20berlmortos70. Berlinale vom 20. 2. - 1. 3.2020, WETTBEWERB, Teil 6/18

Claudia Schulmerich

Berlin (Weltexpresso) – All die Toten sind schon sehr lange tot, auch wenn am Schluß die Hauptperson Ana durch die Straßen von heute wandelt, angezogen im Stil der Höheren Töchter von 1899 in Brasilien, hier São Paulo. Denn zu dieser Zeit spielt die Geschichte, die den Umbruch in Brasilien nach der Abschaffung der Sklaverei zum Thema hat, die wiederum Bezüge zum Heute aufweist.

Und wie wir meinen, ist auch die Abwesenheit von Männern ein deutliches Thema . Zumindest in dieser Familie Soares, in der wir zwei Stunden zubringen, wohin aber auch Teile einer anderen Familie zurückkehren, bwz. einsickern. Die Hauptfamilie besteht aus den ehemaligen Besitzern einer Kaffeeplantage, die Witwe mit zwei mittelalten Töchtern, wobei Ana mehr als psychisch labil, eher ein echter Psychofall ist, die andere Tochter eine katholische Schwester namens Maria (Clarissa Kiste) in entsprechender Tracht versucht, die Familie zusammenzuhalten.

Wir lernen die drei Frauen kennen, als das letzte verbliebene Hausmädchen – eine ausgewachsene ältere schwarze Frau, für die es keinen anderen Begriff gibt, denn eine Hausdame ist sie nicht, sondern das Mädchen für alles – aus den Kaffeevorräten der Familie den köstlichen Kaffee zubereitet, wie nur sie es kann. Und dann ist sie tot. Ersatz gibt es nicht, denn für eine normale Angestellte ist kein Geld mehr da, die Familie ist verarmt, hält aber ihren Anspruch an ein besseres Leben noch hoch.

Die Mutter zeigt das als tragische Figur, die ladylike den Ruin abwickelt, wozu gehört, daß sie so tut, als ob alles wie früher wäre. Ana ist das große Problem. Sie spielt auf dem Flügel moderne heitere Musik, wird von der Mutter aber zu elegische Klaviertönen verpflichtet. Sie hat den gefährlichen Wahn, alles, was ihr gegen den Strich geht, im Gartenbeet zu beerdigen, d.h. der Spaten wird von ihr immer wieder geschwungen. Kaffeesäcke, Erschlagene etc. Sie wirkt wie abgestorben, ihre Gespenster sind nicht nur in ihr, sie wirkt selbst wie eines.

Sozusagen Gegenspieler der Drei-Frauen-Familie ist ihre ehemalige Sklavenfamilie Nascimento, wo Iná ( Mawusi Tulani) die einzige starke Figur abgibt, die ihrem Sohn eine bessere Welt bieten will. In diesem Sohn, der neugierig und selbstbewußt ins Leben blickt, ist die einzige Hoffnung im Film auszumachen, der ansonsten das Ende von etwas zeigt, damit auch, wo es nicht weitergeht. Von Maria, der katholischen Schwester muß nichts weiter erzählt werden, weil ihre Hauptaufgabe die Stabilisierung ihrer labilen Schwester ist.

Im Kern geht es um die Gespenster der Vergangenheit, die die Gegenwart vergiften. Der Begriff der Gespenster, der im Film ständig verwandt wird, ist mehrdeutig. Hier bezieht er sich auf den aus Angola mitgewanderten Ahnenkult, wo stellvertretend agiert wird. Über allem hängt eine Glocke von unabänderlichem Unglück, was die Musik widerspiegelt, die sozusagen eine eigene Rolle im Film einnimmt.

Was dieser Film mit heute zu tun hat, ob man Strukturen von Ende des 19. Jahrhunderts heute identisch vorfindet oder welche Bezüge die Skavenhaltergesellschaft mit den derzeitigen antidemokratischen Tendenzen, ach, was heißt Tendenzen, mit blutigen Zerschlagungen bisheriger Strukturen hat, können wir ohne weitere inhaltliche Beschäftigung als das, was der Film uns zeigt, nicht verifizieren. Es bleibt das Gefühl, etwas Wichtiges gesehen zu haben, ein Gefühl eben, kein Wissen. Aber dazu sind Filme auch nicht da.

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Info:
Regie: Caetano Gotardo, Marco Dutra

Darsteller
Mawusi Tulani (Iná),
Clarissa Kiste (Maria) ,
Carolina Bianchi (Ana),
Thaia Perez (Isabel),
Agyei Augusto (Joao)