Vorstellung der Litprom-Bestenliste „Weltempfänger“ durch Ruthard Stäblein und Anita Djafari, Lesung durch Jochen Nix, 02.12.2014 im Haus des Buches

 

Heinz Markert

 

Um die Anerkennung der Menschen untereinander ist es ein merkwürdiges Ding. Da haust viel Kleinliches und Peinliches, der scheele Blick und die Missgunst haben die Oberhand.

 

Es scheint nicht nur ein Großgruppenproblem zwischen Nationalitäten, Landsmannschaften oder Ethnien, ihren unterschiedlichen und überbewerteten Befindlichkeiten zu geben, sondern auch eine Mikostrukturproblematik zwischen sozialen Milieus, Gruppierungen verschiedener Orientierungen oder lokalen Netzwerken der kleinformatigen Selbstentwürfe, die vom pedantischen Kleingärtner bis zum Honoratiorenclub reichen.

 

Indem Menschen im ersten Anblick irgendwie fremd, andersartig und daher als ungewohnt und unheimlich erscheinen können, erfahren sie nicht gar selten sogleich teils unbewusst, teils bewusst Ablehnung durch ihre Artgenossen. Der Mensch mit den festgefahrenen Verhaltensmustern und Reaktionsweisen bleibt da in der Regel gnadenlos. Siehe 'im Fall' der Roma ganz aktuell.

 

Literatur ist für diese Fälle der schlechten Gewohnheiten das zuständige und gleichsam wie seit Anbeginn geschaffene Medium, den peinlichen und kleinlichen Idiosynkrasien zu begegnen, ihnen zumindest die Spitze zu nehmen. Durch das Vertrautwerden mit Eigenheiten, Seltsamkeiten und Wunderlichkeiten, die in der Romantik geradezu der Rechtfertigungsgrund für jegliche menschliche Biotopologie waren – in einer reizvollen Literaturgattung Niederschlag findend – ist es möglich, die unsinnigen Trennungen und Absetzbewegungen zwischen den Mitgliedern einer Tausendemillionengattung, die sich doch im Endeffekt sehr, sehr ähnlich ist, einigermaßen zu überbrücken, zumindest bis auf weiteres.

 

Kernmotiv für Literatur, aktiv gezeugt oder rezeptiv wahrgenommen, ist die Erkenntnis und Aufarbeitung des anderen Lebens. Sie ist Mittlerin inmitten der Vielfalt des Lebens, ein Paradoxon. In diese Vielfalt ist die Hundertemillionenorganisiertheit getreten, die zu Trennungen und Mißhelligkeiten nach den langwierigen Zügen der Ausbreitung um den Globus geführt hat, vielleicht das am meisten zum Nachdenken und Abhelfen Anlass gebende Grundproblem in der Organisationsstruktur der Erdbewohner.

 

Die nähere Bezeichnung von Litprom lautet: „Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika“. Bekanntlich hängen wir als Menschheit alle genetisch zusammen, haben uns in Zügen ausgebreitet auf alle Kontinente. Um die Vergessenheit dieser Tatsache und ihre Folgen rankt sich die Literatur als Möglichkeit, die verfallene, zunehmend gespreizte Gemeinsamkeit wiederzuentdecken.

 

Das Andere schlägt sich bei Litprom auch nieder in der Konstruktion „Der Andere Literaturclub“, einer Einrichtung, zu der zu entsprechenden Bedingungen und zu gegebenen Vorteilen auch beigetreten werden kann.

 

Mit der Bestenliste wird auf eine Vierteljahreszeitebene heruntergestiegen, um der Wahrnehmung der unmittelbar für aktuell angesehenen Gegenwartsliteratur im Rahmen des Gesamzkonzepts Rechnung zu tragen.

