okkultes brevierAuf die Schnelle: Gute Unterhaltungsliteratur, gebraucht, Teil 47

Roswitha Cousin

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Die Auswahl an interessant geschriebenen Büchern wie die vom Federdieb, ist in unseren Zeiten sehr angewachsen, wo ja sogar der Darm oder die Haut nicht mehr nur für Fachwissenschaftler interessant sind, sondern wache Kundige dies für den Normalverbraucher, der seinen Körper kennenlernen möchte, in lesbares Deutsch bringen, was wir begrüßen. 


OKKULTES BREVIER. Ein Versuch über das Medium Mensch von Thomas Knoefel

Warum ist auf dem ersten Blatt, dem Titel gegenüber Aleister Crowley, circa 1938 abgebildet. Ein Altmeister des Okkulten, aber auch sehr umstritten. Ist dies eine Hommage, nur eine historische Anmerkung? Die Frage zielt schon ins Zentrum der Überlegungen zu diesem Buch. Auf der einen Seite stellt der Autor faktenreich und mit vielen Worten die verschiedenen Entwicklungen des Spiritualismus dar. Leider sind solche Fragen, warum ausgerechnet im 19. Jahrhundert, als durch die Industrialisierung und Rationalisieurng die Lebensverhältnisse so verändert und in Kleinfamilien übersichtlich wurden, gleichzeitig die Frage nach dem Dahinter, nach einer zweiten Welt, nach dem Übersinnlichen, auch nach dem Jenseits auftauchten und in der besseren Gesellschaft eine enorm große Rolle spielten.

Wir wissen heute meist nur von den Seancen, die durch den Wunsch der gerade Verwitweten, mit ihren Männern oder Frauen im Jenseits in Kontakt zu treten, zu einer richtigen Mode wurde. Kann man Geister fühlen? Auch die Parapsychologie bietet viel Stoff, sich über diese Phänomene seinen Reim zu machen.

Dies versucht der Verfasser mit diesem Brevier, das einerseits – typisch deutsch, was keine Kritik ist – historisch aufarbeitet, welche Phänomene in welchen Ländern von welchen Menschen wahrgenommen zu werden. Er geht auch auf die zentrale Rolle des Mediums ein, das ja insbesondere bei Totenrufen für jeden von uns jedes Mal von Neuem die Frage aufwirft, ist das echt, was da jemand angeblich hört und sieht, erfindet es der Betreffende oder ist er im Wahn, daß er etwas sieht und hört, was es nicht gibt?

Damit gehe ich weit über Thomas Knoefel hinaus. Der hätte nämlich jetzt formuliert: „...daß er etwas sieht und hört, was wir nicht hören und sehen, was es aber geben könnte.“ Will sagen, bei aller umfassender Auflistung der Phänomene, äußert sich der Mediziner und Philosoph nicht zu seinem Gegenstand. Man hat den Eindruck, er halte das alles für durchaus wahrscheinlich. Und im Prolog hat er ja auf eigene Erfahrungen hingewiesen, wenn die Oma den Tod von Familienmitgliedern erträumt hat. Er hat auch mit einer Art von Voodoo Erfahrungen.

Erfahrungen einzubringen in die theoretische Durchdringung des Stoffes, ist wünschenswert, aber eine Meinung zu äußern, wäre für den Leser auch sinnvoll. Da fehlt also etwas. Und was anderes ist zuviel. Es fällt auf, daß der Autor besonders gerne über die im Okkultismus zu findenden erotischen Begleiterscheinungen schreibt. Das ist zwar oft amüsant, ergibt aber einen Zungenschlag, der irritiert, ja, der einem unangenehm wird. Es ist also doch eher eine persönliche Bestandsaufnahme für andere, denn eine echte Okkultismusaufarbeitung.

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Info:
Thomas Knoefel, Okkultes Brevier, Ein Versuch über das Medium Mensch, Matthes & Seitz 2019
ISBN 978 3 95757 788 7