Diebe und Vampire“ von Doris Dörrie im Verlag Diogenes



Hanswerner Kruse

Schlüchtern (Weltexpresso) - Heute besprechen wir den neuen Roman der Filmemacherin und Schriftstellerin Doris Dörrie. Der Titel des Buches suggeriert eine Sammlung von Erzählungen über „Diebe und Vampire“, doch die Autorin meint etwas völlig anderes: Im Roman lässt sie in Mexico die alternde Schriftstellerin, „die Meisterin“, zu ihrer jungen Bewunderin Alice sagen: „Ich bin eine Diebin und Vampirin. Ich klaue Geschichten. Ich bin immer in Diebeslaune.“



Auf die Frage, „und was ist mit der Vampirin?“, erklärt sie, „Ach, ich fürchte die ist noch ein bisschen unangenehmer als die Diebin. Die Vampirin will nur dein Blut, nur deine Geschichte, du bist ihr letzten Endes völlig gleichgültig.“



Der Roman berichtet also vom Schreiben als einem völlig subjektiven Prozess. Er erzählt von der jungen, hilflosen Ich-Erzählerin, die unbedingt schreiben will, aber selbst als erfolgreiche Schriftstellerin, Jahrzehnte später, immer noch an ihren Zweifeln nagt und sich nichts zutraut. „Als ich jung war, dachte ich, dass sich Neid, Eifersucht, und Komplexe im Alter von selbst erledigen würden wie Kinderkrankheiten. Stattdessen litt ich immer stärker darunter. Und dann auch noch die Panik, bald nicht mehr dazuzugehören, einfach entsorgt zu werden wie ein altes Auto, das man hinter dem Haus verrotten lässt.“



Jedoch hindern Alice ihre tristen Anwandlungen nicht daran, das Leben hemmungslos zu genießen und zwischendurch spannende Geschichten zu schreiben - wie sie etwas Sex mit einem jugendlichen Banditen hat und korrupten mexikanischen Polizisten ausgeliefert ist. Wie sie hilflos und ohne Hoffnung in San Francisco im Regen herumirrt und „die Meisterin“ sucht. Oder wie sie viele Jahre später nach Mexiko zurückkehrt und eine junge Schriftstellerin sie nun als ihre Meisterin verehrt.



Das Buch ist locker und manchmal sarkastisch auf drei Ebenen geschrieben: Zunächst blitzen kurze Lebensepisoden der schreibenden Ich-Erzählerin auf. Zwischendurch passieren Alice dann die eben genannten, spannenden aber vielleicht nur ausgedachten Geschichten. Und insgesamt wird das Schreiben von ihr als anstrengender, mühseliger Prozess geschildert. Aber ihre Beschreibungen sind ganz und gar nicht weinerlich, wie in dem Gespräch mit einem buddhistischen Mönch in San Francisco deutlich wird: „Wenn du dich nur in deinen Stories aufhältst, verpasst Du das Leben. Ich lebe doppelt, hielt ich ihm entgegen, in meinem Leben und auf dem Papier...“



Es macht Spaß, die Romanfigur bei ihrer Selbstfindung zu begleiten und sich von ihr, trotz des manchmal ernsten Themas, gut unterhalten zu lassen.

Info:

Doris Dörrie: Liebe und Vampire, Diogenes-Verlag, gebunden 216 Seiten, 21,90 Euro, auch als Hörbuch für 19,99 Euro lieferbar