Serie: Fritz Bauer: Bücher, Filme, CDs und vor allem die Ausstellung in Frankfurt am Main, Teil 5

 

Claudia Schulmerich

 

Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Bleiben wir beim politischen Fritz Bauer. Was seine Gegner ihm vorwarfen, daß er alles politisch sah, war gerade der Grund für seine Bedeutung. Er hatte ja nicht nur früh für eine Reform des Strafrechts und des Strafvollzugs gestritten, er hat sich immer öffentlich eingemischt, wenn es im Verhältnis Staat und Bürger Übergriffe des Ersteren gab.

 

 

Wir haben seine Aussagen zum passiven Widerstand im Ohr, den man ausüben müsse, wenn der Staat Unrecht tue oder von einem verlange. Es ging ihm um die Selbstverantwortung in einer wahren Demokratie, wo falscher Gehorsam eine Todsünde ist und Loyalität nicht strapaziert werden darf. Man könnte zusammenfassend sagen, daß er als Kreuzübel diese Mentalität anprangerte, die Heinrich Mann im „Der Untertan“ charakterisiert: obrigkeitshörig, feige und ohne Zivilcourage. Für eine lebendige Demokratie braucht man das Gegenteil: aufrecht, mutig, mit Zivilcourage. Auch deshalb war ihm die Erziehung der Jugend so wichtig, auch deshalb hat er unentwegt mit ihr öffentlich diskutiert, wie die Mitschnitte zeigen.

 

Zwar gibt es in der Ausstellung Abspielgeräte, aber die Bedeutung, die diese Öffentlichkeitsarbeit für Bauer hatte, wird nicht zum Thema. Das korrespondiert mit dem völligen Auslassen der Notstandsgesetze, gegen die er schon beim ersten Vorhaben vehement politisch-juristisch argumentierte und uns Junge auf die Demonstrationen nach Bonn schickte. Wir hatten nicht nur seinen Segen, sondern auch seinen Schutz. Denn das Demonstrieren mußten auch wir erst lernen. Das wissen wir, aber die Ausstellung weiß das nicht. Sie spricht kein Wort darüber, mit welcher Kraft Bauer beispielsweise gegen die Notstandsgesetze argumentierte und wie er alle zum Widerstand aufrief.

 

Aber wir wollen nicht weiterbohren, sondern uns eingestehen: Der politische Bauer ist in der Ausstellung FRITZ BAUER. DER STAATSANWALT nicht gegenwärtig.

 

Wenn man aus mehreren Gründen unzufrieden ist mit einer Ausstellung, auf die man sich freute, die einem wichtig ist und die einen nun traurig und unglücklich macht, hilft nur, dem eigenen Empfinden durch umfangreiches Recherchieren auf den Grund zu gehen. Wir fragen uns, liegen wir falsch oder hat die Ausstellung Fehler und Schlimmeres? Wir werden deshalb im folgenden die wesentliche Literatur zu Fritz Bauer lesen oder wiederlesen und sie kommentieren . Wir werden vor allem auch die Meinung anderer einholen, Fritz Bauer sozusagen in den Augen anderer einfangen.

 

Da sich die Ausstellung so stark auf Ronen Steinkes Biographie von 2013 stützt, werden wir diese als erste analysieren, obwohl die große Biographie von Irmtrud Wojak „Fritz Bauer 1903-1968“ schon 2009 erschien und in jedem Sinn gewichtiger ist, die Ausstellung jedoch nicht ihr folgt, sondern sich auf Steinke stützt. Die Besprechung von Wojaks Habilitation folgt dann auch sowie ein Bericht von all den Veranstaltungen im Rahmenprogramm zur Ausstellung, die wir besuchen können.

 

Erst spät fiel uns auf, was in der Ausstellung auch fehlt. Der Film von Ilona Ziok Fritz Bauer – Tod auf Raten (http://www.fritz-bauer-film.de), der überhaupt erst den Namen und die Person Fritz Bauers wieder in die nationale und sogar internationale Öffentlichkeit brachte. Auch hier muß man fragen, warum fehlt der Film? Dies wollen wir von den Ausstellungsmachern wissen, vermeldet doch sogar Google vom Prädikat „Besonders wertvoll“ & Titel „Dokumentarfilm des Monats Januar 2011“ durch die Deutsche Filmbewertung und Medienbewertung. Wir werden diesen Film erneut besprechen, wie auch die DVDs von den Fernsehsendungen und Radiomitschnitten von Fritz Bauer sowie Veranstaltungen zur Ausstellung. Deshalb: Fortsetzung folgt...

 

 

Info:

 

Fritz Bauer. Der Staatsanwalt. NS-Verbrechen vor Gericht

Ausstellung im Jüdischen Museum in Frankfurt

bis 7. September 2014

Im Thüringer Landtag, Erfurt vom 9. Dezember 2014 bis 1. Februar 2015

 

Es gibt ein umfangreiches und qualitativ hochwertiges Rahmenprogramm.

 

Katalog: Fritz Bauer. Der Staatsanwalt. NS-Verbrechen vor Gericht, hrsg. von Fritz Backhaus, Monika Boll und Raphael Gross im Auftrag des Fritz Bauer Instituts und des Jüdischen Museums Frankfurt, Campus Verlag 2014

 

Biographien:

Irmtrud Wojak, „Fritz Bauer 1903-1968. Eine Biographie“, Verlag C.H.Beck, München 2009

 

Ronen Steinke, „Fritz Bauer: Oder Auschwitz vor Gericht. Biografie mit einem Vorwort von Andreas Voßkuhle, Piper Verlag, München 2013

 

Film/DVD

Ilona Ziok, Fritz Bauer - Tod auf Raten, Deutschland 2012,97 Minuten

 

DVD

Fritz Bauer: Gespräche, Interviews und Reden aus den Fernseharchiven 1961-1968, Hrsg.:Fritz Bauer Institut, Frankfurt, Redaktion: Bettina Schulte Strathaus, 2 DVD,s/w, ca. 300 Minuten, absolut Medien Berlin