f landrauschenSerie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos am 19. Juli 2018, Teil 12

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Sie ist eindeutig überqualifiziert, Toni (Kathi Wolf), was das Berufliche angeht, aber eindeutig unterqualifiziert, was die Chancenverwertung ihrer zwei Hochschulabschlüsse mit einer entsprechenden Tätigkeit betrifft, denn mit Ende 20 und einem ausuferndem Leben in Berlin, weiß sie – arbeits- und geldlos - nun nicht weiter und nimmt eine Erbschaftssache als vorgeschobene Begründung, sich nach Hause in ihr Dorf Bubenhausen zu begeben, aus dem sie doch einst geflüchtet war.

Wir hätten ihr erzählen können, daß so was meist schief geht, zurück zu den Wurzeln und zurück in die Wärme der Kindheit, denn es bedeutet ja auch, zurück in den Mief und die alten Abhängigkeitsverhältnisse. Aber noch ist es nicht so weit, wir steigen mit ihr im Film ein, eine köstliche Szene, als sie sich selbstbewußt mit ihren Qualifikationen um eine ausgeschriebene Redakteursstelle bei der Lokalzeitung bewirbt, dann aber beim Vorstellungsgespräch als erstes für längere Zeit auf die Toilette entschwindet, was natürliche Ursachen der eingetretenen Periode hat, aber für den arroganten Chefradakteur bedeutet, daß die Stelle ein alter Klassenkamerad bekommt, während er ihr ein Praktikum für den Lokalteil anbietet. Sie fühlt sich zwar mißachtet und ist beleidigt, aber sie schmeißt sich voll rein und schreibt die tollsten Berichte über den Fasching, der gerade tobt, zum Beispiel. Regisseurin Lisa Miller, die auch das Drehbuch schrieb und den Schnitt leistete, nutzt die lokalen Possen, die das mit sich bringt, köstlich aus. Im dem Film nachfolgenden Gespräch im Kino des Deutschen Filmmuseums Frankfurt wird sie berichten, daß sie Knall auf Fall mit dem ganzen Team in diesen Fasching hineingeworfen wurde und sich überraschend viele Szenen aus der Situation ergaben.

f Landrauschen 09Und Toni schreibt und schreibt über diesen Fasching in Bubenhausen im Kreis Neu-Ulm, das im Bezirk Schwaben in Bayern liegt. Ach, wie kennt man das, daß kritische Berichte, etwas abgehoben, aber dafür weltumspannend generalisierend, vom Chefredakteur abgelehnt werden und er stattdessen einen Innendienstler mit dem Zusammenschreiben alter Artikel, angepaßt ans Heute, beauftragt. Ihr Mißerfolg heißt auch, daß sie dem Elternhaus noch stärker ausgeliefert ist. Dabei gibt es viel schlimmere Eltern, das wollen wir Toni gern auf den Weg geben, denn gerade ihre Mutter (Heidi Walcher) ist eine so schräge Person, daß wir ihren versteckten Alkoholismus und ihre übrigen Macken gut ertragen, besser als Toni auf jeden Fall, die genervt ist und sich kontrolliert fühlt. Eine gewichtige Figur ist auch der in sich ruhende Vater, der von einem Onkel der Regisseurin dargestellt wird.

f Landrauschen 01In diesem Dorf kennt jeder jeden und jede trifft auch jede. Und als ihr Rosa (Nadine Sauter) über den Weg läuft, atmet sie auf, denn die ist - unangepaßt - eine richtige Betriebsnudel, die das Dorf und seine Bewohner aufmischt. Dazu trägt auch ihr offensiv maskulines Verhalten bei, mit dem sie Toni mitreißt, die mit ihr die Nächte auf dem Motorrad verbringt. Erst einmal nur platonisch, aber zunehmend fühlt sich die Frau für Männer, die Toni bisher war, vom burschikosen Charme der Rosa angetörnt. Und auch der Zuschauer freundet sich immer mehr mit der Lebenslust der eigenwilligen Rosa an, die im übrigen wie die meisten im Film Laiendarstellerin ist. Und so erleben die beiden einen furiosen Sommer, der so lange ablenkt vom Stillstand im Leben, bis der Herbst kommt und zu Entscheidungen zwingt.

