f don1donSerie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 27. September 2018, Teil 16

N.N.

England (Weltexpresso) – „Das Problem mit Quixote ist Folgendes: Sobald dich diese Figur und das, wofür sie steht, anfixt, wirst du selbst zu Quixote. Du marschierst in den Wahnsinn, fest entschlossen, die Welt so zu machen, wie du sie dir vorstellst. Aber natürlich ist sie nicht so.” Terry Gilliam

The Man Who Killed Don Quixote blickt auf eine der längsten und kompliziertesten Entstehungsgeschichten der Filmhistorie zurück. Dass diese Produktion fast 30 Jahre nach ihren zarten Anfängen im zehnten Anlauf letztlich fertiggestellt wurde, ist verständlicherweise eine bemerkenswerte Leistung.

1989, kurz nach dem Start von DIE ABENTEUER DES BARON MÜNCHHAUSEN („The Adventures of Baron Munchausen“, 1988), machte Gilliam einem der Produzenten, Jake Eberts, einen Vorschlag: „Wir wollten unbedingt etwas zusammen machen,“ so der Regisseur. „Also rief ich Jake an und sagte: ‚Ich habe zwei Namen für dich... Einer ist Quixote. Der andere ist Gilliam. – Und ich brauche 20 Millionen Dollar.’ Jake sagte: ‚Abgemacht!’ So einfach war das. Ich las also die Bücher. Mehrere Wochen später hatte ich beide beendet und ich realisierte, dass ich diesen Film so nicht drehen konnte!“

Nach KÖNIG DER FISCHER („The Fisher King“, 1991), 12 Monkeys („Twelve Monkeys“, 1995) und Fear and Loathing in Las Vegas („Fear and Loathing in Las Vegas“, 1998), die alle in den USA spielten und entstanden, wollte Gilliam wieder in Europa arbeiten. Das neue Projekt hieß The Man Who Killed Don Quixote. Der Regisseur erklärt: „Nachdem ich begriffen hatte, dass ich Don Quixote nicht so verfilmen konnte, wie Cervantes es geschrieben hatte, fragte ich mich, ob ich einen Film machen konnte, der die Essenz von Quixote vermittelte, ohne die Bücher einzubeziehen.“ Unter dem Eindruck von sechs Monaten, in denen er sich an einer Adaption von Mark Twains „A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court“ versucht hatte, konzipierte er einen nassforschen jungen Werberegisseur – einen modernen Marketingmenschen, der irgendwie ins 17. Jahrhundert versetzt wird, wo ihn Don Quixote für Sancho Panza hält.

Gilliam arbeitete an dem Drehbuch mit Tony Grisoni, mit dem er bereits Fear and Loathing in Las Vegas entwickelt hatte. Der Autor erinnert sich: „Es ist eine Freude, mit Terry zu schreiben, aber es ist auch anstrengend. Wir spielten die Szenen nach – wir gingen sie durch, übernahmen verschiedene Rollen und dann wechselten wir. Auf diese Weise verstanden wir den Sinn der Szene, das Timing und wie die Gags funktionierten. Ich nahm das Material, schrieb, schickte ihm meine Resultate und dann trafen wir uns wieder. Das gab ihm die Freiheit, neue Ideen zu entwickeln – etwas, das frei von der Starrheit der klassischen Drehbuchstruktur war.” Die Produktion von The Man Who Killed Don Quixote begann im Herbst 2000, doch nach sechs aufreibenden Tagen war der Dreh vorüber. In der ersten Woche in Las Bardenas in der spanischen Provinz Navarra hatte die Crew nicht nur mit einer Springflut, sondern auch dem Lärm von Tieffliegern zu kämpfen. Am fünften Tag musste Quixote-Darsteller Jean Rochefort den Dreh mit massiven Schmerzen abbrechen, die ihm das Reiten unmöglich machten. Am sechsten Tag ging nichts mehr. Die Details dieses Höllenabenteuers wurden in der Dokumentation LOST IN LA MANCHA („Lost in La Mancha“, 2002) eingefangen.

Es folgten acht Jahre Pause, bis Gilliam und Grisoni 2009 zu ihrem Drehbuch zurückkehrten. Dabei gelang ihnen ein Durchbruch, bei dem sie das Skript substanziell verbesserten. So erhielt Toby eine tragfähige Hintergrundgeschichte, die von seinem Studentenfilm erzählte. Eine zweite Verbesserung war der Verzicht auf das Zeitreiseelement. Toby begegnet nicht mehr dem Don Quixote des 17. Jahrhunderts, sondern erlebt seine Abenteuer mit dem alten Schauspieler seines früheren Films, der sich für den legendären Ritter hält.

Gilliam kommentiert: „Das Projekt handelt jetzt von Filmen, vom Filmemachen und der Auswirkungen dieser Filme auf die, die sie machten. Unser Werbefachmann wurde zu einem Regisseur, der zehn Jahre zuvor in einem kleinen spanischen Dorf einen Studentenfilm gedreht hat. Als er dorthin zurückkehrt, im Glauben, dass alles so wundervoll und fabelhaft wie damals ist, findet er heraus, dass ihn die meisten Dorfbewohner nicht mögen. Denn er hat ihr Leben zerstört.“

Der Regisseur gibt auch offen zu: „Wir blieben auch deshalb in der modernen Welt, weil die billiger als das 17. Jahrhundert ist. Ich muss mir nicht den Kopf zerbrechen, wie ich Telefonleitungen entferne. Ich kann eine moderne Straße haben!”

Nach 2009 nahm das Autorenduo noch viele Justierungen vor. „Wir arbeiteten das Skript im Schnitt zweimal pro Jahr um“, so Grisoni. „Manchmal sogar öfter, abhängig davon, ob es wieder eine Chance gab, in Produktion zu gehen. Wenn das passierte, bekam ich einen Anruf von Terry! Und so haben wir jetzt, wie ich glaube, ein wirklich großartiges Drehbuch.“

Fotos:
© Verleih

Info:

DIE BESETZUNG
Adam Driver (Toby)
Jonathan Pryce (Don Quixote)
Stellan Skarsgård (Der Boss)
Olga Kurylenko (Jacqui)
Joana Ribeiro (Angelica)
Óscar Jaenada (Der Zigeuner)
Jason Watkins (Rupert)
Sergi López (Der Bauer)
Rossy De Palma (Die Bauersfrau)
Hovik Keuchkerian (Raúl)
Jordi Mollá (Alexei Mishkin

Spanien, Frankreich, Belgien, Portugal, 2018, 133 Minuten

Abdruck aus dem Presseheft