
Klaus Jürgen Schmidt
Nienburg/Weser (Weltexpresso) – Mark Twain im Jahr 1900: „Die Welt erkennt ohne Zögern und Zweifeln an, dass Gutenbergs Erfindung das größte Ereignis ist, das jemals in der Geschichte stattgefunden hat.“ Ist das so?
Der Buchdruck mit austauschbaren Buchstaben wurde in China schon im 11. Jahrhundert mit beweglichen Lettern aus gebranntem Ton entwickelt. Im 13. Jahrhundert wurde in Korea bereits mit Metall-Lettern gedruckt (siehe rechts) – 80 Jahre vor Gutenberg!



In meinem Familien-Archiv findet sich weder eine Gutenberg- noch eine Luther-Bibel, sondern dieses Druckerzeugnis, das genau 400 Jahre später in meinem Geburtsort erschien ...
Und auf Seite 3 gibt es ein Foto, das meinen Vater zeigt (links), Buchdrucker und Schriftsetzer bei „Verlag und Druckerei Otto Trömel“ zu Bernsdorf/Oberlausitz.

Ich habe ihn dort als kleiner Junge öfter besucht und darüber gestaunt, wie er frisch gegossene Blei-Lettern anfassen konnte, ohne sich die Finger zu verbrennen. Nach dem Beruf meines Vaters gefragt, antwortete ich stets: „Er ist Schweizer Degen!“ Und wer dann noch fragte, was das denn sei, bekam die bei „Trömel“ erfahrene Information zu hören: „Schweizer Söldner waren bekannt dafür, dass ihr Degen auf beiden Seiten geschliffen und so in zwei Richtungen zu gebrauchen war. In den Druckereien versteht man unter Schweizerdegen einen Fachmann, der sowohl setzen als auch drucken kann.“
Als Algorithmen bewegliche Lettern ablösten, hatte mein Vater den „Schweizerdegen“ abzugeben. Hier können Sie – wenn Sie es können – einen von meinem Vater noch handgesetzten Text lesen:

Nach russischer Kriegsgefangenschaft war mein Vater in die Bernsdorfer Druckerei "Trömel" zurückgekehrt. Diese musste bald darauf schließen. Als Privatbetrieb bekam sie von den DDR-Organen keine Papierzuteilung mehr. ...
An Gutenbergs „Schwarze Kunst“ erinnern heute nur noch Begriffe wie „Hurenkind“, „Speckjäger“, „Läusefraß“, „Draufstecher“ ... ???
(Auflösung in einem gedruckten Buch – siehe unten)
Fotos:
Wikipedia / KJS
„Kleines Lexicon der Schwarzen Kunst“, Dieter Nadolski, Büchergilde Gutenberg, VEB Bibliographisches Institut Leipzig, DDR 1990