berl18 entebbe13Der Wettbewerb der 68. Berlinale vom 15. bis 25. Februar, Film 13

Claudia Schulmerich

Berlin (Weltexpresso) – Das waren noch Zeiten, denkt man sich, wenn man diesen Film sieht, der das Ereignis aufgreift, das am 27. Juni 1976 begann: Die siebentägige Entführung der Maschine der Air France in Athen durch zwei Deutsche der der RAF nahestehenden Revolutionären Zellen sowie zwei Mitglieder der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) zwecks Freipressung der in Israel inhaftierten Palästinenser.

Das waren noch Zeiten, da Flugzeugentführungen ein illegitimes Mittel der Politik waren, die dazu dienten die von Regierungen in Israel, in Frankreich, in Deutschland eingesperrten Terroristen freizupressen, wobei man das Wort TERRORIST leichtfertig übernimmt, aber es gibt kein anderes, denn sie als Befreier zu bezeichnen, stimmt einfach nicht. Freiheit wollen sie nur für ihre Leute, die anderen Menschen sind Mittel zum Zweck.

Das Thema ist für einen Film nicht neu. Wie der auf der anschließenden Pressekonferenz anwesende französische Bordingenieur der damaligen Air France-Maschine, Jacques Lemoine, der im Film eine wichtige Rolle spielt, ausdrücklich betonte, schätzt er nur diesen Film als authentisch ein. Die beiden amerikanischen Fernsehfilme vor 42 Jahren über die Entführung nach Entebbe seien nicht gut gewesen, der israelische im gleichen Jahr dagegen schon, aber nur dieser neue Film vermittle die Atmosphäre, so wie sie damals war.

berl18 en teb13 2Wir sind von Anfang an dabei, wenn im Flughafen von Athen, sich insgesamt vier Personen gegenseitig Zeichen geben, wenn es zum Einchecken geht, zum Besteigen des Flugzeugs und nach dem Start zur Übernahme, indem der eine it der Pistole in der Hand das Cockpit besetzt und die anderen die Besatzung und die Passagiere im Auge behalten und Anweisungen geben. Man spürt gleich, daß ein Unterschied besteht zwischen der Gemütslage der beiden Deutschen – Wilfried Böse (Daniel Brühl) und Brigitte Kuhlmann (Rosamunde Pike) - und den beiden Palästinensern, von denen Jafar seine ganze Familie durch einen Überfall der Israelis verloren hat.

Es menschelt also schon im Flugzeug, aber nicht unangenehm. Eher zeigt es, wie differenziert die Gefühlslage aussieht, wenn man politische Ziele durchsetzen will, dabei aber Menschen beschädigt und sei es auch nur, wenn man Kinder nicht auf die Toilette läßt, obwohl sie unbedingt müssen. Doch, Brigitte läßt sie gehen und ihren inneren Kampf kann man auf ihrem Gesicht verfolgen, dem Rosamunde Pike aus England ein deutsches Aussehen gibt und einen leicht wahrnehmbaren Akzent.

Die Maschine ist also das eine und was sich nach der Entführung tut, wobei erst einmal in Libyen aufgetankt wird, dann aber der Flug nach Uganda, zu Idi Amin fortgesetzt wird, der zugestimmt hatte, daß die Maschine dort landet. Dieser Hintergrund ist auch komplexer als man normalerweise weiß. Denn Amin war ursprünglich ein Freund der Israelis, wurde überhaupt mit ihrer Unterstützung in Uganda Regierungsschef, bildete deren Militär aus, war dann aber wegen fehlender Geschäfte unzufrieden und schlug sich auf die Seite der Araber. Was sich dann in Israel in den Kabinettssitzungen – Ministerpräsident ist Rabin, Verteidigungsminister Shimon Peres (Eddie Marsan) abspielt, gehört zu dem Spannendsten im Film, weil man die Falken und die Tauben argumentieren hört. Bisher nämlich hatte jede israelische Regierung Verhandlungen bei Entführungen abgelehnt. Diesmal stimmt sie nach einigen Tagen zu, allerdings nur deshalb, um intern den Spielraum für den militärischen geheimen Einsatz in Entebbe vorzubereiten und durchzuführen.

In mehreren Maschinen, die unter dem Radar fliegen, kommen des Nachts rund 100 israelische Soldaten, darunter eine Eingreiftruppe von 29 Mann unter Leitung von Oberstleutnant Netanjahu, dem Bruder des heutigen israelischen Premiers, erschießen – so heißt es im Abspann - 49 Ugander, sonst wird von 20 berichtet, schlimm genug, befreien die Geiseln und erschießen die Terroristen, hier vier, in Wirklichkeit wohl sieben.. Wenn man dann noch erfährt, daß die Israelis nur einen Toten hatten, ausgerechnet den Anführer Netanjahu, sieht man auch die Politik des heutigen Premiers in einem anderen, einem persönlichen Licht.

Regisseur José Padilha aus Brasilien hatte schon beim Drehbuch an Daniel Brühl gedacht, der den Entführer Wilfried Böse mit Gewissen spielt, wobei auch hier dem damaligen Flugzeugingenieur eine wichtige Funktion zukommt, denn er war es, der bestätigen konnte, daß Böse zwar den Tod der Geiseln androhte, aber alles tat, damit sie nicht erschossen wurden. Sondern er. Brühl hatte kein Problem, diese Rolle zu spielen, denn sie erfordert nur, sich in die Person hineinzuversetzen, ihre Motivlage zu verstehen. Das war auch Thema für den Regisseur, der allen Ernstes gefragt wurde, weshalb er die Terroristen so menschlich zeige, wo sie doch Unmenschen sind.

Zu erwähnen ist eine dritte Ebene: Denn der Film beginnt mit einer Tanzszene, die im Film immer wieder einmal wiederholt wird und deren Aussage sich eigentlich erst am Schluß in inhaltlicher Tragweite ergibt. Doch, dieses ungewöhnliche Mittel, was ja noch dazu die spannende Handlung unterbricht, hat eine Funktion. Er soll den Kampf zwischen Rabin und Peres. Peres wollte mehr Geld fürs Militär und Rabin mehr Geld für Kultur. Es ist eine Metapher in Gestalt dieses Balletts. Stellen Sie sich dazu einen großen Halbkreis mit Stühlen auf der Bühne vor, auf denen orthodox gewandete Herren sitzen und eine Frau. Sie agieren theatralisch, fangen gegen Schluß an, sich auszuziehen, aber die Frau macht nicht mit und sie ist es, die jeweils am Schluß tot liegen bleibt, während die anderen sich dem Leben anpassend verändert haben.

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