Aber noch sind wir im Sommer und erleben das Treiben der Dorfbewohner mit, die alle Probleme wegfeiern und wegtrinken und ihr Dorfleben zum alleinseligmachenden Leben stilisieren, also ohne Homosexualität, ohne Flüchtlinge, ohne Arbeitslosigkeit. Wie allerdings die Dorfpolizisten bei den Dörflern angesehen sind, erschließt sich nicht. Die sind auf jeden Fall die absoluten Deppen und immer wieder gibt es im Film derart komische Situationen, daß man lauthals lacht. Es ist eigentlich nie ein Lachen über die Leute, sondern eins, das aus der Komik der Situation entsteht. Solche Szenen kreiert zu haben und sie filmisch umzusetzen, ist eine der Begabungen von Lisa Miller.

f Landrauschen 04Eine andere ist es, in das Dorfleben die Politik einzuschmuggeln, so wie es ja ist, fast wia im richtigen Leben nach Gerhard Polt, und so ein Flüchtling der mutterkritischen Toni erst erzählen muß, wie wichtig Respekt gegenüber und Liebe zur Mutter ist. Köstlich auch, wenn bei Tonis Mutter dann vom notwendigen Anpassen der Flüchtlinge an unsere Lebensverhältnisse die Rede ist und Toni zurückfragt, ob an die der Mutter oder an ihre. Höchste Zeit vom unangepaßten Äußeren der Toni zu sprechen, das diese Szene zu einem Gag macht. Denn ihre gefärbten Haare in Pink korrespondieren mit ihren abgerissenen Jeans. Solche Szenen halten den Film zusammen, der manchmal ohne Richtung erscheint. Andererseits ist halt Dorfleben oft langweilig – und auch das transportiert der Film genauso wie der Eindruck, daß man ‚echte‘ Dorfbewohner erlebt.

Im anschließenden Gespräch zwischen Ulrich Sonnenschein und Lisa Miller und Kathi Wolf erschlossen sich Details des Films, der aber – sehr wichtig – auch ohne jegliche Erklärung ‚funktioniert‘. Das Dorf hat 600 Einwohner und der Dialekt, der eine wichtige Rolle spielt, sei ein bayerisches Schwäbisch, das weiß Lisa Miller genau, denn sie kommt von dort. Nur wenige Mitwirkende sind Schauspieler, „das ganze Dorf hat mitgespielt.“

Es kommt noch doller: Lisa Miller, Kathi Wolf und der ebenfalls anwesende Produzent Johannes Müller kennen sich aus der 1. Klasse in Bubenhausen. Dieses gegenseitige Vertrauen atmet der Film. Daß er beim Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken dieses Jahr nicht nur Siegerfilm wurde, sondern auch andere Preise abräumte, ist für einen Debütfilm schon erstaunlich.

PS.: Wir kamen in diesen Heimatfilm direkt aus der Pressevorführung des neuen Mamma Mia Films , in dem um die amerikanische Schauspielerin Amanda Seyfried und die britische Lily James ein großes Bohei gemacht wird. Wenn man dann in LANDRAUSCHEN das lebendige und schöne Gesicht der Kathi Wolf betrachtet, dann empfindet man, daß sich auf diesem Gesicht die ganze Welt darstellt. Weltschauspielerin.

Fotos:
Titel: © Johannes Müller
© Verleih

Info.
BESETZUNG
Toni        Kathi Wolf
Rosa      Nadine Sauter
In weiteren Rollen: Heidi Walcher, Karl Fischer, Volkram Zschiesche, Rupert Markthaler

STAB
Regie/Buch Lisa Miller
Produzenten Johannes Müller, Lisa Miller