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Autor und Schauspieler Samuel Finzi im Gespräch mit Claudius Seidl am Buchmessemittwoch, 
18. Oktober 2023, 19 Uhr, im Jüdischen Museum Frankfurt, Teil 2

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Gleich am ersten Tag der Buchmesse, wo sowohl der legendäre Österreich-Empfang im Frankfurter Städel (mit Sonderführung durch die Sammlung) wie so viele andere Buchmesseempfänge stattfinden, ist es Ehrensache, die Möglichkeit zu nutzen, den wendigen und ganz speziellen Schauspieler Samuel Finzi im Jüdischen Museum in einer neuen Rolle zu erleben: als Autor seiner selbst, denn er hat für seine Lebenserinnerungen SAMUELS BUCH den interessanten Untertitel EIN AUTOBIOGRAPHISCHER ROMAN gewählt.

finzi1Was er darunter versteht, kam im Verlauf des eindrucksvollen Abends auch zur Sprache. Er hat keine Autobiographie geschrieben, die linear sein Leben wiedergäbe, weil er grundsätzlich den Erinnerungen nicht traut, denn als Erwachsene wissen wir nicht mehr, ob wir uns primär erinnern oder ob wir durch die Erzählungen der Älteren längst geformte Bilder in uns tragen, die wir als eigene Erinnerung ansehen. Aber eine Autofiktion ist es auch nicht, denn die meisten Dinge in SAMUELS BUCH hat er wirklich erlebt, so hat er die eigene erinnerte Biographie mit Phantasie angereichert und „Roman“ mußte sein Buch einfach heißen, weil sein Leben so romanhaft verlief.

Und das konnte dann der ausverkaufte Saal im Detail verfolgen, wobei nicht nur die Lesungen oder das Gespräch informativ waren, sondern insbesondere die Art und Weise, wie der Schauspieler bei einer Lesung sich selbst inszeniert, indem er nämlich so tut, als ob er ganz privat da oben sitzt und die Zuschauer im Saal seine Ansprechpartner auf Augenhöhe sind.

finzi2Claudius Seidl, 
Feuilleton-Redakteur der FAZ aus München, knüpfte an seine Erfahrungen mit dem Schauspieler auf der Bühne an, wo ihn insbesondere die Berliner Inszenierung von WARTEN AUF GODOT faszinierte, wo Finzi als Wladimir und sein Kumpan Estragon - Wolfgang Koch aus Frankfurt! - das Warten nicht lang werden ließen. Bißchen viel Lobhudelei war das auf Seiten des Kollegen den Abend über schon, weil Finzi das überhaupt nicht nötig hat. Er ist schauspielerisch ein Naturtalent, sein von mir schon gelesenen Buch ein Gewinn und als lesender Autor ist er die Potenzierung von Mutterwitz, spontaner Reaktion und Liebe zum Leben und den Menschen, denen er begegnete. Außerdem hat er völlig recht, wenn er gleich zu Anfang dem Publikum erklärt: „Die meisten Fragen zum Buch, die man hat, beantwortet das Buch!“

finbZum Lesen des Buches gibt es allerdings eine Alternative, bemerkt Seidl, denn es gibt ein Hörbuch, das Finzi selbst eingelesen hat und mehr muß Seidl nicht sagen, denn man hört ihn ja gerade selber, wenn er aus seinem Buch immer wieder vorliest, ein Deutsch, das bei ihm sehr viel sanfter, weicher, ja schmelzender und gleitender klingt als bei den meisten. Allerdings gibt es derzeit so vieles, was vorgeht und auch an diesem Abend eine Rolle spielt: der Überfall und die Entführung von Israelis durch die Hamas und die Konsequenz für die palästinensische Bevölkerung von Gaza. Was fühlt Samuel Finzi, wenn er, in Berlin-Charlottenburg zu Hause, dort die Stolpersteine sieht? Die letzten Tage sei er stehengeblieben, denn die sich überstürzenden Ereignisse aus Israel/Gaza wirken emotional stark auf ihn. In einem finzi3kurzen Rückblick wird die Situation seit 2015 mit den syrischen Flüchtlingen vom Bürgerkrieg gewürdigt, auch die Aufnahme derer, die dem Krieg in der Ukraine entflohen, die politische Situation ließ die Lesung selbst erst einmal in den Hintergrund treten. Aber dann legte Finzi los, als die Frage kam, wie denn ein viel beschäftigter Schauspieler auch noch ein Buch schreiben könne. Er hätte ja nicht wollen, aber Max Biller und seine Agentin Karin Graf hätten darauf bestanden, daß er schreiben müsse, weil er schreiben könne.

finaOb er Vorbilder habe, was er lese? Immer die Alten, Tschechow etc. „Ich versuche, einfach zu bleiben, simpel zu bleiben“ Und warum schreibt er auf Deutsch? Ja, es stimme, daß er außer in seiner Muttersprache auch auf Russisch, Französisch u.a. hätte schreiben können. Aber er hat auf Deutsch geschrieben, weil er, ein polyglotter Mensch, in der deutschen Sprache zu Hause sei.

Im Schnelldurchgang wurde sein bisherigen Leben ausgebreitet, was durch die Lesungen dann vertieft wurde: Familie, Kindheit, Eltern, Sicherheit...alles kam zur Sprache, was in der Rezeption des Romans die Hauptrolle spielt.

Das war ein schöner Abend, fanden das heftig Applaus klatschende Publikum. Und die Schlange derer, die nach dem Kauf des Buches sein Autogramm wünschten, war lange.


Fotos:
Redaktion


Info:
Samuel Finzi , Samuels Buch . Ein autobiografischer Roman, Mitarbeit Geoffrey Layton, Ullstein Verlag 2023
ISBN 978 3 550 20043 4


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