Hilal Sezgin, Artgerecht ist nur die Freiheit aus dem Verlag C.H.Beck, 2014

 

Christa Blanke

 

Mittelhessen (Weltexpresso) - 1984 erschien im Rowohlt Verlag das Buch Endzeit für Tiere, Ein Aufruf zu ihrer Befreiung. Verfasst hatten es zwei freie Schriftstellerinnen, Sina Walden und Dr. Gisela Bulla. Zum ersten Mal wurde damals in deutscher Sprache eine Bestandsaufnahme dessen vorgelegt, was Menschen Tieren antun.

 

Bestürzend eindringlich, solide recherchiert und einer Ethik verpflichtet, die damals fast überall als völlig utopisch abgelehnt wurde. Dieses Buch war seiner Zeit weit voraus und ein Meilenstein der Tierrechtsbewegung in Deutschland.

 

2014 ist nun ein Buch erschienen, das ebenfalls als ein Meilenstein der deutschen Tierrechtsbewegung betrachtet werden muss. Hilal Sezgin entwickelt auf 230 Seiten eine neue Ethik, in der Tiere einen eigenen Wert haben, völlig unabhängig von ihrer Verwertbarkeit durch den Menschen. Auch dieses Buch ist solide recherchiert und – da die Verfasserin nicht nur Philosophie studiert hat, sondern ebenfalls freie Schriftstellerin ist - sehr gut lesbar.

 

Zwischen beiden Büchern liegen 30 Jahre, in denen das Leid der Tiere größer geworden ist, weil es noch viel mehr einzelne Tiere sind, die im Agrobusiness, in der Pharmaindustrie und der Unterhaltungsindustrie leiden und sterben. Der globale Transfer von brutalen Haltungsbedingen, der Export von Lebendtieren von einem Kontinent zum andern und die Verlagerung der "tierischen Produktion" weg von Europa und seinen Bestimmungen haben ein Ausmaß angenommen, dass für Bulla/Walden noch nicht absehbar war.

 

Aber: das Buch von Sezgin trifft auf eine andere Gesellschaft. Während Endzeit für Tiere deren Befreiung fordert und das damals noch wie ein flehentlicher Appell wirkt, kommt Artgerecht ist nur die Freiheit viel selbstbewusster daher. Die Autorin bekennt sich zwar zu ihrer Hilflosigkeit, weil der eigene vegane Lebensstil die "gewalttätige Gesellschaft", in der sie lebt, noch nicht verändert. Aber daran, dass die Befreiung der Tiere die nächste große ethische Aufgabe der Menschheit ist, daran lässt sie keinen Zweifel. Und entsprechend reagieren auch die zahlreichen Rezensenten. Wo Bulla/Walden noch lächerlich gemacht wurden, bekommt Sezgin viel Anerkennung und Lob. Die Gesellschaft in Deutschland scheint nun 30 Jahre später eher bereit zu sein, ernsthaft über eine Befreiung der Tiere aus der absoluten Verfügungsgewalt des Menschen nachzudenken. Eine Ethik ist nur so viel wert, wie sie auch gelebt wird. Sezgins Reflexion darüber, wie das in Deutschland 2014 möglich sein könnte, macht das Buch glaubwürdig und zu einer teilweise spannenden Lektüre.

 

Hinter Endzeit für Tiere konnte die deutsche Gesellschaft nicht mehr zurück, auch wenn sie es vorzog, das Buch zu ignorieren. Auch hinter Artgerecht ist nur die Freiheit können wir nicht mehr zurück. Sezgin hat einen Pflock in das philosophische Denken in Deutschland eingeschlagen, der nicht mehr ausgerissen werden kann. Es geht nicht nur um veränderte Essgewohnheiten im Sinne von "anständig essen". Es geht um ein fundamentales Umdenken. Natürlich kann und muss darüber gestritten werden, wie die Freiheit der Tiere aussehen kann in einer Welt, die von Menschen beherrscht wird. Aber dass ihnen ein eigener Platz in der Welt, ein eigner Wert und eine unveräußerliche Würde zugestanden werden muss, das hat Sezgin so überzeugend dargelegt, dass es dahinter kein Zurück gibt.

Dieses Buch ist eine Pflichtlektüre für alle, die sich in Deutschland mit ethischen Fragen befassen: Theologen, Feministen, Menschenrechtler, Umweltschützer etc. Jeder, der sich gegen Gewalt in welcher Form auch immer einsetzt, sollte die Argumentation von Sezgin kennen und verstanden haben. Sie gilt nicht nur im Hinblick auf Tiere, aber hier muss sie sich in einer äußersten Herausforderung bewähren.

 

 

Was für mich besonders wichtig war:

 

Die Wirkung der nicht mehr vorstellbaren Zahlen

 

Die Autorin geht selbstverständlich davon aus, dass jedes Tier ein Individuum ist und erläutert das anhand eigener Erfahrungen. Gleichzeitig nennt sie die aktuell zugänglichen Statistiken. So haben Menschen im Jahr 2011 etwa 56 Milliarden 525 Millionen Tiere geschlachtet (ohne Jagd und Fischfang, das sind ebenfalls mehrere Milliarden Tiere). Jemals auf der Erde gelebt haben seit der Steinzeit 100 Milliarden Menschen. Das heißt: wir schlachten in anderthalb Jahren mehr Tiere als jemals Menschen auf der Welt gelebt haben. (S.233)

 

Es ist unmöglich, sich diese Milliarden vorsätzlich ermordeter Tiere als Individuen vorzustellen. Das schafft unsere Psyche nicht. Und auch Sezgin greift in ihren Beispielen immer wieder auf die Tiere zurück, mit denen sie zusammen lebt.