 

Ausgewählt wurden für das laufende Vierteljahr von den Juroren die Romane:

 

  1. 'Mörderische Huren', Roberto Bolaño (Chile, Mexiko)

  2. 'Flüchtige Seelen', Madeleine Thien (Kanada, China, Malaysia)

  3. 'Der polnische Boxer', Eduardo Halfon (Guatemala)

  4. 'Die geheimen Leben der Frauen des Baba Segi', Lola Shoneyin (Nigeria)

 

Literatur hat, bei allen Verschiedenheiten, doch viel Gemeinsames. Verfahrensweisen
der schriftlichen Darstellung, ähnlich wiederkehrende Atmosphären, menschliche Beziehungsgeflechte und etwas Durchgängiges im allgemein Weltzuständlichen, das Beachtung erfähren soll. Es sind subtile Variationen auf doch sehr Immergleiches, Immerähnliches, das Zuständen und Verhältnissen der Welt anhaftet. Die Schilderung der Einzelheit und Besonderheit der Existenzen und entstandenen Weltgegebenheiten im jeweiligen Fall – die Geschichte eben - ist ein nie versiegender Quellgrund von Literatur und der Fähigkeit zu literarischen Empfindungen.

 

Durchgängig allgemein ist den Büchern so etwas wie die Schilderung des Höllenapparates, des allseits gebannten, in den die Protagonisten auch wiederum gebannt bleiben. „Mörderische Huren“ (Roberto Bolaño) handelt im Grenzgebiet von Mexiko/USA. Wie nicht anders zu erwarten, ist man Morden auf der Spur, Akten sind von sich aus schon die Bedrohung schlechthin, mag einer ertragen was drinsteht? Randständigkeit ist Gegebenes; Exilanten, Dichter, Huren, verkannte Genies auch. Die Erfahrung des Exils ist gemeinsam bindend für die ausgewählten Texte, bezieht sich keineswegs nur auf die jeweiligen Lebensgänge von Autorinnen und Autoren. RobertoBolano, 1953 geboren, war Exilant in Mexiko, hatte ein armes Leben, schildert auch sich selbst am Rande der Gesellschaft, zuletzt lebte er in Spanien.

 

Bei aller Gewalt in der Welt ist doch ein Leuchtfeuer der Erhellung des Unerträglichen ein versöhnendes Moment. Bizarre Allianzen und Verschränkungen der Personen lässt während gelesener Passagen so etwas wie Verzückungen entstehen. Merkwürdige Vater-Sohn-Beziehung, Boxers eingemischt, in der Spielhalle wird gewonnen, aber Schulden werden nicht bezahlt. Dunkelheit, Obskurität, Irrealität sind in einer phantastischen Welt am Dauerzug, ein Moment des Fortlebens von Zeit, die vergangen, aber auch nicht vergangen ist, umgreift das gesamte Geschehen in extremen, absonderlichen Welten.

 

Viele Schilderungen, Textstellen der Romane vermitteln ein Déjà vu, stets kehren Erinnerungen an die geschilderten Welten und Fälle von Joseph Conrad, Paul Auster, Marguerite Yourcenar und in 'Flüchtige Seelen' auch an Marguerite Duras wieder. Solche Texte haben die längste Beharrungskraft im Gehirn. Es hängt nicht nur mit den Spielorten und Weltgegenden zusammen, sondern auch mit den neuartigen Gegenstandsbereichen und Individuengeformtheiten moderner Literatur, die auch andere Sprachklangstrukturen erfordern. Die Erfahrung des Höllenapparates, den Literatur beschreibt, ist allgegenwärtig, selbst noch im Familienroman von Lola Shoneyin.

 

Roberto Bolano wurde erst nach seinem Tod 1998 einem größeren Publikum in den USA und Deutschland bekannt.

 

 

'Flüchtige Seelen' (Madeleine Thien) ist mit dem historischen, aber niemals erledigten Kapitel Indochina verbunden: Siebziger Jahre, Kambodscha. Der unbegreifliche Terror der Roten Kmer ist Angelpunkt, ohne ihn wären Stoff und Geschichten andere, vielleicht erfreulichere geworden. Erinnerungen an Verdrängtes beherrschen die Geschichte einer kanadischen Neurowissenschaftlerin, die an die Stätte der Geschehnisse zurückkehrt, um den Gang ihrer durch die Taten der Kmer verstreuten Familie wiederzuerinnern, dabei auch ihren verschollenen Freund und Förderer suchend. Darunter mischen sich weitere Opfer der Zeit des systematischen Mordens jener Zeit.

