Serie: VOM GLÜCK DES HÖRENS, Teil 7/10

 

Helmut Marrat

 

Hamburg (Weltexpresso) - Noch ein paar Worte zu den anderen Hör-CDs: "Mein Name sei Gantenbein" erschient 1964 als dritter großer Roman von Max Frisch (nach "Stiller", 1954, und "Homo Faber", 1957). Thema seiner drei Romane ist jeweils die Identität der Hauptfigur. Anatol Stiller behauptet mit dem ersten Satz: "Ich bin nicht Stiller!"

 

 

Walter Faber, der Techniker, verleugnet seine Geschichte und sein Alter und geht eine Liaison mit seiner Tochter, deren Existenz er höchsten vage ahnt, ein. Und Gantenbein ist vielleicht gar nicht eine Person dieses Namens, denn es heißt ja: 'Mein Name SEI Gantenbein'. Es ist die Entscheidung für eine neue Identität, die dann durchgespielt wird. Hintergrund ist Max Frischs gescheiterte Beziehung zu Ingeborg Bachmann. Gantenbein gibt daher vor, blind zu sein, und staffiert sich entsprechend aus. Er hat also nicht mehr zu sehen, wann und wie oft er betrogen wird. Bis zu dem Moment, in dem er seine Rolle aufgibt.

 

Das Spiel mit den anderen, denen er durch seine Wissen, das er so weit wie möglich für sich behält, überlegen ist, macht einen großen Reiz dieses Romans aus. Lila, seine Frau, die Schauspielerin, die ihn, - berufsbedingt? -, betrügt, und die er so nennt, weil sie durch seine Blindenbrille eine lilane Haut bekommt, steht auf der einen Seite; auf der anderen die realistische, handfeste Camilla Huber, die vorgibt, vor Gantenbein behauptet, Künstlerin zu sein, Visagistin und Maniküre, aber in Wirklichkeit ihren Lebensunterhalt auf horizontale Weise verdient; Camilla Huber, die später einem Lustmord zum Opfer fällt, ist es aber hingegen, die ihn durchschaut, während die Schauspielerin für sich selbst im Mittelpunkt des Interesses steht.

 

Max Frisch hat viele Theaterstücke geschrieben und mit Regisseuren und Schauspielern zusammen gearbeitet. Davon ist einiges in diesen Roman eingeflossen, der allerdings alles andere als ein Theaterroman ist: Sondern es ist das Buch einer Lebenssuche; die Suche nach einer Möglichkeit, in einer Zweisamkeit leben zu können, ohne zu ersticken.

 

Rudolf Noelte, der Altmeister, (1921 – 2002), ebenfalls Lehrer von mir, hat hier vor allem die gescheiterte Beziehung inszeniert: Man hört (sieht fast!) die Menschen durch die leere Wohnung schreiten, diese kahle, kalte, gläsern scheinende Wohnung eisig gewordener Gefühle. So beginnt es – und diese Szene ist auch immer wieder der Anlaufspunkt und das Zentrum des Hörspieles – und auch sein Ende. Dazwischen sind die verschiedenen Entwicklungsszenen eingehängt, Ausblicke allemal, die das Ende aber nicht verhindern können. Das ist schon großartig und ganz geschlossen gemacht. Noelte, wie es hieß, der Meister der bürgerlichen Endspiele, hat auch hier ein Endspiel inszeniert. - Was er wegläßt, ist das positive Ende des Romans: Das Epikuräische, das auf den Satz hinausläuft: "Leben gefällt mir -" mit dem für Max Frisch typischen Gedankenstrich als Abschluß eines bedeutsamen Satzes. Fortsetzung folgt