 

Wir bei Animals‘ Angels versuchen seit Jahren, diese Unfähigkeit zu überwinden, indem wir zumindest den tausenden von Tieren, die wir auf den Straßen der Welt aufsuchen, Namen geben in unseren Berichten und Protokollen. Zuerst haben wir Hohn und Spott geerntet für diese vermeintliche "Un-Professionalität". Aber mittlerweile geschieht es sogar schon vereinzelt, dass Behörden oder Gerichte unseren Sprachgebrauch übernehmen.

 

Die Namen sind unser Mittel, mit dem wir die Anonymität der Massendeportationen außer Kraft setzen. Das ist nicht einfach, weil mit dem Namen Nennen auch Beziehung entsteht, - zwischen dem Namensgeber und dem Tier, das in jedem Fall sterben wird. So bekommt dann auch der Abschied vor dem Schlachthaustor etwas Persönliches und tut entsprechend mehr weh. Es gibt Tierfreunde, die deshalb nur den Tieren Namen geben, die sie auch "retten" können. Sezgins Buch macht noch einmal deutlich, dass jedes Tier einen "Namen" hat, d.h. eine Person ist mit einem individuellen Schicksal, und dass wir das zuallererst einmal anerkennen müssen, damit sich das gesellschaftliche Klima ändert.

 

 

Die Wirkung der langen Handlungsketten

 

Eine sehr interessante soziologische Erklärung zitiert die Autorin im Hinblick auf die hilflose Ignoranz sogar von an Gerechtigkeit interessierten Bürgern, wenn es um Tiere geht. (S.228) Durch die vielen verschiedenen Menschen, die an der brutalen Behandlung der Tiere beteiligt sind und durch die langen Handlungsketten, wird die Verantwortung für das Leid ständig verschoben: von der Landwirtschaft zum Tierhandel zu den Schlachtern zum Einzelhandel zum Konsumenten… Oder an einzelnen Menschen festgemacht: vom Bauern zum Händler zum Transporteur zum Schlachter zum Supermarkt zum Verbraucher…

 

Wir bei Animals‘ Angels gehen seit Jahren gegen dieses Verschiebespiel so vor, dass wir uns mit Absicht nicht an das Ende der Kette, den Verbraucher, wenden. Das tun sehr viele andere Organisationen sowieso und besser als wir es könnten. Wir verhandeln mit den Akteuren im Transportgeschäft, also mit Händlern, Veterinären, Beamten, der Polizei, Schlachthausdirektoren, Marktverantwortlichen usw. Das ist sehr mühselig, es kann gefährlich werden und ist fast immer unerfreulich. Aber: wenn ein einziger Veterinär streng kontrolliert oder ein Marktdirektor andere Regeln einführt, dann bedeutet das für sehr viele Tiere erheblich weniger Leiden. Die langen Handlungsketten müssen zerlegt werden in einzelne Verantwortlichkeiten. Und je mehr Menschen daran arbeiten, desto besser für die Tiere – und die Gesellschaft als ganze.

 

 

Die Bedeutung der Sprache

 

Das ethische Ziel, das Sezgin nennt, ist ein Wechsel von der gewalttätigen Gesellschaft zur einer friedfertigen. Und sie stellt fest, dass es den Ausdruck „Gewalt gegen Tiere“ im deutschen Recht nicht gibt. (S. 223) Es gibt „Gewalt gegen Menschen“, „Gewalt gegen Sachen“ – aber was Tieren angetan wird, heißt „schlachten“, „fixieren“, „besamen“, „dressieren“ und so weiter. Diesen wichtigen sprachphilosophischen Ansatz führt sie leider nicht weiter aus. Sprache ist ja nicht nur Beschreibung von Wirklichkeit, sondern sie schafft auch Wirklichkeit, indem Phänomene benannt werden und damit eingeordnet und letztendlich auch beherrscht werden können.

 

Wenn wir den Sprachgebrauch in Deutschland im Hinblick auf die Tiere ändern, dann ändert sich automatisch auch etwas in unseren Köpfen. Wie das funktioniert haben uns die Feministinnen in den letzten Jahrzehnten eindrucksvoll vorgemacht. Das steht für die Tiere noch aus, und deshalb ist es so wichtig, dass es nun ein deutsches Buch über Tierethik gibt. Das ist sprachlich etwas ganz anderes als eine Übersetzung der ja reichlich vorhandenen englischen Bücher zum Thema, wo schon in der Sprache ein anderes Rechtssystem und eine andere, jahrhundertealte Einstellung zu Tieren transportiert wird.

 

Hier habe ich eine Kritik an Sezgins Buch. Sie verwendet die Bezeichnungen ‚Nutz‘tiere, ‚Versuchs‘tiere, ohne durch Anführungszeichen kenntlich zu machen, dass es ethisch illegitim ist, Tiere durch ihren Zweck zu definieren und dann auch so zu bezeichnen. Mit der Schreibweise transportiert sie ein System, dass sie selbst energisch und wortkompetent ablehnt.

 

Auf der Homepage oder in Veröffentlichungen von Animals‘ Angels achten wir peinlich genau auf die Anführungszeichen, wenn wir diese Bezeichnungen verwenden müssen. Es kann mal ein Versehen diesbezüglich geben, aber die Richtung ist klar: Tiere dürfen sprachlich niemals durch ihren Zweck definiert werden. Viele unserer Freunde und Spender haben das mittlerweile auch übernommen. Frau Sezgin hat hier leider eine Chance verschenkt.

 

 

INFO:

 

Hilal Sezgin, Artgerecht ist nur die Freiheit

Verlag C.H.Beck, 2014

ISBN 978 3 406 65904 1

 

Christa Blanke ist Vorsitzende der Stiftung Animals' Angel