drifter gebundene ausgabe ulrike sterblichSerie: Deutscher Buchpreis 2023, Teil11

Felicitas Schubert

München (Weltexpresso) – Das ist ein gelungener Trick, den eine Kollegin äußerte, was aber sicher im Hinterstübchen unserer Chefredaktion geboren wurde, daß jeder der Redaktionskollegen von WELTEXPRESSO sich doch die letzten Sechs des Deutschen Buchpreises 2023 genauer anzuschauen, sprich: mindestens einige lesen muß und dann den Roman bespricht, dem man den Deutschen Buchpreis überreichen wollte, wenn man denn dürfte. Ich sag’s gleich: Für mich kommt nur DRIFTER von Ulrike Sterblich in Frage!

Das kann ich begründen. Erst einmal mit den Romanen, die nicht zum Zuge kommen sollen – für mich. Die sind nämlich nicht schlecht. Ehrlich gesagt, ich komme vom Fach, lese seit Jahren die Mehrheit der Zwanzigerliste und auf jeden Fall alle Sechs am Ende und habe bei DRIFTER richtig aufgeatmet. Endlich kein Migrantenroman, endlich keine Herkunftsgeschichte – die ist für mich seit dem wunderbaren Roman HERKUNFT, dem Buchpreisträger 2019 Saša Stanišić für alle gültig erzählt worden – endlich keine Beziehungskiste, endlich keine geschlagene Frau, endlich kein mißbrauchtes Kind, endlich auch keine Familiengeschichte, endlich ein Roman, der so verrückt wie normal ist, denn endlich können auch im normalen Leben Dinge passieren, die man sonst nur in Lateinamerika, im magischen Realismus findet, aber – ehrlich gesagt – zur Phantastischen Literatur gehören, die bei uns, dem Land, wo sie einst blühte, niedergemetzelt ist, als Fantasy verkauft in völlig falsche Regale der Buchhändler gelangt.

Also, ich liebe diesen Roman DRIFTER, auch wenn ich nicht wußte, warum er ausgerechnet Drifter heißt. Inzwischen weiß ich, daß es erstens schon wieder mal eine Anlehnung ans Englische ist, wo Drifter ein Rucksacktourist ist, einer, der von normalen Wegen abweicht, aber dann habe ich mich schlau gemacht, daß wir dies Wort auch im Deutschen haben, denn abdriften sagen wir auch und der Begriff Drift kommt in mehreren Zusammenhängen vor, bei Kontinentaldrift wird Ihnen auch Erdkunde/Geographie einfallen und ich kenne ihn aus der Astronomie.

Aber jetzt kommt’s mit dieser raffinierten Autorin Ulrike Sterblich, von der ich noch nichts gelesen hatte, mir aber geschworen habe, sie weiterzulesen. DRIFTER bezieht sich gar nicht auf die beiden Hauptfiguren, auf Wenzel und Killer, auch nicht auf die Sirene Vica, sondern auf den Autor, dessen neues Buch diese Vica in der S-Bahn in Berlin liest, was der gegenüberliegende – eben schrieb ich aus Versehen ‚gegenüberliebende‘, ein freudscher Tippfehler! - und er liegt auch gar nicht, er sitzt gegenüber, dieser Wenzel, der verblüfft DRIFTER auf dem Buch von Vica liest, denn Drifter ist sein Lieblingsautor, er hat alles von ihm gelesen und weiß nichts von einem neuen Roman. So fängt das schon an. Aber als er beim Aussteigen den Finger dieser noch Unbekannten mit ihrem goldenem Kleid in der S-Bahn über die Scheibe zucken sieht, was eindeutig nach einem Blitzzeichen aussieht, erschlägt ihn metaphorisch gesprochen diese Geste im Nachhinein, denn kurz darauf wird Wenzels Kindheits- und immer noch Freund Killer vom Blitz getroffen, nicht erschlagen, aber doch nachhaltig verändert.

Bisher nämlich war er der Star und PR-Chef eines bedeutenden Lebensmittelgiganten, also mit großem Einkommen , während Wenzel so eher gemütlich und mit kleinem Verdienst die Social- Media-Kanäle eines TV-Senders betreut. Der Blitz aber verändert Killer derart, daß er überhaupt nichts mehr von einem Killer an sich hat. Er zieht sich zurück, läßt die Krankschreibung gerne weiterlaufen, kündigt sogar auf einmal diesen einträglichen Posten, woraufhin er aus fehlender Geldquelle seiner schicken Wohnung ziehen muß, die im selben Haus wie die von Wenzel lag, und zieht zurück in das Haus seiner Mutter in eine eigene Wohnung. Wenzel ist baff, nie wieder wollte er zurück in den kleinbürgerlichen Mief in diese unansehnliche Gegend. Er kann seinen Freund nicht verstehen.

Und dann kommt’s noch doller! Aber dazu muß man erst Vica besser kennenlernen, die Vica Malabene heißt, eine sagenhafte Frau, die ein eigenes Unternehmen, mit hochpreisigen Videos hat, wo sie selber als Star auftritt, was man sich also teuer kaufen kann und wo sie bei jedem Video eine andere wird, viel über alle möglichen Gebiete wie Astronomie weiß, aber insgeheim Tipps für’s Geldanlegen, für Aktien etc. gibt, die erfolgreich sein sollen, weshalb ihre Gemeinde wächst und wächst und weshalb sie auf einmal die beiden Freunde fragt, ob sie in Killers neuem alten Wohnhaus für ihre Produktionsfirma Wohnungen mieten kann, was sie im großen Stil dann tut.

Ach, es bringt nichts, diesen Roman kann man nicht in schnöden Sätzen wiedergeben, dazu passiert zuviel Verrücktes, Unvorhergesehenes, Irreales, wie mit diesem Autor Drifter, der gar keinen neuen Roman geschrieben hat, wenigstens weiß der Buchhandel nichts davon, obwohl Wenzel, der Icherzähler!, am Tag danach in seiner Buchhandlung den neuen Drifter bestellen konnte, dann aber wiederum am Tag danach nirgends von einem neuen Drifter die Rede war. Und was hat das mit Vica zu tun?

Denn irgendwie kreist alles um sie und ihre Videos, wo ihr großer Hund, ihr ständiger Begleiter, das Tanzbein schwingt. Sie ist eine Zauberin, eine Ermöglicherin und eine Taschendiebstahlskünstlerin auch. Denn sie kann Wenzels Portemonnaie unbemerkt verschwinden lassen und es ihm erst zwei Tage später, dann aber mit einem funkelnagelneuen Zweihunderter bestückt, zurückgeben. Das waren jetzt nur Kostproben, daß da allerhand los ist, wenn sich der doch eher biedere Wenzel auf den Weg macht, seine Stellung kündigt und bei Vica anheuert und nach und nach auch seine Abneigung gegen das billige Viertel seiner Kindheit verliert, weil er dort jetzt mitarbeitet und eine neue Lebenseinstellung gewinnt. Aber wie es ausgeht, wird nicht weitergesagt.