Die LEIPZIGER BUCHMESSE vom 13. bis 16. März 2014, Teil 7

 

Hubertus von Bramnitz 

 

Leipzig (Weltexpresso) – Saša Staniši?, Helmut Lethen und Robin Detje haben den 10. Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Die Jury rund um Hubert Winkels ehrte die Autoren und Übersetzer in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung. Der schöngeistigen Literatur kommt dabei immer das größte Interesse entgegen.

 

Saša Stanišić wurde 1978 in Bosnien geboren, kam als Jugendlicher nach Deutschland und wurde hierzulande bekannt, als sein Debütroman WIE DER SOLDAT DAS GRAMMOPHON REPARIERT auf die Liste der letzten Sechs zum deutschen Buchpreis 2006 kam. Gegenwärtig wurde er von Maxim Biller mehr als angepflaumt, daß er sich seiner Emigrantenwurzeln belletristisch entledige, weil er in seinem neuen Buch über ein Dorf in der Uckermark schreibt. Eine solche Diskussion finden wir abartig und beteiligen uns nicht daran.

 

In seinem im Luchterhand Literaturverlag – wo auch der letztjährige Deutsche Buchpreis der Therézia Mora DAS UNGEHEUER erschien - herausgekommenen Roman VOR DEM FEST, beschreibt Saša Stanišić die Nacht vor dem Fest in einem fiktiven Dorf in der Uckermark, eine die Nacht der Schlaflosen wird. Der ehemalige NVA-Oberst Schramm versucht verzweifelt, Zigaretten zu bekommen, die nachtblinde Malerin möchte ihr erstes Nachtbild malen und der Glöckner vermißt nichts geringeres als seine Glocken. Im Dorf, in dem sich niemand auf die Natur verlassen kann, wird in das Haus der Heimat eingebrochen. Niemand hat etwas gesehen, niemand etwas gehört. Niemand weiß, warum der Fährmann gestorben ist. Aber alle werden heimgesucht von den alten Geschichten und Mythen, die zuvor im Dorfarchiv verborgen waren. Und sie alle wollen etwas zu Ende bringen, bevor die Nacht vergeht und das Fest beginnt.

 

Die Jury sagte über dieses Buch: „ein Dorf in der Uckermark, voller Gegenwart, voller Legenden. In VOR DEM FEST erzählt dieses Dorf sich selbst – ein Roman als furioser Chorgesang in Prosa.“ Stanišić hat sich gegen potente Mitbewerber durchgesetzt. Das sind zwei Debütanten, Katja Petrowskaja mit VIELLEICHT ESTHER und Per Leo mit FLUT UND BODEN sowie Martin Mosebachs BLUTBUCHENFEST.

 

Der Preis für das Sachbuch ging an Helmut Lethen, der bei Rowohlt Berlin DER SCHATTEN DES FOTOGRAFEN veröffentlicht hat. Natürlich zitiert er ausgiebig Roland Barthes, der unseren Verstand und unser Herz für das Sehen geschärft hat. So möchte Lethen wissen, wie es kommt, daß Fotos im Betrachter solch ungeheure Wirkung entfachen. Auf einem Streifzug durch die Kunst- und Mediengeschichte des 20. Jahrhunderts geht er dieser Frage nach und bildet dazu weltberühmte Fotos ab, die in unser aller kulturellem Bildgedächtnis gut gespeichert sind.

 

Die Jury sagte dazu: „Kunstinstallationen und Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg, Technik und Theorie der Fotografie, Erinnerungen an die eigene Kindheit: Helmut Lethen verwebt dies und mehr zu einem ebenso nachdenklichen wie eleganten Essay.“

 

Helmut Lethen, der an der Universität von Utrecht lehrte, dann den Lehrstuhl für Neueste Deutsche Literatur in Rostock innehatte, leitet seit 2007 das Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien.

 

Dritter im Bunde ist der Übersetzer Robin Detje, der aus dem amerikanischen Englisch den Roman von William T. Vollmann EUROPA CENTRAL, erschienen im Suhrkamp Verlag, übersetzt hatte, für dessen Übersetzung er den Preis erhielt. Wir kennen das Buch noch nicht. Es heißt dazu: „William T. Vollmanns opus magnum Europe Central ist ein postmodernes Konvolut von Geschichten, die die Zeit zwischen dem frühen zwanzigsten Jahrhundert und den siebziger Jahren aus sowjetischer und deutscher Perspektive beleuchten, indem das Leben von Künstlern (wie Käthe Kollwitz, Anna Achmatowa und Dmitiri Schostakowitsch) und hochrangigen Militärs (wie General Andrej Wlassow und General Paulus, der die deutsche 6. Armee in Stalingrad befehligte) nachgezeichnet wird. In Europe Central wird zwar auch vom alten Mitteleuropa erzählt; im Vordergrund aber stehen die Hauptstädte Moskau und Berlin als Zentralen der Kommunikation, in denen Entscheidungen auf Leben und Tod getroffen werden.“

 

Die Jury urteilt: „Das Echo der Geschichte: Robin Detje holt die Vielstimmigkeit von Vollmanns großem Roman über Revolution, Krieg und Terror im 20. Jahrhundert ins Deutsche.“

 

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