 

Paradigmatisch für die Leserfahrung sind die Helikopterflug-Sequenzen, die Erinnerungen an den Strom, die Kindheit mit elf Jahren, der Riss, der im damaligen Leben geschah, ein Flugzeug explodiert über der Tschechoslowakei...Gemeinsam ist wie all den vorgelegten Romanen auch diesem ein surrealistisches Moment, der Surrealismus haust im Sachgebiet der Welt selbst, ein zentrales Motiv fast aller Literatur ... Im Mittelpunkt der Dramatik steht die Szene mit dem Vater, der die Kmer als Helden der Zukunft feiert, die was in Ordnung bringen, während die Mutter diese Aussicht mit realistischem Sinn abtut. Hiermit kontrastiert die Szene mit den sinnentbrannten Kindersoldaten der Kmer, die ins Haus einbrechen und Fragen stellten, mit dem Gewehr eines der Juvenilen auf Vaters Brust, später weiter noch gen Hals gerichtet.

 

Die Schriftstellerin Madeleine Thien wird im Januar 2015 in Frankfurt weilen.

Biographische Notiz: ihre Eltern stammten aus Malaysia und China, emigrierten in den Sechziger Jahren nach Kanada. Sie verließ die Hochschule mit dem Master in Creative Writing (nach dem Iowa Writers Workshop, der die 'Sprachökonomie' ins Zentrum stellt)

 



Eduardo Halfon entstammt einer jüdischen Familie. Der Großvater – im Roman ist er
'Der polnische Boxer' - war Lodzer Jude, der das Vernichtungslager Auschwitz überlebte.

Eduardo Halfon wuchs in Guatemala auf und wanderte mit zehn Jahren mit seinen Eltern nach den USA aus. Er ging dann wieder nach Guatemala zurück, heute lebt er in Nebrasaka.

 

Der Roman ist in 10 „Runden“ geschrieben. Er wird in verschiedenen Literaturarten entwickelt als da sind: Kurzgeschichte, Roman in klassischer Form, Roman in Kurzform, Roman hinter dem Roman, Essay, postmoderner Roman (Vermischung der Gattungen, Zeitverschachtelung, Montage, Zitatierung); ein Romanstück, der den Rausch der exzessiven Sexpraxis behandelt, findet sich ebenso. Die verschiedenen Ebenen der Darstellung sind die Mittel, die Unbeschreiblichkeit und Nichtbehandelbarkeit von Auschwitz und den Folgen – für ihn, den Autor - doch zu behandeln, nach so langer Zeit der inneren Vorbereitung. Aber schon das Leben in den Unübersichtlichkeiten der Gegenwart sind eine dauernde Herausforderung, die an Grenzen führt. Der Roman ist stets ein Roman vor allem auch der anders Organisierten und dem Leben gegenüber anders Eingestellten.

 

Das Bild der Nummer auf dem Arm seines Großvaters ist der Ausgangspunkt seines Narrativs“, so vermittelt die Kurzbeschreibung der Litprom-Bestenliste den Grund für die Entstehung des Romans und der Aufnahme seiner Thematiken. Das Leben des Boxers wird auf verschiedenen Ebenen behandelt. Eine derartige Romanform ist sui generis postmodern. Ganze Gattungen treten in Konstellation auf. Damit sind die Facetten des Schaffens und Formens von sprachlichen Varianten potentiell unendlich. Etwas auch wie Professorentheorie, avancierteste, als solche vorgetragen, will sich darstellen.

 

Blitzlichter des Sehens und Erfassens einer Situation von repräsentativer Eigenschaft erbrachte die Lesung zum Motiv und Sinnbild: Begegnung mit Frau unter dem Schlagwort „Weißer Rauch“, die nicht nur einmal gelesen werden will und von Jochen Nix furios 'überbracht' wurde. „Tamara“ heißt die Beschworene, ein reales – oder irreales? - Phantom. Das Frauenheldische bei Halfon blitzt auf, schimmert durch.

