f exodusSerie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 29. März 2018, Teil 12

Hank Levine

Berlin (Weltexpresso) - Es sind vor allem die Erfahrungen der zurückliegenden Filmprojekte, an denen ich als Produzent oder Regisseur beteiligt war, die mich als Mensch und Filmschaffenden maß- geblich geprägt und mein Interesse an Filmen und Dokumentationen, die sich mit zeitgenössischen sozialen, kulturellen und politischen Themen auseinandersetzen, geweckt haben.

Hinzu kam für das EXODUS-Thema die für mich von klein an erfahrene und als natürliches Recht empfundene Fähigkeit, reisen und leben zu können, wo es mir beliebt und die Begegnungen auf vielen dieser Reisen mit Menschen, denen das schon immer verwehrt war oder für die das zunehmend problematischer wird. WASTE LAND (Lixo Extraordinario) dokumentiert die Geschichte der "Garbage Pickers" oder auch „Catadores“, die auf einer Müllhalde in Rio de Janeiro leben und arbeiten, recyclebare Materialien von Müll trennen, für ihre Rechte und menschenwürdigere Bedingungen kämpfen und deren Teilnahme an einem Kunstprojekt ihr Leben nachhaltig verändern wird.

CITY OF GOD (Cidade de Deus) handelt von einem jungen Mann, der aus eigener Kraft und unter widrigsten Umständen seine Probleme überwindet, den Verlockungen des schnellen Drogengeldes widersteht und so den Zyklus der ewig sich wiederholenden Misere und Stagnation durchbricht.

Für die erste eigene Regiearbeit eines Lang-Dokumentarfilmes ABANDONADOS (Abandoned) begleitete ich über vier Jahre Straßenkinder in São Paulo, Brasilien. Ohne jegliches soziales Netz entwickeln sich die meisten von ihnen zu Schwerstkriminellen und Drogenabhängigen. Während der Dreharbeiten starben einige von ihnen, andere „verschwanden“ buchstäblich.

In BARCELONA OR BARSAKH begleitete ich in Senegal eine Gruppe von Menschen aus verschiedenen Teilen Afrikas, die auf einfachen Fischerbooten versuchen, die 2000 Km entfernte spanische Küste zu erreichen. Sie treibt die Hoffnung auf Arbeit und Geld, um ihre zurückgelassenen Familien zu ernähren; dabei riskieren sie ihre Freiheit und ihr Leben. Während der Dreharbeiten im Senegal entstand dann auch die Idee für EXODUS-DER WEITE WEG (Exodus - Where I come from is Disappearing), inspiriert durch die Erzählungen von den unterschiedlichsten Routen und Begegnungen mit Menschen von überall her und irgendwo hin.

Auch in EXODUS geht es um existentielle Themen, dieses Mal aber auf globaler Ebene.

Auch hier handeln die Geschichten von Neubeginn, von großen Veränderungen. Es sind Geschichten, die Mut machen sollen, selbst wenn sie nicht immer von Erfolg gekrönt sind. 

Napuli, Nizar und Bruno, Lahpai und Tercha, Dana und Yasmin sind auf der Flucht. Wie sie sind viele Millionen andere Menschen weltweit aus den unterschiedlichsten Gründen gezwungen ihre Heimat zu verlassen. Gemeinsam ist den porträtierten Menschen der Wille zur Hoffnung auf eine Zukunft und diese trotz aller Hindernisse und Schwierigkeiten zu gestalten, die Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben, und nach so etwas wie Heimat als sozialem Ort, als Bestandteil der eigenen Geschichte.

Es sind bewegende Geschichten von Menschen im Ausnahmezustand. Ihr Mut und ihre Kraft, ihre Fähigkeit nicht zu resignieren und das eigene tragische Schicksal nicht als unveränderbar, sondern als temporär akzeptieren zu wollen, sind in ihrer Leidenschaft und Wahrhaftigkeit bewundernswert und inspirierend. EXODUS behandelt ein zentrales Thema unserer Zeit, das nicht nur Menschen die migrieren oder auf der Flucht sind betrifft, sondern wir alle sind von den wachsenden Menschenströmen als Ergebnis der Globalisierung betroffen.

Der Globalisierung und dem weltweit freiem Fluss von Geld und Informationen und Waren, sollte scheinbar unaufhaltsam der freie Fluss von Menschen folgen müssen und können. Doch das Gegenteil festigt sich derzeit als eine grausame Realität. Immer mehr Regionen grenzen sich ab und immer mehr Menschen sind gezwungen ihre Heimat zu verlassen und das auch wegen alter und neuer Kriege, aber auch zunehmend mehr aus ökologischen Gründen, Verwüstung, Umweltkatastrophen, die eben gerade Konsequenz der Aktivitäten von Menschen in solchen privilegierten Industrieländern sind in deren Richtung sich die Flüchtenden hilfesuchend bewegen.

Wie wir nun in den kommenden Jahren und Jahrzehnten entscheiden, mit diesen existentiellen Entwicklungen umzugehen, wird ganz entscheidend unsere Zukunft prägen, wird auf lokaler und globaler, auf Mikro- und Makroebene unsere Zukunft bestimmen und überhaupt ob wir eine lebenswerte Zukunft haben werden: ob sie durch ParadigmaWechsel, notwendige Veränderungen herbeigeführte, friedliche, und auf gegenseitigen Respekt und Gleichberechtigung begründete Weltengemeinschaft sein wird oder eine Fortsetzung der durch Privilegierte und benachteiligt Unterdrückte charakterisierte und im ständigen Kriegszustand stehende feudalistische Klassengesellschaften. Wohin die Reise gehen soll, bestimmen wir in den nächsten Jahren.

„Nur das Glück des Geburtsortes macht den Unterschied. Jeder von uns könnte einer von denen dort sein“ überhörte ich aus der Nähe von einer der porträtierten Personen und an uns, die Filmcrew gerichtet, während einer Reise zu den Dreharbeiten. Es ist FILMVERLEIH 6 diese erschreckende Selbstverständlichkeit, die das Schicksal der Menschen von EXODUS auch zu dem unsrigen macht. Wir sind nicht getrennt voneinander, in keinem Moment. Das berührt uns und soll den Film, mit der Allgegenwärtigkeit seiner bewegenden Geschichten, auf uns wirken lassen.

Foto:
© Verleih

Info:
Mit
Tarcha Mohamed-Malainin
Dana Al Balkhi
Napuli Görlich (geborene Respico Lojanamoi)
Aurfoh “Bruno” Watara
Nizar Raja
Lahtow Nang Ra
Mahka Sha Roi

Abdruck aus dem Presseheft