c bruderDer Deutscher Buchpreis 2019, Teil 10

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Seltsam. Jeder schreibt, daß es im zweiten Roman von Jackie Thomae um zwei Halbbrüder gehe und um den gemeinsamen Vater, einen damals aus dem Senegal in die DDR gekommenen Medizinstudenten, der die beiden von ihm geschwängerten Frauen getrost zurücklassen konnte, als er – als einer von wenigen – wirklich heim in den Senegal ging und dort eine wichtiger Arzt wurde.

Jeder schreibt das, die Autorin erzählt es auch und es ist ja auch nicht falsch, aber was dieses Buch im Innersten zusammenhält, ist weder der Vater, noch seine beiden Söhne, sondern die Stärke von Frauen, um es deutlich zu sagen, von DDR-Frauen, sei es in Leipzig oder Berlin, worin, ich weiß es genau, ein Wolf Biermann nicht nur zustimmen täte, sofort seine Hand dafür ins Feuer legen würde. Der ganze, für deutsche Literaturverhältnisse ungewöhnliche und opulente Roman ist eine ununterbrochene Hommage an die Frauen, die ihr Leben in die Hand nehmen und so viel Lebenskraft und -lust haben, daß sie auch noch für die Leben der Kinder und aller um sie herum genug Aufbauendes beizusteuern haben. Aber mit Absicht schreibe ich „Frauen“ und nicht „Mütter“, denn diese Mütter bleiben auch Frauen und werden nicht, was so oft geschieht, auf ihre Mutterfunktion beschränkt.

In der Tat. Jackie Thomae schreibt einen für deutsche Verhältnisse sehr ungewöhnlichen Roman, dem man höchstens seine allzu weltläufige Weltläufigkeit dann doch vorwerfen könnte, wenn dann alles mit allem und jedem zusammenfällt und von Leipzig über Berlin aus, Europa in den Griff genommen wird, die Standbeine USA und Afrika waren ja eh schon angesagt, dazu kommen dann aber noch die Flüge nach Asien...

Aber das meinen wir nicht negativ, das kann ein Roman, der mit Recht auf der kurzen Liste zum Deutschen Buchpreis gelandet ist, schon einmal vertragen, wo doch die meisten Romane um eine oder zwei oder auch drei deutsche Seelen kreisen, die meist in abgelegenen deutschen Landschaften zu Hause sind. Hier geht‘s ums Gegenteil, hier geht es um die Welt, aber um Seelen auch.

Als uns dann mit dem Auftauchen des Vaters auf Seite 195 (von 430) mit dem INTERMEZZO die Leselust so richtig gepackt hatte, steigerte sich diese mit Teil 2 DER FREMDE auf Seite 210, wo der zweite Sohn Gabriel an der Reihe ist, aber sehr schnell an seine Frauen abgeben muß. Gottseidank. Denn, was Jackie Thomae dann herrlich leicht, rasant locker und dennoch intensiv über Fleur schreibt, immer im Wechsel mit Gabriel, das wollen wir gar nicht nacherzählen, sondern Sie lieber dazu verleiten, diesen Roman zu lesen. Nichts Mechanisches haftet dem stetigen erzählerischen Wechseln von beiden an, sondern es bleibt Ausdruck von unterschiedlichem, aber auch gleichem Empfinden des einen und der anderen, oft, aber nicht immer, von den selben Ereignissen und Dingen.

Und als dann am Schluß, der 2017 spielt, auch noch Halbbruder MICK auftaucht, den wir in Teil 1 in den Jahren 1985-1994 begleitet hatten (bis Seite 191), da wollten wir am liebsten sofort den ersten Teil wieder lesen, denn erst jetzt haben wir Empathie mit Mick entwickelt, die uns leider leider im ersten Teil immer wieder verloren ging. Und wir werden das – nach dem Deutschen Buchpreis, der uns über die Seiten hetzt – auch noch einmal tun, dieses Wiederlesen des Anfangs, denn der Mick der späten Jahre ist ein Mannsbild, den man gerne zum verläßlichen Freund hätte, denn so ist er geworden, der uns in seinen Entwicklungsjahren doch mehr als nur etwas auf die Nerven ging, denn die Burschen, die immer die Frauen brauchen, um ihr Leben ‚gebacken zu kriegen‘, wie sie selbst sagen, die hat man über. Wenn man dann aber im zweiten Teil das fertige Exemplar Mann erlebt und seine Souveränität, wird man auch gegenüber seinen Anfängen aufgeschlossener, vermute ich mal.

Und falls Sie noch überhaupt nichts verstanden haben: im nächsten Teil die Geschichte, bei der uns aber wichtiger als die Geschichte selbst, die Kunde ist, daß hier original auf Deutsch ein Weltroman vorliegt, den man sonst nur übersetzt aus dem kanadischen, dem amerikanischen, dem südafrikanischem, dem indischen, dem australischem, dem asiatischen oder dem britischen Englisch kennt.

Fortsetzung folgt

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Info:
Jackie Thomae, Brüder, Hanser Berlin 2019
430 Seiten
ISBN 978-3-446-26415-1