Serie: Die heute anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 27. Dezember 2012, Teil 1

 

 

Claudia Schulmerich

 

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Die Verfilmung eines Lebens kann ja ganz unterschiedliche Filme hervorbringen. Da gibt es die heroische Heldenverehrung, wo nur das Gute über die Leinwand huscht. Da gibt es die Skandalfilme, die also die Leben von Berühmtheiten ausschlachten und es gibt geschichtlich möglichst genaue und sachliche Filmbiografien. Von all dem hat der neue deutsche Film über Ludwig II. nichts. Was hat er dann?

 

LUDWIG II.

 

Dieser bayerische Wittelsbacher ist ein regelrechter Mythos und mutig, wer sich erst einmal überhaupt darauf einläßt, u.a. nach Regisseur Käutner und Hauptdarsteller O.W. Fischer im Jahr 1954, nach Regisseur Lucchino Visconti und Hauptdarsteller Helmut Berger – Romy Schneider spielte sich sozusagen selber als Sissi – aus dem Jahr 1972 und 247 Minuten Länge. Klar also, daß man von vorneherein stark strukturieren muß, was man von der Person und ihrem als exaltiertes Verhalten Wahrnehmbaren definierten möchte. Die beiden Regisseure Marie Noelle und Peter Sehr haben sich drei Jahre auf diesen Film vorbereitet und zum ersten Mal auch die staatlichen Archive einsehen können. Das betonen sie deshalb, weil es ihnen auch um eine geschichtlich notwendige Korrektur geht, die diesem Märchenkönig, der allzu gerne als unzurechnungsfähig hingestellt wird, insofern gerecht werden soll, als seine Einbindung in die deutsche Geschichte, was gleichzusetzen mit preußischer Geschichte ist, ihm wenig Glück brachte, den Preußen dagegen viel.

 

Für uns hätten sich das Regisseurpaar gar nicht so viel Mühe geben müssen. Wir haben gebannt die 143 Minuten zugesehen, zumindest dann, wenn Sabin Tambrea den jugendlichen Ludwig spielt. Denn durch ihn wird dieser Film zu einem Psychogramm, von dem man sich nach einiger Zeit schon gar nicht mehr vorstellen kann, daß Ludwig II. ein anderer als dieser Schauspieler gewesen sein könnte: hochgestimmt, hochgespannt, mit großen Erwartungen an sich selbst, mit großen Erwartungen an das Leben, mit vielen Ideen, wie die Kunst das Leben bereichert, eben nicht allein das Leben des Adels und der Bourgeoisie, sondern daß der einfachen Leute, wobei man gut tut, bei der Volkserziehung anzufangen, weshalb Ludwig II. flugs in allen Schulen des Landes ein Schulorchester installieren wollte, immerhin tausende!

 

Daß sich einer traute, die Schönheit als politisches Programm vorzusehen, die Kunst, die Literatur, die Musik, das Gestalten von Ereignissen wie von Theater auch für das niedere Volk als Lebensgut in sein Regierungsprogramm zu schreiben und es mit der Verwirklichung ernst zu nehmen, allein das lohnt schon eine Darstellung des Königs, der 1864 mit dem Regieren anfing – mit 18 Jahren.

 

Mag ja sein, daß das eine Nebensache ist, aber im Spiel des Sabin Tambrea und der von den Regisseuren vorgegebenen Rolle wird das idealistische Modell des Königseins im 19. Jahrhundert in Bayern sehr viel wichtiger genommen als sonst. Und wer sage denn, daß all die volkserzieherisch gedachten Planungen utopisch gewesen seien. Utopisch ist nur das, was die politische Realität nicht haben möchte, weil sie nicht will; nicht, weil sie nicht kann. Wobei das 'sie' die herrschenden Kräfte sind. Und wer im Hause Wittelsbach herrscht, macht dieser Film mit dem reaktionären Kabinett auch deutlich.

