufgewachsen zu sein. Aber er zeigt auch, daß wir Städter keine Ahnung davon haben, wie vielfältig es dort zugeht. Eugen Ruge schreibt so klug und menschenfreundlich über Typen, die sich selbst erhaben fühlen. Anglelika Klüssendorf läßt uns teilhaben an den Schmerzen eines Kindes, dessen Revolte wir mittragen, aber auch verführt werden, die Position dieses Mädchens einzunehmen, wo sie gemein und böse handelt. Es gibt nirgends den reinen Helden, das unschuldige Wesen, nein, sie sind alle miteinander recht unsympathisch, dieser "ich" aus Buselmeiers "Wunsiedel" und auch die Amy Schreiber, die "Schmerzmacherin".

 

Warum wir Marlene Streeruwitz für den Buchpreis ausgewählt hätten, hat damit zu tun, daß kein anderes der ebenfals guten und interessanten Romane so dicht am Heute, so politisch, so verzweifelt ist und dies in Form und Inhalt uns als Salz unter die Haut streut.

 

Info: Weitere Informationen zum Deutschen Buchpreis 2011 und Termine des Preisträgers rund um die Frankfurter Buchmesse können abgerufen werden unter www.deutscher-buchpreis.de