FRANKFURT HILFT. Willkommens- und Dankesfeier in der Paulskirche am 1. November, Teil 1

 

Claudia Schulmerich

 

Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Alles mögliche hätte ich erwartet, was auf der zweistündigen Feier in der Paulskirche ein persönlicher Höhepunkt sein könnte, schließlich waren famose Musiken und interessante Redner angekündigt, doch alle übertraf Oleg aus dem Tigerpalast durch das, was im Fachchinesisch Handstandequilibristik heißt. Er ließ einen abheben und zeigte, was ein Mensch durch Willenskraft und exzessives Üben erreichen kann: der Sieg des Geistes über die Materie.

 

Metaphysik gilt nicht nur für die Artistik, sondern Oleg Izossimov machte eben deutlich, was der Mensch vermag, wenn er nur will und zum Erreichen eines Ziels die richtigen Mittel einsetzt. Doch bevor wir zum eigentlichen Anlaß des Spätnachmittags am Sonntag, der Feier mit und für Flüchtlinge kommen, mehr von Olegs Handstand, mit dem er die Schwerkraft und damit alles irdische Schwere aufhebt. Auf der Bühne der Paulskirche steht dieser runde Metallständer, in dem die Stäbe stecken, auf denen der russische Artist, der wie alle anderen Künstler an diesem Tag ohne Gage auftritt, erst einmal langsam den Handstand aufbaut. Schon das allein ist ein wunderbarer Anblick. Seine Körperkunst wird sich zu Figuren steigern, die man nicht für möglich hält. Er kann seinen Körper verbiegen, wie er will und das alles auf zumeist einer Hand. Unglaublich, daß er dann auch noch den zweiten Stab aus der Verankerung zieht und einhändig die andere Hand mit dem Stab in die Luft führt.

 

Der weiß gekleidete Oleg Izossimov führt das alles in völliger Ruhe und sozusagen verlangsamt durch. Da gleichzeitig ein italienischer Schmachtfetzen als musikalische Begleitung die Paulskirche in einen Tönerausch versetzt, entsteht der Eindruck eines somnambulen Engels, der in Schönheit alle Gesetze der Schwerkraft aufhebt und Erdenschwere aus Willenskraft und Energie aufhebt. Das Entscheidende dabei ist - das fühlt man stark – das ist, daß dies in der Paulskirche stattfindet, die eine besondere Geschichte und eine besondere Aura hat.

 

Was das mit Flüchtlingen, ihrem Willkommen und einem Dank an die Helfer zu tun hat? Mehr als man vermuten kann. Der Künstler zeigt ja nicht nur, was der Mensch vermag, wenn er nur will, was man ohne weiteres auf politisches Wollen angesichts der Flüchtlingssituation übertragen kann, er zeigt auch, daß zum Leben und Überleben nicht nur Essen und Trinken, Bildung, Arbeit und Wohnen gehören, sondern auch Kunst, die an diesem Nachmittag ansonsten über die Musik, ihre Rhythmen und Melodien die Paulskirche und ihre Festteilnehmer Zumal ist Musik und auch Artistik einfach international und von jedem verstehbar.

 

Mit der Musik Afghanistans begann es, die von Ustad Ghulam Hussain, Nirweis Neda, Nahid Wassey, Kawa Shamel mit Robab, Tabla (das sind Trommeln) und Harmonia geboten wurde, wozu Freshta Sama sang. Und mit dem Balkan Pop der Besidos gab es ein Finale, das in den Ehrengastreihen wie denen der Flüchtlinge zum Miteinandertanzen führte, was die Paulskirche auch noch nicht gesehen hat. Eine kluge Programmgestaltung und eine liebenswerte und liebenswürdige Durchführung dessen, was als Idee von Michel Friedman und Johnny Klinke geboren wurde.

 

Beide begründeten ihr Vorhaben, Michel Friedman bringt die Flüchtlingserfahrung durch seine Eltern, die dadurch die KZs überlebt haben mit ein, sie überzeugten „in weniger als einer Minute“ den OB Peter Feldmann, der nicht nur Herr über die Paulskirche, sondern auch die Vermittlung zu den städtischen Stellen möglich machte, die den Kontakt zu den Flüchtlingen und den Helfern möglich machte, die an diesem sonntäglichen Spätnachmittag die Hauptpersonen waren. Zum gelungenen Ablauf trug auch das Ereignis bei, daß der Bundesminister Peter Altmaier, Flüchtlingskoordinator der Bundesregierung, angesichts der Flüchtlingskonferenz in Berlin nicht persönlich, sondern als Videobotschaft rüberkam. Eine Rede in einem anderen Medium ist einfach etwas anderes, was dann Claudia Roth als Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages am Rednerpult zu Gute kam, der alle am Schluß gut zuhörten.

 

Dazwischen hatten Shantel und das Bucovina Club Orkestar ebenfalls Balkan Pop in die Heilige Halle gebracht und das Schauspiel sein Frankfurt Trio geboten: Katharina Bach brachte zwei und Christoph Pütthoff ein Gesangstück, am Klavier begleitet von Christoph Iacono. Auch die Opernklassik war dabei. Aus der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst brachten Esther Dierkes und Martha Jordan zwei Arien zum Klingen, wobei "Ach. Schöne Nacht, Du Liebesnacht...", die sogenannte Barcerole aus Hoffmanns Erzählungen von Jacques Offenbach, so lieblich durch die Paulskirche wehte, daß der Eindruck als Ohrwurm noch immer anhält. Das war toll!

 

Und dann – wie als Kontrast – Sandro Roy mit einer Sonate von Johann Sebastian Bach, aber auch mit einer eigenständigen, durchaus modernen Variation. Eine gelungene Veranstaltung, die komplettiert wurde durch 'gemeinsamen Umtrunk mit Imbiß'. Da war dann wirklich Gelegenheit, mit Flüchtlingen ins Gespräch zu kommen. Wir staunten über den 17jährigen aus Afghanistan, der nach 25 Tagen hier in Frankfurt schon rudimentär Deutsch konnte und man sich darüber verständigen konnte, daß er alleine gekommen ist und seine Familie in Afghanistan bleibt. Überhaupt sah man sehr viel mehr, vor allem jüngere Männer, und dann wieder viele Frauen mit Kleinkindern. Das Essen aus Kuchen und Brezeln nahm sehr auf deutschen Geschmack Rücksicht. Wir hätten uns durchaus die so leckeren arabischen Teigtaschen gewünscht. Denn wir wissen ja längst, daß das