 

Wie schwierig die Situation Bayerns, als guter Freund Österreichs und Partner Frankreichs, beim Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866 und später 1870/71 beim Deutsch-Französischen Krieg, der in ein Deutsches Reich mündet, tatsächlich war, hätte auch ein anderer, also ein realistischer bayerischer König nicht hinbekommen. Insofern empfindet man die Tragik dieses Königs auch als eine von außen verschuldete und man hätte gerne seinem Experiment zugesehen, wenn er es mit Kunst und Bildung als Ziel für das Volk ernst nimmt. Doch dazu kann es nicht kommen. Man erlebt im Film zwar die Widerstände, aber so richtig klar wird einem das doch nicht, warum aus welchen Gründen aus dem hochgestimmten jungen Mann ein alternder polternder Narr mit Bauprogramm wird.

 

Natürlich all das andere, was landläufig Ludwig II. charakterisiert: Liebe zur Musik, Lieber zur Wagnermusik, Liebe zu Wagner, homosexuelle Neigungen, gewaltiges Bauprogramm der Schlösser - in Neuschwanstein ist ganz Amerika schon gewesen, denkt man - , seine Selbstverliebtheit in seine Gestalt und die Uniformen, bzw. Kostüme, all das kommt auch vor und gerade Wagner ist hier in der Darstellung von Edgar Selge einmal ein zwar aufbrausender, aber umsichtiger Kerl, der seine Interessen wahrt, aber nicht Diktatorisches oder gar Verführerisches, sondern bodenständig Sächsisches erhält.

 

Überhaupt ist das Ensemble wohl besetzt, Hannah Herzsprung darf Kaiserin Sissi sein, die ordentlich Elisabeth von Österreich heißt, Paula Beer spielt ihre Schwester, Sophie von Bayern, die dem Prinzen Ludwig versprochen, ihn auch liebt und heiraten will, was Ludwig als Sympathie, die zur Verlobung führt, erwidert, bis er merkt, daß schon ein Kuß ihm einfach widerlich ist, Justus von Dohnanyi ist der vom Berater zur politischen Exekutive Aufgestiegene, Samuel Finzi bringt einen empathischen Lakai Mayr, Friedrich Mücke schließlich ist als Richard Hornig, des Königs Stallmeister und Sorger für vieles, war er die männliche Versuchung für Ludwig, die im Film – halb zog er ihn, halb sank er hin – aber solchen Streß bereitet, daß er das Geschlechtliche sublimiert und – vulgär psychoanalytisch – in sein Bauprogramm umfunktionierte – oder ein anderer Bediensteter?

 

Ludwig II. wurde am 11. Juni 1886 entmündigt. Zwei Tage später spaziert er mit seinem Arzt am Starnberger See entlang. Als beide nicht zurückkommen, werden sie tot im Wasser gefunden. Im Film treibt es Sebastian Schipper als älteren Ludwig ins Wasser und er nimmt den Arzt einfach mit. Man könnte nicht sagen, daß Sebastian Schipper seine Sache schlecht gemacht hätte, aber in der Tat schiebt sich ab Ende des Films in der Erinnerung immer nur das Gesicht und die Gestalt des Sabin Tambrea in den Vordergrund. Seine nervöse, leicht neurasthenische Verkörperung des Prinzen ist derart schlüssig, daß eigentlich nur mit seiner Besetzung dieser Film eine Stärke gewinnt, der man vertrauen kann.

 

Denn: es wäre sehr leicht, einen amüsanten Verriß über solch einen Film zu schreiben, der vom Sujet her mit vielen Schablonen arbeiten muß, die Zeit des arbeitenden Volkes im 19. Jahrhundert nicht zeigt, dafür seine Hauptperson ernst nimmt und mit den Augen des Königs auf die Welt blickt und diese ändern will. Diesen Film mag man oder man lehnt ihn ab. Wir mögen ihn und wissen gleichzeitig um seine Gefahren. Die Deutschen haben sowieso Probleme mit ihrer Geschichte, auch mit deren filmischer Aufbereitung.