 

Der Essayismus ist verbunden mit dem Durchreisen verschiedener Länder, dem Wiederzurückkehrenmüssen und Weltliteratur schaffen. Welthaltigkeit könnte als das Motto des Schreibens von Halfon gelten, wäre es nicht sogleich zu plakativ im Ausdruck gesagt. Gierigkeit, Witz, Selbstverliebtheit, Orgasmizität sind Antriebsweisen, ohne die das Schreiben für die Gegenwärtigen und Zukünftigen nicht gelingen kann, für Halfon.

 

 

Der Roman 'Die geheimen Leben der Frauen des Baba Segi' (Lola Shoneyin) hat am Schluss einen 'Knalleffekt', der sogleich angedeutet werden will, ohne tatsächlich offenbart zu werden. Er handelt von einem nigerianischen Mannsbild (Baba Segi), das – schwer erträglich vom Menschenrechtlichen her – eine promiskuöse Mehrfrauenkommune leitet und betreibt. Wobei es sich fragt, ob diese ganz freiwillig ist. Problem wird die Frau Nr. 4 (Bolanle), die gebildet ist, eine Studierte eben, die das ohnehin nicht so stabile Gefüge weiter in Unruhe versetzt. Mehrfrauengebrauch und viele Kinder, die daraus hervorgehen, lassen den traditionellen Mann und Pater familiae wohlhabend erscheinen. Bis hierin mutet die Sache eher negativ und anrüchig an, aber wir können uns auf die Sache einlassen, denn sie hat durchaus auch menschliche, detaillistische Züge, die die Literatur durch ihre Art darzustellen und die Feinheiten und Winkelzüge in manischer Absicht aufzudröseln, irgendwie doch versöhnt, wenn auch nur immer momentan.

 

Problem wird nun, dass Bolanle nicht die Rolle ausfüllt, die für sie bestimmt ist, sondern sich in anscheinend selbstverständlicher Kinderlosigkeit ergeht. Ihr besonderes Anderssein als Gebildete zumal – eine eminente Herausforderung für das nigerianische Männersystem - kommt zu all den Eifersüchteleien, Rivalitäten und gegenseitig zugefügten Bosheiten hinzu, zwischen denen der Mann als Spiritus Rector im Hin- und Her der Gefühle steht, um das gespannte Familiengefüge einigermaßen im Gleichgewicht zu halten.

 

Furios sind die Passagen, in denen Baba Segi mit 4. Frau sich der Medizin andient, um die Unfruchtbarkeit seiner Vierten checken zu lassen. Was erhebliche Schwierigkeiten bereitet, weil nie offen geredet werden kann, denn dann ist die männliche Ehre unmittelbar und sofort betroffen. Es kommt zu urkomischer Situations- und Dialogkomik, Komödie und sogleich auf dem Fuße folgendes Drama sind so eng beieinander wie nur gerade noch möglich. Jochen Nix hat uns Auszüge dieser speziellen Exkursion in die Gesundheitspflege zum besten gegeben.

 

Frauen sind allgemein sozialkompetenter und alltagseffizienter für das Fortbestehen der menschlichen Gemeinschaften in den südlichen Ländern – und vielleicht nicht nur dort -, das Modell, das der Roman „anschneidet“ und sich vornimmt, ist eigentlich gestrig, aber die Schilderung handelt doch faktisch von den Menschlichkeiten im menschenrechtlich Fragwürdigen und Angezählten und das ist eben der Zug, den Literatur so stark macht und wenn sie nicht wenigstens ein wenig wäre – wie sie es ist – wäre der Weltzustand ein noch fragwürdigerer und womöglich gänzlich hoffnungsloser. Literatur ist das Fortleben des Gruppenklangkörpers der paläopolitischen Urgemeinschaften, der ältesten Brutkästen von Kindern und Erwachsenen, in denen Menschen über sehr sehr lange Zeiträume geworden sind. Und das Drama geht weiter.